ihm dies um so lieber, da er sich auf diese Weise noch recht lange von ihm könne begleiten lassen, bevor sie in Hof auseinander müssten; welches letzte eigentlich das war, was er sagen und einschärfen wollte.
jetzt fingen nun – um jeder wechselseitigen Rührung vorzubauen – seine Scherze über das Sterben an, die ordentlich wie Meilenzeiger oder Steinbänke auf der Kunststrasse bis Hof fortgingen und die wir alle auf dieser Reise mitnehmen müssen, wenn wir nicht umkehren wollen. Er fragte ihn, ob die Diäten zugelangt, die er ihm, wie die alten Deutschen und Römer und Ägypter ihren andern Toten, mitgegeben – er gestand, Firmian müsse sehr fromm sein, da er, als er kaum das Sterbliche ausgezogen, schon wieder von Toten auferstanden sei; und er bestätigte Lavaters Lehre, dass es zwei Auferstehungen gebe, die frühere für die Frommen, die spätere für die Gottlosen. Er brachte ferner bei: "Du hättest nach deinem tödlichen Hintritt keinen besseren Archimimus159 haben können als mich; und jede Fliege, die ich auf deiner Hand weglaufen sah, war in meinen Augen ein Schirmvogt der Römer, die es wohl einsahen, dass der Vogt nichts auf der Hand zu machen habe, und daher einen Knaben mit einem Fliegenwedel vor jeden Toten postierten, was ich sündlich unterlassen habe." – Leibgebers Geist und Körper sprangen mehr als sie gingen: "Ich bin fröhlich und frei", sagt' er, "solang' ich im Freien bin – unter den Wolken hab' ich keine Wolken. – In der Jugend pfeifet einem der rauhe Nordwind des Lebens nur auf den rücken; und beim Himmel, ich bin jünger als ein Rezensent."
In Berneck übernachteten sie zwischen den hohen Brückenpfeilern von Bergen, zwischen welchen sonst die Meere schossen, die unsere Kugel mit Gefilden überzogen haben. Die Zeit und die natur ruhten gross und allmächtig nebeneinander auf den Grenzen ihrer zwei Reiche – zwischen steilen, hohen Gedächtnissäulen der Schöpfung, zwischen festen Bergen zerbröckelten die leeren Bergschlösser, und um runde grünende Hügel lagen Felsen-Barren und Stein-Schollen, gleichsam die zerschlagenen Gesetztafeln der ersten Erdenbildung.
Beim Eintritt sagte Heinrich: "Die Pfarrer von hier bis Vaduz müssen nicht wissen, dass du das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt hast: sonst würden sie dir die Stolgebüren abfodern, die jede Leiche in jedem Pfarrort entrichten muss, wodurch sie geht. – Wären wir im alten Rom und nicht in Berneck", sagte er vor dem Wirtshaus, "so liesse dich der Wirt nirgends ins Haus als durch den Rauchfang; – und wärs in Aten: so brauchtest du, gerade als wenn du in ein geistliches Amt wolltest, bloss durch einen Reifrock zu kriechen160." – Er konnte in einem solchen Fall voll Witz nie aufhören – welches ihn zu seinem Nachteil von mir unterscheidet – und sagte, es sei mit Gleichnissen und Ähnlichkeiten wie mit Goldstücken, von denen Rousseau sagt, das erste sei schwerer zu erhalten als das nächste Tausend.
Daher stand es nicht in seinem Vermögen, abends keinen Einfall zu haben, als er den Advokaten die Nägel beschneiden sah: "Ich begreife nicht, da ichs an dir sehe, warum sichs Katarina Vicri, der man 50 Jahre nach ihrem tod die Nägel sauber abkneipen müssen, nicht so gut selber getan hat wie du jetzt nach deinem Geistaufgeben." Und als er ihn im Bette sich auf die linke Seite kehren sah: bemerkte er bloss, der Armenadvokat lasse gerade sein Oberbette so aufund niedersteigen wie der Evangelist Johannes seines161 aus Erde, das Grab, noch bis auf diese Stunde.
Am Morgen regnete es ein wenig in diese Blumen des Scherzes. Der Advokat hatte, als Leibgeber seine löwenhaarige Brust kalt wusch, einen kleinen Schlüssel zurückschieben sehen und gefragt, was er sperre. – "Auf– nichts", sagte er, "aber zu – hat er das plombierte Cenotaphium162 gesperrt." Firmian musste sich mit den Augen über das Fenster herauslehnen und sie ungesehen trocknen; dann sagte er, mit dem kopf draussen: "Gib mir den Schlüssel – es ist der in Wachs gedrückte eines künftigen – ich will ihn zum Musikschlüssel meiner inneren Töne machen und will ihn hinhängen und täglich ansehen, und wenn mein Vorsatz, besser zu werden, etwa abgelaufen ist, will ich ihn mit diesem Uhrschlüssel wieder aufziehen." Er bekam ihn. Da sah Leibgeber zufällig in den Spiegel: "Fast sollt' ich mich doppelt sehen, wenn nicht dreifach", sagt' er; "einer von mir muss gestorben sein, der drinnen oder der draussen. Wer ist hier in der stube denn eigentlich gestorben und erscheint nachher dem andern? Oder erscheinen wir bloss uns selber? – – He, ihr meine drei Ich, was sagt ihr zum vierten?" fragte er und wandte sich an ihre beiden Spiegelbilder und dann an Firmian und sagte: "Hier bin ich auch"! – Es lag etwas Schauerliches für seine Zukunft in diesen Reden, und Firmian, welchen mitten in seinem bewegten Herzen der kühlere Verstand den gefährlichen Wachstum dieser metamorphotischen Selberspiegelung durch die Einsamkeit des Reisens befürchten liess, äusserte zärtlich besorgt: "Lieber Heinrich, wenn du auf deinen ewigen Reisen künftig immer so einsam bliebest: ich fürchte, es schadet dir. Ist doch Gott selber nicht einsam, sondern sieht sein All."
"Ich kann in der grössten Einsamkeit immer zu dritt sein, das All nicht einmal gerechnet", antwortete Leibgeber, durch den Sargschlüssel seltsam