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den Vorschlag, im Gastofe bei so schöner Musse, da in und ausser der eingassigen Stadt nichts zu sehen sei, die Kleider gegeneinander auszuwechseln, besonders deswegenführte er als triftigen Grund an –, damit der Graf von Vaduz, der ihn seit Jahren nicht anders als in gegenwärtigem Anzuge gesehen, sich bei dem Advokaten an nichts zu stossen brauche, sondern alles genau so wie sonst antreffe, sogar bis auf den Schuhabsatz mit Nägeln herab. Das fiel ordentlich wie ein breiter Streif warmer Februarsonne auf des Advokaten Brust, der Gedanke, künftig von Heinrichs Ärmeln gleichsam umarmt und von allen seinen äussern Reliquien umfasst und erwärmt zu werden. – Leibgeber ging ins Nebenzimmer und warf zuerst seine kurze grüne Jacke durch die halboffne Tür hindurch und rief: "Schanzlooper herein" – dann nach der Halsbinde und Weste lange Beinkleider mit Lederstreifen, sagend: "kurze herein!" – und endlich gar sein Hemde mit den Worten: "das Totenhemd her!"

Das hereingeworfne Hemd wurde dem Advokaten auf einmal der Zeichendeuter Leibgebers, er erriet, dass dieser mit der Körperwanderung in Kleider auf etwas Höheres ausgelaufen als auf einen Rollenanzug für Vaduz; nämlich auf das Bewohnen des Gehäuses oder der Hülle, die seinen Freund umschlossen hatte. In einem ganzen Band von Gellertischen oder Klopstockischen Briefen voll Freundschaft, in einer ganzen Woche voll Leibgeberscher Opfertage lag für den Advokaten nicht so viel liebes und Süsses als in diesem Kleider-Beerben. Er wollte seine beglückende Ahnung nicht durch Aussprechen enteiligen; aber bestärkt wurde' er darin, als nun Leibgeber, zu einem Siebenkäs umgekleidet, heraustrat und sich mit sanften Blicken im Spiegel ansah und darauf seine drei Finger stumm auf Firmians Stirn auflegte, was das grösste Zeichen seiner Liebe war; daher ich zu meiner und Firmians Freude berichte, dass er das Zeichen unter dem Mittagessen (das Gespräch drehte sich um die gleichgültigsten Sachen) über dreimal wiederholte. Welche andere und lange Scherze würde über das Mausern Leibgeber zu anderer Zeit, bei andern Gefühlen getrieben haben! Wie würde er, um nur einiges zu mutmassen, das wechselseitige Umbinden ihrer zwei Foliobände nicht benützt haben, um den Herrn Lochmüller (den Gastwirt in Gefrees) in die grössten und lustigsten Verlegenheiten zu verstricken, aus denen der höfliche Mann sich keine Minute früher gewickelt hätte, als bis ihm dieser vierte Band zu hülfe gekommen wäre, der erst gegenwärtig in Baireut und nicht einmal unter der Presse ist! – Doch Leibgeber tat von allem nichts; und auch von Einfällen bracht' er nur die wenigen schwachen vor über beide als Wechselkinder und deren Wechselkindereiüber schnellen französischen Übergang der Leute en longue robe in die en robe courte; – und auch sagte er etwa noch, er nenne nun Siebenkäs nicht mehr einen seligen Verklärten in Stiefeln, sondern einen in Schuhen, was sich eher schicke und etwas erhabener klinge.

Mit besonderem Erfreuen sah er zu, wie sein Hund, der Saufinder, zwischen den alten Körpern und den neuen Kleidern, gleichsam zwischen zwei Feuern der Liebe, sich in nichts recht finden konnte und mehrmals mit langer Nase abzog von dem einen zum andern; das Konkordat zwischen beiden, die Verkürzungen der einen Partei, die Vergrösserungen der andern machten das Vieh stutzig, aber nicht klug. "Ich schätze ihn wegen seines Betragens gegen dich noch einmal so hoch", sagte Leibgeber; "glaube mir, er wird mir gar nicht untreu, wenn er dir treu ist." Etwas Verbindlicheres konnte' er dem Advokaten schwerlich sagen.

Auf dem ganzen kahlen Wege von Gefrees nach Münchberg gab sich der Advokat aus Dankbarkeit die grösste Mühe, das Sonnenlicht der Heiterkeit, in das ihn Heinrich immer zu führen suchte, auf ihn zurückzuwerfen. Es wurde' ihm nicht leicht, besonders wenn er seinem Schreiten im langen Rock nachsah. Am meisten strengt' er sich in Münchberg an, der letzten Poststation vor Hof, wo ihnen die körperlichen arme, womit sie sich aneinander schlossen, gleichsam abgenommen werden sollten durch ein langes Entfernen.

Indem sie mehr schweigend als bisher auf der Höfer Landstrasse und Leibgeber vorausging: so hob dieser, den das Fichtelgebirge zur Rechten wieder erquickte, sein gewöhnliches Reisepfeifen an, frohe und trübe Melodieen des Volkes, die meisten in Molltönen. Er sagte selber, er halte sich nicht für den schlechtesten Stadt- und Strassenpfeifer und er führe, glaube' er, das angeborne Fussbotenpostorn mit Ehren. Aber für Firmian waren, so kurz vor dem Abschiede, diese Klänge, die gleichsam aus Heinrichs langen vorigen Reisen wiederzukommen und aus seinen künftigen einsamen entgegenzutönen schienen, eine Art von Schweizer Kuhreigen, die ihm ins Herz rissen; und er konnte, zum Glücke hinter ihm gehend, sich mit aller Gewalt nicht des Weinens entalten. – O bringt die Töne weg, wenn das Herz voll ist und doch nicht überfliessen soll!

Endlich brachte er so viel Ruhe in der stimme zusammen, dass er ganz unbefangen fragen konnte: "Pfeifst du gern und oft unterwegs?" Im Fragtone lag aber so etwas, als mach' ihm das Flöten nicht so viele Freude als dem Musiker selber. "Stets", versetzte Leibgeber, – "ich pfeife das Leben aus, das Weltteater und was so darauf ist und dergleichenvielerlei aus dem Vergangenen auch pfeif' ich wie ein Karlsbader Türmer die Zukunft an. Missfällts dir etwa? – Fugier' ich falsch, oder pfeif' ich gegen den reinen Satz?" – "O nur zu schön", sagte Siebenkäs.

Darauf