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, als sei ihm von der Todes-Post nichts zu Ohren gekommen, und erkundigte sich zuerst nach des Kranken Befinden. – "Es hat sich nach dem neuesten Befundzettel (sagte Heinrich) ausbefunden: er ist selig eingeschlafen, Hr. Protomedikus Oelhafenim August, März, September hat der Tod seinen Pressgang, seine Weinlese." – "Das Temperierpulver", versetzte der rachsüchtige Arzt, "hat, wie es scheint, die Hitze hinlänglich temperiert, da er kalt ist." – Es tat Leibgebern weh, und er sagte: "Leider, leider! Inzwischen taten wir, was wir konnten, und brachten ihm Ihr Brechpulver hinunterer gab aber nichts von sich als die schlimmste Krankheitmaterie des Menschen, die Seele. Sie sind, Hr. Protomedize, Zent- oder Fraisherr, mit dem Gericht über Blutrunst oder mit der hohen Frais beliehen; da ich aber als Advokat nur die niedere Gerichtbarkeit ausübe: so durft' ich auf keine Weise etwas wagen, am wenigsten das Leben des Mannes, oder was würde er sonst nicht für ein Gesicht dazu gemacht haben."

"Nu, er hat auch eins dazu gemacht, und ein langes, das hippokratische", versetzte nicht ohne Witz der Arzt; – freundlich erwiderte jener: "Ich muss es Ihnen glauben, da ich als Laie dergleichen Gesichter selten zu sehen kriege, Ärzte aber die hippokratische Physiognomik täglich bei ihren Kranken treiben können; wie denn der Arzt von Praxis sich durch einen gewissen Scharfblick auszeichnet, womit er den Tod seiner Patienten voraussagt; eine Unmöglichkeit für jeden andern, der kein Heilkünstler ist und nicht viele hat abfahren sehen."

"Sie als ein so exzellenter Kunstverständiger", fragte Oelhafen, "haben natürlicherweise Senfpflaster dem Kranken auf die Füsse appliziert; nur dass sie freilich nicht mehr zogen?"

"Auf die Gedanken und Sprüngeversetzte Leibgeberkam ich wohl, dem Seligen kunstgemäss die Füsse mit Senf und Sauerteig zu besohlen und die Waden mit Zugpflastern zu tapezieren; aber der Patient, von jeher, wie Sie wissen, ein spöttischer Patron, nannte dergleichen das medizinische Chaussieren und dabei uns Ärzte die Schuster des Todes, die dem armen Kranken, wenn die natur schon ihm zugerufen: 'gare, Kopf weg!' noch spanische Fliegen als spanische Stiefel anlegten, Senfpflaster als Koturne, Schröpfköpfe als Beinschellen, als wenn ein Mann nicht ohne diese medizinische Toilette und ohne rote Absätze von Senf-Fersen und ohne rote Kardinalstrümpfe von Zugpflastern in die zweite Welt einschreiten könnte. Dabei stiess der Selige mit den Füssen künstlich nach meinem gesicht und dem Pflaster; und verglich uns Kunstverständige mit Stechfliegen, die sich immer an die Beine setzen."

"Er mag wohl bei Ihnen mit der Stechfliege recht gehabt haben; auch Ihrem kopfcaput tribus insanabilekönnte ein Schuster des Todes unten etwas anmessen", versetzte der Doktor und verfügte sich schleunigst davon.

Ich habe oben etwas von dessen Brechmitteln fallen lassen; diesem füg' ich nun bei: richtet er wirklich mit ihnen hin, so bleibt immer der Unterschied zwischen ihm und einem Fuchs156, dass dieser von weitem, nach den alten Naturforschern, sichum Hunde zu locken und anzufallenanstellt, als vomiere ein Mensch. Gleichwohl muss der grösste Freund der Ärzte gewisse Einschränkungen ihres peinlichen Gerichts oder Königsbannes anerkennen. Wie nach dem europäischen Völkerrecht kein Heer das andere mit gläsernen oder giftigen Kugeln niederschiessen darf, sondern bloss mit bleiernen; wie ferner keines in feindliche Lebenmittel und Brunnen Gift einwerfen darf, sondern nur Dreck: so verstattet die medizinische Polizei einem (die obere Gerichtbarkeit) ausübenden arzt zwar narcotica, drastica, emetica, diuretica und die ganze Heilmittellehre zu seinem freien Gebrauch, und es wäre sogar polizeiwidrig, wenn man ihn nicht machen liesse; hingegen wollt' es der grösste Stadt- und Landphysikus wagen, seinem Gerichtbezirke statt der Pillen ordentliche Giftkugeln, statt heftiger Brechpulver Rattenpulver einzugeben: so würde es von den obersten Justizkollegien ernstaft angesehen werden er müsste denn den Mausgift bloss gegen das kalte Fieber verschreiben –; ja ich glaube, ein ganzes medizinisches Kollegium würde nicht von aller Untersuchung frei bleiben, sucht' es einem Menschen, dem es mit Lanzetten jede Stunde die Adern öffnen darf, solche mit dem Seitengewehr zu durchstechen und ihn mit einem Instrument, das ein kriegerisches, aber kein chirurgisches ist, über den Haufen zu stossen: so findet man auch in den Kriminalakten, dass Ärzte nicht durchkamen, die einen Menschen von einer brücke ins wasser stürztenanstatt in ein kleineres, entweder mineralisches oder anderes Bad.

Sobald der Friseur von dem Einlaufen der Leichenlotterie-Gelder in den Notafen vernommen hatte: so kam er herauf und erbot sich, seinem entschlafnen Hausmann einige Locken und einen Zopf zu machen und ihm den Kamm und die Pomade mit unter die Erde verabfolgen zu lassen. Leibgeber musste für die arme Witwe sparen, die ohnehin unter so vielen Fresszangen und Geierfängen und Fangzähnen der Leichendienerschaft schon halb entfiedert dastand, – und er sagte, er könne nichts, als ihm den Kamm abkaufen und in die Westentasche des Erblassten stecken, dieser könne sich damit die Frisur nach seinem Gefallen machen. Dasselbe sagte er auch dem Bader und fügte noch bei, im grab, worin bekanntlich die Haare fortwachsen, trüge ohnehin die ganze geheime und fruchtbringende Gesellschaft, gleich 60jährigen Schweizern, schöne Bärte. Diese beiden Haar-Mitarbeiter, die sich als zwei Uranus-Trabanten um die nämliche Kugel bewegen, zogen mit verkürzten