sein Puder Hoftrauer waren; gleichwohl hatte' er in dieser neuen Stellung so viel Besonnenheit – welches ich ihm gern zur Ehre berichte –, dass er kein Wort vom ganzen Vorgang entdeckte; teils weil man Geistergeschichten ohne den grössten Schaden nicht vor dem neunten Tage erzählen darf; teils weil er die Haarschur und Kaperei an keinem Tage überhaupt erzählen konnte Firmian machte seinem Freund nachts um 1 Uhr die ganze Sache mit der Treue bekannt, die ich jetzt selber gegen den Leser zu beobachten gesucht. – Dies gab Leibgebern den guten Fingerzeig, vor die hohe Leiche eine tüchtige Leichenwache zu stellen, zu welcher er in Ermanglung von Kammerherrn und andern Hofbedienten niemand anstellen konnte als den Saufinder.
Am letzten Morgen, der unserem Siebenkäs, die Hausmiete aufkündigen sollte, kam die casa santa des Menschen, unsere chambre garnie, unsere letzte Samenkapsel, der Sarg, für den man zahlen musste, was begehret wurde. "Es ist die letzte Baubegnadigung dieses Lebens, der letzte Betrug der Zimmerleute", sagte Heinrich.
In der Nachmitternacht, um 12 1/2 Uhr, als keine Fledermaus, kein Nachwächter, kein Biergast, kein Nachtlicht mehr zu sehen war – und bloss noch einige Feldgrillen in Garben und einige Mäuse in Häusern zu hören –, sagte Leibgeber zum bangen Geliebten: "Jetzt marschier ab! Du warst ohnehin, seitdem du das Sterbliche ausgezogen und in die Ewigkeit gegangen bist, nicht eine Minute selig und fröhlich. Ich sorge für das übrige. Warte auf mich in Hof an der saal; wir müssen uns nach dem tod noch einmal wiedersehen." Firmian legte sich schweigend und weinend an sein warmes Angesicht. Er durchlief in der dämmernden Stunde noch einmal alle blühende Stätten der Vergangenheit, hinter denen er wie in eine Gruft versank, sein erweichtes Herz legte gern auf jedes Kleid seiner trüben, geraubten Lenette, auf jede Arbeit und Spur ihrer häuslichen Hand die letzten Tränen nieder – er steckte ihren Verlobungsstrauss aus Rosen und Vergissmeinnicht hart an die heisse Brust und drückte die Rosenknospen Nataliens in die tasche – und so schlich er stumm, zerdrückt, mit überwältigtem Schluchzen und gleichsam durch ein Erdbeben aus der Erde hinausgeworfen an die Eisküste einer fremden, die Treppe hinter seinem besten Freunde hinab, drückte ihm unter der Haustür die helfende Hand, und die Nacht bauete ihn bald mit dem Grabhügel ihres grossen Schatten zu. – Leibgeber weinte herzlich, sobald er verschwunden war; Tropfen fielen auf jeden Stein, den er einsteckte, und auf den alten Block, den er in die arme auffassete, um in die SargMuschel das Gewicht eines Leichnams einzubetten. Er füllete den Hafen unsers Körpers und sperrte die Bundeslade zu und hing sich den Sargschlüssel wie ein schwarzes Kreuzchen auf die Brust. – jetzt schlief er das erstemal im Trauerhause ruhig: alles war getan.
Am Morgen macht' er kein Geheimnis vor den Trägern und vor Lenetten daraus, dass er den Leichnam mit grosser Mühe mit seinen zwei Armen eingesargt. Sie wollte ihren sel. Herrn noch einmal sehen; aber Heinrich hatte den Hausschlüssel zum bunten Gehäuse in der Finsternis verworfen. Er half, indem er den Schlüssel herumtrug, darnach eifrig suchen – aber es war ganz vergeblich, und viele Umherstehende mutmassten bald, Heinrich betrüge bloss und wolle nur den verweinten Augen der Witwe nicht gern noch einmal den zusammengehäuften Stoff des Schmerzes zeigen. Man zog mit dem blinden Passagier im Quasi-Sarg hinaus auf den Kirchhof, der im Tau unter dem frischen blauen Himmel glimmte. In Heinrichs Herz kroch eine eiskalte Empfindung herum, als er den Leichenstein durchlas. Er war vom herrnhutischen plattierten grab des Grossvaters Siebenkäsens abgehoben und umgestürzt, und auf der glatten Seite glänzte die eingehauene Grabschrift: "Stan. Firmian Siebenkäs ging 1786 den 24. August..." Dieser Name war sonst Heinrichs seiner gewesen, und sein jetziger "Leibgeber" stand unten auf der Kehrseite des Monuments. Heinrich dachte daran, dass er in einigen Tagen mit weggeworfnem Namen als ein kleiner Bach in das Weltmeer falle und darin ohne Ufer fliesse und in fremde Wellen zergehe – es kam ihm vor, dass er selber mit seinem alten und neuen Namen herunterkomme in die Grube; – da wurde ihm so gemischt zu Mute, als sei er auf dem eingefrorenen Strom des Lebens angewachsen, und droben steche eine heisse Sonne auf das Eisfeld herab, und er liege so zwischen Glut und Eis. – Noch dazu kam jetzt der Schulrat gelaufen, mit dem Schnupftuch an der Nase und an den Augen, und teilte im stotternden Schmerze die eben im Marktflecken eingelaufene Neuigkeit mit, dass der alte König in Preussen den 17ten dieses verstorben sei. – Die erste Bewegung, die Leibgeber machte, war, dass er auf zur Morgensonne sah, als werfe aus ihr Friedrichs Auge Morgenfeuer über die Erde. – – Es ist leichter, ein grosser als ein rechtschaffener König zu sein; es ist leichter, bewundert als gerechtfertigt zu werden; ein König legt den Ohrfinger an den längsten Arm des ungeheuern Hebels und hebt, wie Archimedes, mit Fingermuskeln Schiffe und Länder in die Höhe, aber nur die Maschine ist gross – und der Maschinist, das Schicksal – aber nicht der, der sie gebraucht. Der laut eines Königs hallet in den unzähligen Tälern um ihm als ein Donner nach, und ein lauer Strahl, den er wirft, springt auf dem mit unzähligen Planspiegeln überdeckten Gerüste als glühender dichter Brennpunkt zurück. Aber Friedrich konnte durch einen Tron höchstens – erniedrigt werden, weil er darauf sitzen musste