1796_Jean_Paul_051_193.txt

tun, alles einander, was jeder sah. Heinrich zeigte ihm das um den Fuss des berges aufgeschlagene Lager der Stadt, die wie eingeschlummert zusammengesunken schien, und in der nichts rege war als die flimmenden Lichter. Der Strom ringelte sich unter dem mond mit einem schillernden rücken wie eine Riesenschlange um die Stadt und streckte sich durch zwei Brücken aus. Der halbe Schimmer des Mondes und die weissen durchsichtigen Nebel der Nacht hoben die Berge und die Wälder und die Erde in den Himmel, und die wasser auf der Erde waren gestirnt, wie die blaue Nacht darüber, und die Erde führte, wie der Uranus, einen doppelten Mond, gleichsam an jeder Hand ein Kind.

"Im grund", fing Leibgeber an, "können wir uns alle beide immer sehen, wir dürfen nur in einen gemeinen Spiegel schauen, das ist unser Mondspiegel165." – "Nein", sagte Firmian, "wir wollen eine Zeit ausmachen, wo wir zugleich aneinander denkenan unsern Geburttagen und an meinem pantomimischen Sterbetag und am jetzigen." – "Gut, das sollen unsere vier Quatember sein", sagte Leibgeber.

Auf einmal drückte des letzten Hand auf eine wahrscheinlich von Schlossen erlegte Lerche. Er fassete plötzlich Firmians Achsel und sagte, ihn aufziehend: "Steh auf, wir sind Männerwas soll das alles? – Lebe wohl! – Gott soll mich mit tausend Donnerkeilen zerknirschen, wenn du mir je aus dem kopf und aus dem Herzen kommst. Du sitzest mir ewig so warm in der Brust wie ein lebendiges Herz. Und so gehab dich denn wohl, und auf dem Berghemschen Seestück deines Lebens sei keine Welle so gross wie eine Träne. Fahre wohl!" – Sie wuchsen ineinander und weinten herzlich, und Firmian antwortete noch nicht: seine Finger streichelten und drückten das Haar seines Heinrichs. Endlich lehnt' er bloss sein Halbgesicht an die geliebten Augen; vor seinen schimmerte das weite Geklüft der Nacht, und seine vom Kusse abgewandten Lippen sagten, aber ohne allen Tonfall: "Lebe wohl, sagst du zu mir? Ach, das kann ich ja nicht, wenn ich meinen treuesten, meinen ältesten Freund verloren habe. Die Erde bleibt mir nun so verschattet, wie sie jetzt um uns steht. Es wird mir einmal hart fallen im tod, wenn ich in meiner Finsternis mit der Hand herumgreife nach dir und im Fieber denke, das Sterben sei wieder verstellet wie dasmal, und wenn ich sage 'Heinrich, drücke mir wieder die Augen zu, ich kann ohne dich nicht sterben.'" – Sie schwiegen in einem krampfhaften Umschlingen. Heinrich lispelte in seine Brust herab: "Frage mich, was ich dir noch sagen soll, dann soll mich Gott strafen, wenn ich nicht verstumme." Firmian stotterte: "Wirst du mich fortlieben, und sehe' ich dich bald wieder?" – "Spät", antwortete er; "– und ohne Aufhören lieb' ich dich." Unter dem Abreissen hielt und bat ihn Firmian: "Wir wollen uns nur noch einmal ansehen." Und sie bogen sich mit den von den Strömen der Rührung zerrissenen Angesichtern auseinander und blickten sich zum letztenmal an, als der Nachtwind, wie der Arm eines Stroms, sich mit dem tiefen Flusse vereinigte und beide in grösseren Wellen fortbrausten, und als das weite Gebirge der Schöpfung sich unter dem trüben Schimmer gebrochner Augen erschütterte. Aber Heinrich entriss sich, machte eine Bewegung mit der Hand, gleichsam als "alles sei aus", und nahm seine Flucht an der Anhöhe hinunter.

Firmian wurde' ihm nach einiger Zeit, ohne es zu wissen, vom Stachelrad des Schmerzes nachgestossen, und der von Blutschrauben taub gequetschte innere Mensch fühlte jetzt die Abnahme seines Gliedes nicht. Beide eilten, obwohl von Tälern und Bergen auseinandergeworfen, denselben Weg. Sooft Heinrich einmal stand und zurücksah, so tat Firmian beides auch. Ach nach einem solchen schwülen Sturm erstarren alle Wogen zu Eisspitzen, und das Herz liegt durchstochen auf ihnen. Klang es nicht unserem Firmian, da er mit diesem zerbrochenen Herzen über unkenntliche, dämmernde Pfade lief, klang es ihm nicht, als läuteten hinter ihm alle Totenglockenals flöge vor ihm das entrinnende Leben dahinund da er den blauen Himmel durchschnitten sah von einem schwarzen Wetterbaum166, der auf den Sternen wie eine Bahre für die Zukunft stand, musst' es da nicht um ihn rufen: mit diesem Massstab aus Dunst nimmt das Schicksal von euch und euerer Erde und euerer Liebe das Mass zum letzten Sarge? –

Heinrich wurde' endlich aus der Fortdauer desselben Zwischenraums zwischen ihm und der abgekehrten Gestalt gewahr, dass sie ihm folge, und dass sie nur stocke, wenn er halte. Er nahm sich daher vor, im nächsten dorf, das seinen Stillestand verdeckte, der nachschleichenden Gestalt zu stehen. Im nächsten, in ein Tal versenkten dorfTöpenwartete er die Ankunft des nachfolgenden unkenntlichen Wesens im breiten Schatten einer blinkenden Kirche ab. Firmian eilte über die weisse, breite Strasse, trunken vom Schmerz, blinder im Mond, und erstarrete nahe vor dem Abgetrennten. Sie waren einander gegenüber, wie zwei Geister über ihren Leichen, und hielten sich, wie der Aberglaube das Getöse der lebendig Begrabnen, für Erscheinungen. Firmian zitterte, aus Furcht, dass sein Liebling zürne, und machte von ferne die bebenden arme auf und stotterte: "ich bins, Heinrich" und ging ihm entgegen. Heinrich tat einen Schrei des