Schmerzens und warf sich an die treue Brust, aber der Schwur hielt seine Zunge und so drückten die zwei Elenden oder Seligen, stumm und blind und weinend, ihre zwei schlagenden Herzen noch einmal recht nahe aneinander. – Und als die sprachlose, qualenvolle, wonnevolle Minute vorüber war: so riss sie eine eiserne, kalte auseinander, und das Schicksal ergriff sie mit zwei allmächtigen Armen und schleuderte das eine blutige Herz nach Süden, und das andere nach Norden – und die gebückten, stillen Leichname gingen langsam und allein den wachsenden Scheideweg weiter in der Nacht.... Und warum bricht denn mir mein Herz so gewaltsam entzwei, warum konnte' ich schon lange, eh' ich an diese Trennung kam, meine Augen nicht mehr stillen? O es ist nicht, mein guter Christian, darum, weil in dieser Kirche die ruhen und zerfallen, die an deinem und meinem Herzen gewesen waren. – Nein, nein, ich hab' es schon gewohnt, dass in der schwarzen Magie unsers Lebens an der Stelle der Freunde plötzlich Gerippe aufspringen – dass einer davon sterben muss, wenn sich zwei umarmen167 – dass ein unbekannter Hauch das dünne Glas, das wir eine Menschenbrust nennen, bläset, und dass ein unbekannter Schrei das Glas wieder zertreibt. – Es tut mir jetzt nicht mehr so weh wie sonst, ihr zwei schlafenden Brüder in der Kirche, dass die harte, kalte Todeshand euch so früh vom Honigtau des Lebens wegschlug, und dass euere Flügel aufgingen, und dass ihr verschwunden seid – o ihr habt entweder einen festern Schlaf als unsern oder freundlichere Träume als unsere oder ein helleres Wachen als unseres. Aber was uns an jedem Hügel quält, das ist der Gedanke: "Ach wie wollt' ich dich gutes Herz geliebet haben, hätt' ich dein Versinken vorausgewusst." Aber da keiner von uns die Hand eines Leichnams fassen und sagen kann: "du Blasser, ich habe dir doch dein fliegendes Leben versüsset, ich habe doch deinem zusammengefallenen Herzen nichts gegeben als lauter Liebe, lauter Freude" – da wir alle, wenn endlich die Zeit, die Trauer, der Lebens-Winter ohne Liebe unser Herz verschönert haben, mit unnützen Seufzern desselben an die umgeworfenen Gestalten, die unter dem Erdfall des Grabes liegen, treten und sagen müssen: "O dass ich nun, da ich besser bin und sanfter, euch nicht mehr habe und nicht mehr lieben kann – o dass schon die gute Brust durchsichtig und eingebrochen ist und kein Herz mehr hat, die ich jetzt schöner lieben und mehr erfreuen würde als sonst" – was bleibt uns noch übrig als ein vergeblicher Schmerz, als eine stumme Reue und unaufhörliche bittere Tränen? – Nein, mein Christian, etwas Bessers bleibt uns übrig, eine wärmere, treuere, schönere Liebe gegen jede Seele, die wir noch nicht verloren haben.
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Tage in Vaduz – Nataliens Brief – ein
Neujahrwunsch
Wildnis des Schicksals und des Herzens
Wir finden unsern Firmian, der nach seinem Abschiede aus der Welt, wie Offiziere nach dem ihrigen, höher gestiegen war nämlich zum Inspektor –, in der Inspektorwohnung zu Vaduz wieder. Er hatte sich jetzt durch so viele verwachsene Stechpalmen und Dornenhecken durchzuwinden, dass er darüber vergass, er sei allein, so ganz allein in der Welt. Kein Mensch würde die Einsamkeit verwinden und dulden, wenn er sich nicht die Hoffnung einer künftigen Gesellschaft oder einer jetzigen unsichtbaren machte.
Bei dem Grafen hatte er nichts zu scheinen als das, was er war; dann blieb er dem freien Leibgeber am ähnlichsten. Er fand in ihm einen alten Weltmann, der einsam, ohne Frau, Söhne, ohne weibliche Dienerschaft, seine grauen Jahre mit den Wissenschaften und Künsten – die längsten und letzten Freuden eines ausgenossenen Lebens – nachfüllte und schmückte und der auf der Erde – den Spass darüber ausgenommen – nichts mehr recht lieb hatte als seine Tochter, mit welcher eben Natalie unter den Sternen und Blüten der Jugendtage geschwärmt.
Da er in früherer Zeit alle Kräfte des Geistes und Leibes daran gesetzt, um die schlüpfrigsten und höchsten Cocagnebäume der Freude zu erklettern und abzuleeren: so kam er mit beiden Teilen seines Wesens etwas matt von ihnen herunter; sein geistiges Leben war jetzt eine Art von Pflegen und Liegen in einer lauen Badwanne, aus welcher er nicht ohne Regenschauer sich aufrichten konnte und in welcher immer Warmes nachgegossen werden musste. Der EhrenPunkt des Wortaltens und das höchste Glück seiner Tochter waren die einzigen unzerrissenen Zügel, womit ihn das moralische Gesetz von jeher festgehalten; indes er andere Bande desselben mehr für Blumenketten und Perlenschnüre nahm, die ein Weltmensch so oft in seinem Leben wieder zusammenknüpft.
Da man sich leichter hinkend als gerade gehend stellen kann, so hatte' es Siebenkäs hierin leichter, den lieben hinkenden Teufel, seinen Leibgeber, zu spielen. Der Graf stutzte bloss über seine natürliche weisse Schminke auf dem Gesicht und über seine Trauermiene und über eine Menge unnennbarer Abweichungen (Varianten und Aberrationen) von Leibgeber; aber der Inspektor half dem Lehnherren durch die Bemerkung aus dem Traum, dass er sich selber kaum mehr kenne und sein eigner Wechselbalg oder Kielkropf geworden sei, seit dass er krank gewesen und dass er seinen Universitätfreund Siebenkäs in Kuhschnappel habe einschlafen und aus der Zeitlichkeit gehen sehen. Kurz, der Graf musste glauben, was er hörte – wer denkt an eine so närrische Historie, als ich hier auftrage? – und wäre damals mein Leser im Zimmer mit dabei gestanden, so hätte er dem Inspektor