den Karlsbader Gästen gleiche, denen die heisse Quelle alle verheimlichten Krankheitmaterien auf die äussere Haut herausjagt – er sah, dass die meisten alten und schlimmsten Advokaten bloss darin eine schöne Ähnlichkeit mit den Giftpflanzen behaupten, dass sie, wie diese, in ihrer Jugend und Blütenzeit nicht halb so giftig sind, sondern mehr unschädlich; er sah, dass ein gerechtes Urteil oft so viel schade als ein ungerechtes, und dass man gegen beide appelliere – er sah, dass es leichter und ekelhafter zugleich sei, ein Richter als ein Advokat zu sein, nur dass beide durch ein Unrecht nichts verlieren, sondern dass der Richter für ein kassiertes Urteil so gut bezahlt wird als der Advokat für einen verlornen Prozess und sie also vom Rechtsfalle wie Schaffhäuser vom Rheinfalle gemächlich leben – dass man bei den Untertanen den Grundsatz der Stallbedienten handhabe, welche die Striegel für die halbe Fütterung des Pferdes halten – er sah endlich, dass niemand schlimmer daran fährt als eben der, ders sieht, und dass der Teufel nichts seltener hole als Teufel....
Unter solchen arbeiten und Ansichten ziehen sich die weichen Herzadern gerinnend zusammen, und die offnen arme des inneren Menschen werden gelähmt – der beladene Mensch behält kaum den Wunsch zu lieben, geschweige die Zeit. Stets lieben und suchen wir Sachen auf Kosten der Personen, und der Mensch, der zu viel arbeitet, muss zu wenig lieben. Der arme Firmian hörte jeden Tag nur an einer einzigen Stätte die Bitten und Wünsche seiner weichen Seele an, nämlich auf dem Kopfkissen, dessen Überzug sein weisses, auf seine nassen Augen wartendes Schnupftuch war. Über seiner ganzen alten Welt stand eine Sündflut aus Tränen, und nichts schwamm darin empor als die beiden schlaffen Totenkränze der gestorbnen Tage, Nataliens und Lenettens VorsteckBlumen, gleichsam die versteinerten Arzneiblumen seiner erkrankten Seele, die Einfassgewächse verheerter Beete.
Vom Reichsmarktflecken konnte' er, da er so abgerissen und in keinem Winkel des elliptischen Gewölbes stand, so wenig zu Ohren bekommen als von Schraplau; von Lenetten und Natalien nichts. Bloss aus dem Anzeiger und Götterboten deutscher Programmen ersah er, dass er Todes verfahren sei, und dass das kritische Institut sich um einen seiner besten und emsigsten Mitarbeiter verlustigt sehe – welcher Nekrolog den Inspektor früher belohnte als irgendeinen deutschen Gelehrten, und nicht später als den olympischen Sieger Eutymus169, dem ein Ausspruch des delphischen Orakels Opfer und Vergötterung noch bei seinen Lebzeiten zuerkannte. Ich weiss nicht, welche Ohren die deutsche Famas-Trompete lieber anbläset, ob taube oder lange. –
Und doch bewahrte Siebenkäs mitten im Eismonate seines Liebe flehenden Herzens und in der Wüste seiner Einsamkeit noch eine lebendige prangende Blume – und dies war Nataliens Abschiedkuss. – O, wüsstet ihr, die ihr an unsrer Unersättlichkeit verhungert, wie ein Kuss, der ein erster und ein letzter ist, durch ein Leben hindurch blüht als die unvergängliche Doppelrose der verstummten Lippen und glühenden Seelen, ihr würdet längere Freuden suchen und finden. Jener Kuss befestigte in Firmian den Geisterbund und verewigte die Liebe auf ihrem Blütengipfel; die stillen Lippen sprachen fort vor ihm – das Geisteswehen von Hauch zu Hauch webte fort – und so oftmals er auch in seinen Nächten hinter den geschlossenen nassen Augen Natalien mit ihren erhabnen Schmerzen von sich scheiden liess und verschwinden in die dunkeln Laubengänge: so wurde' er doch des Abschieds und der Schmerzen und der Liebe nicht satt.
Endlich nach sechs Monaten – an einem schönen Wintermorgen, als die weissen Berge mit ihren schneekristallenen Wäldern sich gleichsam im Rosenblute der Sonne badeten, und als die Flügel der Morgenröte länger aufgeschlagen sich auf die blinkende Erde legten – da flog ein Brief, wie von Morgenwinden eines künftigen Lenzes früher hergetrieben, in Firmians leere Hand – er war von Natalien, die ihn, wie jeder, für den vorigen Heinrich ansah.
Teurer Leibgeber!
Länger kann ich nicht über mein Herz gebieten, das jeden Tag vor dem Ihrigen auseinandergehen oder zerspringen wollte, bloss um Ihnen alles zu zeigen, was darin verwundet ist. Sie waren ja doch einmal mein Freund: bin ich ganz vergessen? Hab' ich Sie auch verloren? – Ach, gewiss nicht, Sie können nur vor Schmerz nicht mit mir reden, weil Ihr Firmian an Ihrem Herzen starb und nun totenkalt auf der schmerzenden Stelle ruht und zerfällt. O warum haben Sie mich beredet, Früchte, die auf seinem grab wachsen, anzunehmen und mir jedes Jahr gleichsam seinen Sarg öffnen zu lassen?170 Der erste Tag, wo ichs bekam, war bitter; bitterer als je einer. Wie mir zuweilen ist, das sehen Sie aus einem kleinen Neujahrwunsch, den ich an mich selber gerichtet, und den ich beilege. Eine Stelle darin geht einen weissen Rosenstock an, dem ich im Zimmer einige blasse Rosen mitten im Dezember abgewann. – Mein Freund, nun geben Sie einer Bitte Gehör, die der Anlass dieses Schreibens ist, meiner heissesten Bitte um Schmerzen, um grössere: dann hab' ich Trost; zeigen Sie mir nur an, weil es niemand weiter vermag und ich niemand kenne, wie die letzten Stunden und Minuten unsers Teueren waren, was er sagte und was er litt, und wie sein Auge brach, und wie sein Leben aufhörte; alles, alles, was mich durchschneiden wird, das muss ich wissen – was kann es mich und Sie kosten als Tränen? Und diese laben ja ein krankes Auge. Ich bleibe
Ihre
Freundin
Natalie A.
N. S. Wenn mich nicht so viele Verhältnisse zurückzögen, so würde ich