Hof. Hundertmal wandt' und sah er sich unterwegs fast unwillkürlich nach dessen Nachschreiten und Einholen um, als wäre dieses schon jetzt zu sehen.
Endlich langte er in der Baireuter Fantaisie an einem Morgen an, wo die Welt glänzte von den Tautröpfchen an bis zu den Silberwölkchen hinauf; aber still war es überall; alle Lüftchen schwiegen, und der August hatte in seinen büsche und in seinen Lüften keine Sänger mehr. Ihm war, als durchwandle er als Abgeschiedner von den Sterblichen eine zweite verklärte Welt, wo die Gestalt seiner Natalie mit Augen der Liebe, mit Worten des Herzens frei ohne Erdenfesseln neben ihm gehen und ihm sagen durfte: "Hier hast du dankbar zur Sternennacht aufgeblickt hier hab' ich dir mein wundes Herz gegeben – hier sprachen wir die irdische Trennung aus – und hier war ich oft allein und dachte mir das kurze erscheinen." – "Aber hier", sagte er zu sich, als er vor dem schönen schloss stand, "hat sie zuletzt geweint im schönen Tale, weil sie von ihrer Freundin schied."
jetzt war allein sie die Verklärte; er war sich bloss der Zurückgebliebene, der zu ihr hinübersah. Er fühlt' es, dass er sie nicht mehr sehe auf der Welt; aber die Menschen, sagt' er sich, müssen sich lieben können, ohne sich zu sehen. Seine ganze karge Zukunft wird bloss von verklärten Traumbildern erleuchtet. Aber wie der Baum (nach Bonnet) so gut in die Luft oder den Himmel gepflanzt ist als in die Erde und sich aus beiden nährt: so der rechte Mensch überhaupt; und so lebte Firmian noch mehr künftig als bisher nur mit wenigen Wurzelästen seines Selbst in der sichtbaren Erde; der ganze Baum mit Zweigen und Gipfel stand im Freien und sog mit seinen Blüten an der Himmelluft, wo ihn eine bloss unsichtbare Freundin und ein unsichtbarer Freund erquicken sollten.
Endlich verdickte sich der schöne Duft des Träumens zu einem Nebel. Nataliens Trauer über sein Sterben schwebte ihm vor, und sein Einsamsein drückte auf das Herz, und die von Liebe wundgepresste Brust schmachtete unsäglich nach einem lebendigen Wesen, das da stände und ihn herzlich liebte; aber dieses Wesen lief erst hinter seinem rücken und suchte ihn zu erreichen, sein Heinrich.
– "Herr Leibgeber", rief plötzlich eine nachlaufende stimme, "so stehen Sie doch! Ich bring' Ihnen Ihr Schnupftüchlein wieder, ich hab' es drunten gefunden."
Er blickte sich um, und dasselbe Mädchen, das Natalie aus dem wasser gezogen, lief ihm mit einem weissen Schnupftuch entgegen. Da er nun seines noch hatte und die Kleine ihn verwundert überschauete und sagte, es sei ihm vor einer Stunde unten am Bassin herausgefallen, aber er habe keinen so langen Rock angehabt: so stürzte ein Freudenguss in sein Herz – Leibgeber war nachgekommen und unten gewesen.
Im Sturme und mit dem Schnupftuche lief er nach Baireut. Das Tuch war feucht, als wären die weinenden Augen seines Freundes darin gewesen; er drückte es auf seine eignen heissen, aber er konnte sie nicht mehr damit trocknen; denn er malte sich aus, wie Heinrich in der Einsamkeit lebe und seinen eignen Ausspruch bewähre: wer das Gefühl schont und verpanzert, der er hält es am empfindlichsten, wie unter dem Fingernagel die wundeste Gefühlhaut liegt. – Im Gastofe zur Sonne vernahm er vom Kellner Johann, Leibgeber sei wirklich angekommen und vor einer halben Stunde abgegangen. Rechts und links blind und taub rannte Firmian ihm nach auf der Höfer Strasse und mit einem solchen stürmischen Verfolgen des Freundes, dass ihn nicht einmal das feuchte Tuch mehr beschäftigte.
Spät erblickte er ihn auf der hinter dem dorf Bindloch aufsteigenden langen Anhöhe, einer Bergstrasse im eigentlichen Sinne, auf der weder ab- noch aufwärts zu eilen war. Nach Vermögen schnell watete Leibgeber hinauf, um den Advokaten unerwartet einzuholen schon vor Hof, etwa in Münchberg oder in Gefrees, wenn nicht gar in Berneck, das wenige PostStunden von Baireut abliegt.
Aber sollte alles nicht noch zehnmal besser gehen? Erblickte nicht Siebenkäs am fuss des berges ihn endlich oben unweit der Gipfelebene und rief seinen Namen, und er hörte es nicht? Lief er nicht ausserordentlich mit dem Schnupftuch in der Hand dem langsamen bergmüden Freunde nach, und kehrte dieser sich oben nicht zufällig und zum Überschauen der sonnigen Landschaft um und sah ganz Baireut, ja zuletzt gar den – laufenden Freund? – Und stiessen endlich nicht beide, der eine bergab, der andere bergauf eilend, aneinander, aber nicht wie zwei feindliche Heere, sondern wie zwei bekränzte schäumende Becher der Freude und der Freundschaft? –
Heinrich nahm bald wahr, dass in der Brust seines Freundes viel Gewaltsames und Auflösendes, vergangene und künftige Zeit, durcheinander arbeite; er suchte daher alle "Najaden der Tränenwellen" zu versöhnen und zu besänftigen. "Alles ging göttlich, und jedermann war gesund", sagte er, "jetzt bist du frei wie ich – die Ketten sind abgetan – die Welt ist aufgemacht – da fahre nur recht frisch hinein wie ich und hebe dein Leben ordentlich erst an." – "Du hast recht", sagte Firmian, "ich habe ein Wiedersehen wie nach dem tod, heiter und still und warm steht der Himmel über uns." Er hatte deshalb auch nicht den Mut, nach seinen Hinterbliebenen, besonders nach der Witwe zu fragen. Leibgeber äusserte viele Freude, dass er ihn schon vier Poststationen vor Hof eingeholt und jagdbar gemacht; und es sei