fing Leibgeber von neuem an, aber zehnmal kräftiger und trug ein so schönes schmelzendes Mundorgelstück vor, dass Siebenkäs ihm vier weite Schritte nachtat und – indem er zu gleicher Zeit mit der Linken das Tuch über seine nassen Augen deckte und die Rechte sanft auf Heinrichs Lippen legte – zu ihm fast stotternd sagte: "Heinrich, schone mich! Ich weiss nicht wie; aber heute ergreift mich jeder Ton gar zu stark." Der Musiker sah ihn an – Leibgebers ganze innere Welt war im Augapfel dann nickte er stark und schritt schweigend heftig voraus, ohne sich umzuschauen oder angeschauet zu werden. Doch setzten die hände, vielleicht unwillkürlich, in kleinen Taktregungen einiges von den Melodieen fort.
Endlich erreichten sie beklommen das Grubstreet oder die Münz-Stadt, wo ich gegenwärtige Assignate für halbe Welten kütte und färbe164 – Hof nämlich. Es ist freilich mein Vorteil nicht, dass ich damals von allem nichts erfuhr, was nun halb Europa erfährt durch mich – ich war damals noch jünger und sass einsam zu haus als Kopfsalat, willens, mich zu einem Kopf zu schliessen, welches Schliessen, sowohl beim Menschen als beim Salat, durch nichts mehr gehindert wird als durch nachbarliches Berühren des Nebensalats. Es ist für einen Jüngling leichter, süsser und vorteilhafter, aus der Einsamkeit in die Gesellschaft überzutreten (aus dem Gewächshause in den Garten), als umgekehrt aus dem Markte in den Winkel. Ausschliessende Einsamkeit und ausschliessende Geselligkeit sind schädlich, und, ihre Rangordnung ausgenommen, ist nichts so wichtig als ihr Tausch.
In Hof bestellte Siebenkäs zwei Zimmer bei dem Gastwirte, weil er glaubte, erst am Morgen trenne sich Leibgeber von ihm. Aber dieser – welchen sein eigenes Vorausbestimmen des Scheidens und das Fürchten vor demselben längst geärgert – hatte sich innerlich geschworen, noch heute den Riss zu tun zwischen zwei Geistern und nachher davon zu laufen ins Sächsische, wär's auch in der Nacht um 11 3/4 Uhr, aber in jedem Falle doch heute. Gefällig bezog er sein Zimmer, riegelte die Scheidetüre am Siebenkäsischen auf und dachte an die Pfeifmelodien, die ihm wie dem Advokaten noch im kopf steckten, wenn nicht im Herzen; aber bald lockte er ihn aus dem ausgeleerten taubstummen Zimmer in den zerstreuenden Wirrwarr der Wirtstube; verharrte auch da nicht lange, sondern bat ihn, als das erste Viertel des Monds gerade als brennende Lampe über einem Laternenpfahl auf dem Markt stand, die Stadt mit ihm zu umschiffen. Beide gingen und kletterten die Allee hinauf und sahen in die Höfer Gärten im Stadtgraben hinab, die vielleicht verdienen, die künstlichen Wiesen zu verdrängen, da sie mehr als andere Wiesen für das Vieh besäet sind. Daraus leit' ichs ab, dass Leibgeber, der in der Schweiz gewesen, nachts so spät die Bemerkung machte – denn die von der natur geschmückte und adoptierte und von der Kunst enterbte Gegend dehnte sich vor ihm hin-, dass die Höfer den Schweizern glichen, deren ganzes Land ein englischer Garten wäre, ausgenommen die wenigen Gärten darin.
Beide zogen immer weitere Parallelen um die Stadt. Sie kamen über eine brücke, von der sie einen bloss mit Gras besetzten Rabenstein erblickten, der sie an jene andere Eisregion mit ihrem Krater erinnerte, wo sie gerade vor einem Jahre in der Nacht voneinander geschieden waren; aber mit der schönern Hoffnung eines frühern Wiedersehens. Zwei solche Freunde wie diese haben in ähnlichen Lagen immer gleiche Gedanken; jeder ist, wenn nicht das Unisono, doch die Oktave, die Quinte, die Quarte des andern. Heinrich suchte im dunkeln Klag- und Trauerhaus seines Freundes wieder einiges Licht durch die Vogelstange anzustecken, die, wie ein Kommandostab und Brandpfahl, nicht weit von der Stelle des Königsbannes stand, und merkte an: "Ein Schützenkönig hat hier neben dem Springstab und Hebebaum, woran du dich zum grossen Negus und grossen Mogul von Kuhschnappel aufschwangest, auf eine schöne Art seinen Rabenstein, seinen malefizischen Sinai an der Hand, auf dem er seine gesetz sowohl geben als rächen kann... Buffons Naturgesetz, dass jedem Hügel allemal ein zweiter von gleicher Höhe und Materie gegenüberstehe, fasset viele korrespondierende Höhen unter sich, z.B. hier Rabenstein und Tron – in grossen Städten grosse Häuser und petites maisons – die beiden Chöre in den Kirchen – das fünfte Stockwerk und den Pindus – Schaubühnen und ausserordentliche Lehrstühle."
Als Firmian, in trübere Ähnlichkeiten eingesunken, schwieg: so schwieg er auch. Er führte ihn nun – denn er war in der ganzen Gegend bewandert – einem andern Stein mit einem schönern Namen entgegen, auf den"fröhlichen Stein". Firmian tat endlich, indem sie sich dazu den Berg hinaufarbeiteten, an ihn die mutige Frage: "Sage mir es, ich bin gefasset, geradezu und auf deine Ehre: wann gehest du auf immer von mir?" – "Jetzt", antwortete Heinrich. Unter dem Vorwand, den blühenden, in duftende Bergkräuter gekleideten Bergrücken leichter zu ersteigen, hielt sich jeder an die Hand des andern an, und unter dem Hinaufarbeiten wurde jede aus scheinbar-mechanischem Zufall gedrückt. Aber der Schmerz durchzog Firmians Herz mit wachsenden grösseren Wurzeln und spaltete es weiter, wie Wurzeln Felsen. Firmian legte sich auf dem grauen Felsen-Vorsprung nieder, der abgetrennt in die grünende Anhöhe, wie ein Grenzstein, eingeschlagen war; aber er zog auch seinen scheidenden Liebling an seine Brust herab: "Setze dich noch einmal recht nahe an mich", sagt' er. Sie zeigten, wie Freunde