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Hoffnungen und verlängerten Gesichtern und Beuteln ab, und der eine wünschte, er hätte jetzt im Gefühle der Dankbarkeit den Leichenbesorger Heinrich zu balbieren, und der andere, ihn zu frisieren. Sie murmelten auf der Treppe: so wär' es nachher kein Wunder, dass der Tote im grab nicht ruhte, sondern herumginge und schreckte.

Leibgeber dachte an die Gefahr, den Lohn der langen Täuschung einzubüssen, wenn jemand, während er nur etwa in der nächsten stube seidenn bei jedem längern Ausgang schloss er die Tür ab –, nach dem sel. Herrn sehen wolle. Er ging daher auf den Gottesacker und steckte aus dem Beinhause einen Totenkopf unter den Überrock. Er händigte ihn dem Advokaten ein und sagte ihm: wenn man den Kopf unter das grüne Gitterbetteworin defunctus lagschöbe und mit einem grünen Seidenfaden in Verbindung mit seiner Hand erhielte, so könnte der Kopf doch wenigstens im Finstern als eine Bélidorsche Druckkugel, als ein Eselkinnbacke gegen Philister hervorgezogen werden, die man zurückzuschrecken hätte, wenn sie warme Tote in ihrer Ruhe stören wollten. Freilich im höchsten Notfall wäre Siebenkäs aus seiner langen Ohnmacht wieder zu sich gekommen und hättewobei noch dazu den medizinischen Systemen ein Gefallen geschehen wäreden Schlagfluss zum dritten Male repetiert; – indessen war doch der Totenkopf besser als der Schlag. Firmian hatte eine wehmütige Empfindung beim Anblick dieser Seelen-Mansarde, dieses geistigen, kalten Brütofens, und sagte: "Der Mauerspecht157 hat sicherer darin ein weicheres, ruhigeres Nest als der ausgeflogene Paradiesvogel."

Leibgeber hausierte nun bei der Kirchen- und Schul-Dienerschaft und trug die Stolgebühren, den Brückenzoll, unter leisen Flüchen ab und sagte: übermorgen in aller Stille bringe man ohne Sang und Klang den Seligen zur Ruhe; es hatte niemand etwas dabei zu tun als das, was sie willig tatendas Postporto, womit man die Leichen in die andere Welt frankieret, einzustecken, einen alten armen Schuldiener ausgenommen, der sagte, er hielt' es für Sünde, einen Kreuzer von der dürftigen Witwe zu nehmen, denn er wisse, wie Armut tue. Das konnten aber die Reichern eben nicht wissen.

Abends ging Heinrich zum Friseur und zu Lenetten hinab und liess den Schlüssel an der tür, weil die oben herum wohnenden Mietleute seit dem neulichen Geistergerüchte viel zu furchtsam waren, um nur aus der ihrigen den Kopf zu stecken. Der Haarkräusler, der noch zornig war, dass er das Haarwerk des Verstorbenen nicht kräuseln dürfen, verfiel auf den Gedanken, es wäre doch etwas, wenn er hinaufschliche und den Haar-Forst gar abtriebe. Der Vertrieb von Haaren und von Brennholzzumal da man jene zu Ringen und Lettern schlingtist stärker als ihr Nachwuchs, und man sollte keinem Verstorbenen einen Sarg oder ein eigenes Haar lassen, das schon die Alten für den Altar der unterirdischen Götter wegschoren. – Merbitzer wiegte sich daher auf den Zehen in die stube und hielt schon die Fresszangen der Schere aufgezogen. Siebenkäs schielte in der kammer leicht aus den Augenhöhlen der Maske und erriet aus der Schere und aus der Gewerkschaft des Hausherrn das nahende Unglück und Popens Lockenraub. Er sah, in dieser Not konnte' er weniger auf seinen Kopf als auf den kahlen unter dem Bette zählen. Der Hausherr, der furchtsam hinter sich die tür zum Rückzug aufgesperret gelassen, rückte endlich an die Pflanzung menschlicher Scherbengewächse und hatte vor, in diesem Erntemonat als Schnitter zu verfahren und den Bartscherer mit dem Haarkräusler zu vereinigen und zu rächen. Siebenkäs spulte mit den bedeckten Fingern, so gut er konnte, um den Totenkopf herauszuhaspeln; da das aber viel zu langsam gingMerbitzer hingegen zu hurtig –, so musst' er sich dadurch einstweilen helfen, dass er unter der Zwischenzeitbesonders da böse Geister den Menschen so häufig anhauchendem Hausherren einen langen Nachtwind aus der Mundspalte der Larve entgegenblies. Merbitzer war nicht imstand, sich das bedenkliche Gebläse zu erklären, das ihm wahre Stickluft und einen tödlichen Samiel-Wind entgegentrieb, und seine warmen Bestandteile fingen an, zu einem Eiskegel anzuschiessen. Aber leider hatte der Selige den Atem bald verschossen, und er musste die Windbüchse langsam von frischem laden. Dieser Stillestand brachte den Lockenräuber wieder zu sich und auf die Beine, so dass er neue Anstalten traf, den Troddelwipfel der Nachtmütze anzufassen und diesen dünnen, fliegenden Sommer, die Mütze, der Haar-Flur abzuziehen. Aber mitten im Greifen vernahm er, dass unter dem Bette sich etwas in gang setzeer hielt still und wartete es gelassen abda es eine Ratte sein konnte –, in was sich etwa das weitere Getöse auflöse. Aber unter der Erwartung verspürt' er plötzlich, dass sich etwas Rundes an seinen Schenkeln heraufdrehe und daran aufwärts dringe. Er griff sogleich mit der leeren Handdenn die andere hielt die Schere offenhinab, und diese legte sich ohnmächtig wie ein Tasterzirkel um die steigende, schlüpferige Kugel an, die an ihr immer heben wollte. Merbitzer wurde zusehends beinhart und klössigaber ein neues Aufheben der liegenden Hand und ein blick auf den kommenden Knauf teilten ihm, bevor er sich käsig und geronnen zu Boden setzte, einen solchen Fussstoss des Schreckens mit, dass er leicht über die stube flog, wie ein Kernschuss dahingetrieben vom Kartaunenpulver der Angst. – Er setzte unten mitten in die stube hinein mit aufgesperrter Schere in der Hand, mit aufgesperrtem Maul und Auge und mit einem Bleichplatz auf dem gesicht, wogegen seine Wäsche und