1796_Jean_Paul_051_195.txt

mehr als mir selber beigepflichtet, bloss weil sich Firmian noch mehr von seinen vorigen Unterredungen mit dem Grafenfreilich aus Leibgebers Tagebuchentsann als der Graf selber.

Indes, da er als der Geschäftträger und Lehnträger seines geliebten Heinrichs zu sprechen und zu handeln hatte: so war er wenigstens zweierlei in einem hohen Grade zu sein gezwungen, lustig und gut. Leibgebers Laune hatte eine stärkere Farbengebung und freiere Zeichnung und einen poetischern, weltbürgerlichern und idealern Umfang168 als Firmians seine; daher musste dieser seinen Kammerton zu jenes Chorton hinaufstimmen, um ihn, wenn nicht zu erreichen, doch nachzuahmen. Und dieser Schein einer heitern Laune setzte sich am Ende in eine wahre um. Auch trug sein feines Gefühl und seine Freundschaft immer Heinrichs vergrössertes, glänzendes Bild, auf dessen Haupt sich der Strahlenreif und Lorbeerkranz durchflochten, vor ihm, wie an einer Mosis-Wolkensäule, auf seinem Lebenswege her, und alle Gedanken in ihm sagten: "Sei herrlich, sei göttlich, sei ein Sokrates, bloss um dem geist, dessen Abgesandter du bist, Ehre zu machen." Und welchem von uns wär' es möglich, den Namen einer geliebten person zu nehmen und unter diesem zu sündigen? –

Niemand wird in der Welt so oft betrogennicht einmal die Weiber und die Fürstenals das Gewissen; der Inspektor machte dem seinigen weis: er habe ja ohnehin in frühern Jahren, wie bekannt, Leibgeber geheissen, gerade so, wie er sich jetzt schreibe auch tu' er dem Grafen Vorschub genugund wer sei mehr entschlossen als er, einmal wenn sichs schickt, diesem alles haarklein zu beichten, den, wie leicht vorauszusehen, eine solche humoristische, juristische Falschmünzerei und malerische Täuschung schöner überraschen müsse als alle notwendige Vernunftwahrheiten und responsa prudentum, nicht zu erwähnen der gräflichen Freude, dass hier derselbe Freund und Humorist und Jurist zweiköpfig, zweiherzig, vierbeinig und vierarmig, kurz in duplo zu haben sei. Aber erwähnen müss' er doch dieses, dass er mehr Not- als Scherzlügen vorbringe, indem er an die vergangenen Unterredungen und Verhältnisse Leibgebers so ungern als selten anstreife und sich öfter über seine eignen nächsten, die keine Wahrheit ausschliessen, verbreite.

So ist nicht der Inspektor, sondern der Mensch; dieser hat einen unbeschreiblichen Hang zur Hälftevielleicht weil er ein auf zwei Welten mit ausgespreizten Beinen stehender Kolossus und Halbgott ist –, namentlich zu Halbromanenzum Halbfranko des Eigennutzeszu halben Beweisenzu Halbgelehrtenzu halben Feiertagenzu Halbkugeln und folglich zu ehelichen Hälften. –

Die neuen Anstrengungen aller Art verbargen ihm in den ersten Wochen (wenigstens solange die Sonne schien) seine Schmerzen und seine sehnsucht. Den grössten Freudenzuschuss lieferte ihm aber des Grafen Zufriedenheit mit seinen juristischen Kenntnissen und pünktlichen arbeiten. Als ihm dieser gar einmal sagte: "Freund Leibgeber, Ihr haltet brav, was Ihr mir früher versprochen; Euere Einsicht und Pünktlichkeit in Geschäften macht Euch neue Ehre; denn ich gestehe gern, dass ich einige Zweifel darüber bei aller meiner achtung für Euere andern Talente nicht gern gehegt; denn Geschäfte trenn' ich wie Euer Friedrich II. durchaus von Gesprächen, und für jene foder' ich jeden nur möglichen schulgerechten und pünktlichen gang" – da dachte und frohlockte er heimlich in sich: "So hab' ich doch meinem Lieben einen Tadel abund ein Lob zugewandt, das er am Ende, sobald er es nur gewollt, auch selber sich hätte erringen können."

Nach einer solchen Opferfreude will der Menschwie Kinder tun, die immer, wenn sie etwas gegeben, nicht nachlassen wollen zu gebenimmer stärkere Opferfreuden haben und Opfer bringen. Er packte seine Auswahl aus des Teufels Papieren aus und gab sie dem Grafen und sagte ihm ganz unverhohlen: er habe sie gemacht. "Ich täusch' ihn damit nicht im geringsten", dachte' er, "ob er sie gleich Leibgebern zuschreibt; denn ich heisse jetzt eben nicht anders." Der Graf konnte die Papiere gar nicht genug lesen und loben, und besonders erfreuete er sich an dem treuen Eifer, womit der Verfasser von seinen beiden Landsleuten, dem britischen Zwillinggestirn des Humors, Swift und Sterne, sich die rechten Wege des Scherzes zeigen lassen. Siebenkäs hörte sein Buch mit solchen Genusse und mit einem so seligen Lächeln loben, dass er ordentlich wie ein eitler Autor aussah, indes er nichts als ein Verliebter in seinen Heinrich war, auf dessen Namen und Gestalt in des Grafen Seele er einige Lorbeerkränze mehr hatte spielen können.

Aber dieses einzige Erfreuliche war ihm auch als Trost und Labsal für ein Leben vonnöten, das beschattet und kalt zwischen zwei steilen Ufern von Aktenstössen fortschoss, von Woche zu Woche, von monat zu monat; ach, er hörte nichts Bessersbloss den guten Grafen ausgenommen, dessen ungewöhnliche Güte noch wärmer seinen Busen umflossen hätte, wenn er ihm dafür unter fremdem und eignem Namen zugleich hätte danken dürfenich sage, er hörte nichts Bessers als die Wellen seines Lebens, die zuweilen murmelten. Er kam täglich in die wiederholte harte Lage eines Kunstrichtersder er auch gewesen –, nämlich das lesen zu müssen, was er richten musste, sonst Autoren, jetzt Advokatener sah in so viel leere Köpfe, in so viel leere Herzen; in jenen so viel Dunkelheit, in diesen so viel Schwärzeer sah, wie sehr das gemeine Volk, wenn es zur EgerienQuelle der juristischen Dintenfässer reiset, um sich Blasensteine weg zu bringen,