im Scherze sagen kann, und ich scherze hier – und zur Verteidigung seines Rechts kann man stets injuriieren. Siehe Leiser11 – Ja nach Quistorps peinlichem Rechte darf man die gröbste Missetat ohne injuriandi animus vorwerfen, falls sie noch nicht untersucht und gestraft ist. – Und ist denn deine Ehrlichkeit schon untersucht und gestraft, du altaariger unehrlicher Schlag? Und hast du nicht, gleich dem Heimlicher in Freiburg12, der aber ein besserer Mann sein wird, eine ganze Menge Jahre, wo man dich nicht angreifen soll.... Mordelement, aber ich greif' dich heute an, Mucker! – Mordax!" – Der Hund schaute nach Befehlen auf.
"jetzt lasse nach", bat Siebenkäs, welchen der niedergedrückte Sünder beklemmte.
"Den Augenblick; aber mach mich nur nicht wild", sagte Leibgeber, liess die entblätterte Perücke fallen und stellte sich auf sie und zog Schere und schwarzes Papier heraus. "Sehr gelassen will ich das ausgepolsterte Gesicht dieser betenden Schlafmütze ausschneiden und als gage d'amour mitnehmen. Ich kann doch das Ecce homunculus durch die halbe Welt herumtragen und sie bitten: prügl' ihn ab, selig ist, wer den Heimlicher Blasius in Kuhschnappel abprügelt noch vor seiner Abfahrt; ich war nur damals viel zu stark dazu."
"Den Bericht über den Erfolg", fuhr er fort, gegen Siebenkäs gewandt und einen guten Schattenriss zu Ende schneidend, "kann ich unserem Duck- und Kahlmäuser da nicht eher mündlich abstatten als nach einem Jahre, weil alsdann die wenigen Injurien, womit ich den Schelm etwa könnte angetastet haben, nach den Gesetzen völlig verjährt sind und wir wieder die vorigen Freunde geworden."
Unerwartet bat er darauf seinen Siebenkäs, bei dem Saufinder zu bleiben – er hatte ihn mit einem Fingerzeig als ein Beobachtcorps gegen den Heimlicher gestellt –, indem er auf einen Augenblick hinaus müsse. Da er nämlich in Blaisens Prunksaale für die kuhschnappelsche grosse und mittlere Welt die Papiertapeten und einen ungemein sinnreichen Ofen – er war zur Gestalt der Göttin Temis ausgearbeitet, welche allerdings ebensooft versengt als erwärmt – bei dem neulichen Besuche wahrgenommen: so hatte' er für den jetzigen einen Iltispinsel und ein Gläschen Dinte mitgebracht, welche aus Kobold, in Scheidewasser aufgelöset, und einigem dazu getröpfelten Salzgeiste bestand. Ungleich der schwarztuchenen Dinte, welche schon anfangs sichtbar ist und erst später unsichtbar wird, erscheint diese sympatetische anfangs gar nicht und tritt auf dem Papier erst grün hervor, sobald dasselbe erwärmt worden. Leibgeber malte jetzt mit dem Iltispinsel auf die Papiertapete, welche dem Ofen oder der Temis zunächst stand, folgende unsichtbare Wandfibel hin:
"Die Göttin der Gerechtigkeit will sich hiermit bei allen Gästen dagegen verwahren, dass sie in effigie, in Bildnis, anstatt gehangen, sogar aufgestellt und nach Belieben erhitzt und erkältet wird durch den InjustizMinister und den längst dem inneren heimlichen Gericht verfallenen Heimlicher Blasius.
Von Rechts wegen, Temis"
Leibgeber hinterliess die stille Aussaat dieser Priestleischen grünen Materie auf der Wand mit dem frohen Bewusstsein, dass künftig im Winter, wenn der Saal von der Göttin recht warm geworden für eine Prunkversammlung, auf einmal der ganze grüne Markt vor ihr lustig aufschiessen werde.
So kehrte er in das Betkabinett zurück und fand den Saufinder noch in der befohlenen offiziellen Anschauung und seinen Freund wieder in der Anschauung des Hunds. Er schied samt den andern äusserst höflich und bat den Heimlicher sogar, ihn nicht bis auf die Gasse zu begleiten, weil Mordaxen einiges Zerreissen dann schwer zu verwehren sein möchte.
Auf der Gasse sagte er zu seinem Freunde: "Mache ja kein dummes Gesicht dazu – ich flieg' ohnehin immer ab und zu bei dir – begleite mich über das Tor hinaus; ich muss heute noch über eure Grenze – wir wollen laufen, damit wir vor sechs Minuten auf fürstlichen Grund und Boden kommen."
Als sie über das Tor, d.h. über dessen unpalmyrische Ruinen hinaus waren: stand die kristallene widerscheinende Grotte der Augustnacht aufgeschlossen und erleuchtet auf der dunkelgrünen Erde, und die Meerstille der natur widersprach dem Sturme der menschlichen Brust; die Nacht zog die Himmeldecke voll stiller Sonnen ohne ein Lüftchen über die Erde herauf und unter sie hinab; die gefällten Saaten lagen ohne Rauschen in Garben um, und die eintönige Grille und ein harmloser alter Mann, der Schnecken für die Schneckengrube zusammenlas, schienen allein im weiten Dunkel zu wohnen. Alles Zornfeuer war plötzlich in beiden niedergebrannt. Leibgeber sagte mit einem um zwei Oktaven herabspringenden Tone: "Gott sei Dank! das schreibt doch wieder einen friedlichen Vers um die innere Sturmglocke – mir ist, als wenn die Nacht mit ihrem schwarzen Bezug meine Lärmtrommel recht sanft zu einer Leichenmusik dämpfte; und mit Vergnügen spür' ich mich nach so langem Gekeife etwas betrübt."
"Wär's nur nicht meinetwegen gewesen, alter Heinrich", versetzte Siebenkäs, "dein lustiges Ergrimmen über den abgeschabten Sünder!" – "Du hättest", sagte Leibgeber, "ob du gleich sonst eine Satire den Leuten nicht so leicht ins Gesicht wirfst wie ich, an meiner Stelle noch ärger getobt; man kann wohl an sich, besonders wenn man sanft ist wie ich, Misshandlungen ausstehen, aber nicht am Freunde; und leider bist du ja der Märterer meines Namens, heutiger Augen- und Blutzeuge der Sache zugleich. Sonst darf ich dir überhaupt melden, wenn mich einmal der Teufel des Zorns reitet, oder eigentlich wenn ich ihn reite: so jag' ich gern die Mähre halbtot, bis sie umfällt