aufgerührt, und trat vor den Spiegel und drückte mit dem Zeigfinger den Augapfel seitwärts, so dass er in jenem sein Bild zweimal sehen musste; "aber du kannst freilich die dritte person darin nicht sehen." – Doch fuhr er etwas aufgeweckter fort, um den damit wenig erheiterten Freund zu entwölken, und sagte, ihn ans Fenster führend: "Drunten auf der Gasse hab' ichs freilich besser und viel grössere Gesellschaft; ich setze meinen Zeigfinger am Augapfel an: sofort liefer' ich von jedem, wer er auch sei, den Zwilling und habe jeden Wirt so gut doppelt wie seine Kreide. Da geht kein Präsident in die Sitzung, der seinesgleichen sucht, dem ich nicht seinen Urang-Utang gäbe, und beide gehen vor mir tête à tête. – Will ein Genie einen Nachahmer, ich nehme meinen schreibe- und Zeigfinger, und ein lebendiges Fac-simile ist auf der Stelle gezeugt. – Neben jedem gelehrten Mitarbeiter arbeitet ein Mitarbeiter mit, Adjunkten werden Adjunkte adjungiert, einzige Söhne in Duplikaten ausgefertigt; denn, wie du siehst, ich trage meine plastische natur, meinen Staubfaden, meinen Bossiergriffel bei mir, den Finger. – Und selten lass' ich einen Solotänzer anders als mit vier Beinen springen, und er muss als ein Paar in der Luft hangen; was ich aber durch solches Gruppieren eines einzigen Kerls und seiner Gliedmassen gewinne, solltest du schätzen. – Schlage endlich die gewonnene Volkmenge an, wenn ich gar ganze Leichen- und andere Prozessionen zu Doppelgängern verdopple, jedes Regiment um ein ganzes Regiment Flügelmänner verstärke, die alles vor- und nachmachen; denn, wie gesagt, ich habe wie eine Heuschrecke den Legestachel bei mir, den Finger. -Aus allem schöpfest du, Firmian, wenigstens die Beruhigung, dass ich mehr Menschen geniesse als ihr alle, nämlich gerade noch einmal soviel, und noch dazu lauter Personen, die als ihre Selberaffen in jeder Bewegung durch etwas wahrhaft Lächerliches so leicht ergötzen!"
Darauf sahen beide einander ins Gesicht, aber voll freudiger Zuneigung und ohne ein böses Nachgefühl des vorigen wilden Scherzes. Ein Dritter hätte in dieser Stunde sich vor ihrer Ähnlichkeit gefürchtet, da jeder der Gipsabguss des andern war, aber die Liebe machte beiden ihre Gesichter unähnlich; jeder sah im andern nur das, was er ausser sich liebte; und es war mit ihren Zügen wie mit schönen Handlungen, die uns wohl an andern, aber nicht an uns selber in Rührung oder gar in Bewunderung versetzen.
Als sie wieder im Freien und auf der Strasse nach Gefrees zogen, und der Sargdieterich samt den vorigen Gesprächen ihnen immer den Abschied vor die Seele brachte, dessen Todes-Sense mit jedem Meilenzeiger sich näher auf sie hereinbog: so suchte Heinrich einige rosenfarbene Strahlen in Firmians Nebel dadurch einzubeugen, dass er ihm ein genaues Protokoll alles dessen, was er an jedem Tage mit dem Grafen von Vaduz abgetan und abgeredet hatte, in die hände gab: "Der Graf (sagt' er) dächte zwar, du hättest die Diskurse nur vergessen – aber so ist es doch besser du hast dich wie ein Negersklave umgebracht, um in die Freiheit und auf die Goldküste deiner Silberküste zu kommen – und da wär's verdammt, wenn du noch verdammt würdest nach deinem Verscheiden." – "Ich kann dir nie genug danken, du Bester", sagte Firmian, "aber du solltest mir es nicht noch mehr erschweren und wie eine Hand aus den Wolken zurückfahren, wenn du deine ausgeleeret hast. Warum soll ich dich nach unserem Abschied nicht mehr sehen, sage?" – "Erstlich", antwortete er gelassen, "könnten die Leute, der Graf, die Witwenkasse, deine Witwe darhinter kommen, dass ich in zwei Ausgaben dawäre, welches in einer Welt ein verdammtes Unglück wäre, wo man kaum in der ersten, im Originalexemplar, einsitzig, einschläferig gelitten wird. Zweitens hab' ich vor, mir auf dem Narrenschiff der Erde eine und die andere Rüpels-Rolle auszulesen, deren ich mich so lange nicht schäme, als kein Teufel mich kennt. – Ach ich wüsste mehr Gründe von Belang! – Auch tuts mir wohl, mich so unbekannt, abgerissen, ungefesselt, als ein Naturspiel, als ein diabolus ex machina, als ein blutfremdes Mond-Litopädium unter die Menschen und auf die Erde zu stürzen vom Mond herunter. Firmian, es bleibt dabei. Ich schicke dir vielleicht nach Jahren einen und den andern Brief, um so mehr da die Galater163 an die Verstorbnen Briefe auf den Scheiterhaufen wie auf eine Postaufgaben. – Aber anjetzo bleibts dabei, wahrlich." – "Ich würde mich nicht so leicht in alles fügen", sagte Siebenkäs, "wenn mir nicht doch ahnete, dass ich dir bald einmal wieder begegnen werde; ich bin nicht wie du; ich hoffe zwei Wiedersehen, eines unten, eines oben. Wollte Gott, ich brächte dich auch zu einem Sterben wie du mich, und wir hätten dann unser Wiedersehen auf einem Bindlocher Berge, blieben aber länger beisammen!"
Wenn die Leser sich bei diesen Wünschen an den Schoppe im Titan erinnert finden: so werden sie betrachten, in welchem Sinne das Schicksal oft unsere Wünsche auslegt und erfüllt. Leibgeber antwortete bloss: "Man muss sich auch lieben, ohne sich zu sehen, und am Ende kann man ja bloss die Liebe lieben; und die können wir beide täglich in uns selber schauen."
In Gefrees tat Leitgeber ihm