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. Das erste war er imstande wiewohl seine eigne Fassung nur eine erkünstelte war, die den Sieg der Religion über die Philosophie erweisen sollte –, aber er vermochte sie nicht hinauszuziehen, da sie sah, dass Heinrich die Todesmaske ergriff: "Nein", rief sie zornig, "ich werde doch meinen Mann noch einmal sehen dürfen." Heinrich hielt die Larve empor, drehte sanft Firmians Gesicht herum, auf dem noch die halb verwischten Tränen des Abschieds standen, und deckt' es mit ihr zu und trennte es durch sie auf ewig von dem weinenden Auge der Gattin. Der grosse Auftritt hob sein Herz, und er starrete die Maske an und sagte: "Eine solche Maske legt der Tod über alle unsere GesichterSo strecke ich mich auch einmal im Mitternachtschlaf des Todes aus und werde verlängert und falle mehr ins Gewicht. – Du armer Firmian, war denn deine Lebens-Partie à la guerre der Lichter und der Mühe wert? Zwar wir sind nicht die Spieler, sondern die Spielsachen, und unsern Kopf und unser Herz stösset der alte Tod als einen Ball über die grünende Billardtafel in den Leichensack hinunter, und es klingelt mit der Totenglocke, wenn einer von uns gemacht wird. Du lebst zwar in einem gewissen Sinne noch fort153wenn anders das Freskogemälde aus Ideen ohne Schaden von dem zerfallenden Körper-Gemäuer154 abzunehmen ist –, o es möge dir da in deinem Postskript-Leben besser ergehenWas ist es aber? Es wird auch aus jedes Leben, auf jeder Weltkugel, brennet einmal ausdie Planeten alle haben nur Kruggerechtigkeit und können niemand beherbergen, sondern schenken uns einmal ein, Quittenwein Johannisbeersaftgebrannte wassermeistens aber Gurgelwasser von Labewein, das man nicht hinunterbringt, oder gar sympatetische Dinte (d.i. liquor probatorius), Schlaftränke und Beizendann ziehet man weiter, von einer Planeten-Schenke in die andere, und reiset so aus einem Jahrtausend ins andere – o du guter Gott, wohin denn, wohin, wohin? – Inzwischen war doch die Erde der elendeste Krug, wo meistens Bettelgesindel, Spitzbuben und Deserteure einkehren, und wo man die besten Freuden nur fünf Schritte davon, entweder im Gedächtnis oder in der Phantasie geniessen kann, und wo man, wenn man diese Rosen wie andere anbeisset, statt anzuriechen und statt des Dufts das Blättermus verschluckt, wo man nichts davon hat als sedes155..... O es gehe dir, du Ruhiger, in andern Tavernen besser, als es dir gegangen ist, und irgendein Restaurateur des Lebens mache dir ein Weinhaus auf statt des vorigen Weinessighauses!" –

Einundzwanzigstes Kapitel

Dr. Oelhafen und das medizinische Chaussieren

Trauer-Administrationder rettende Totenkopf

Friedrich II. und Standrede

Leibgeber quartierte vor allen Dingen die Leidtragende unten beim Haarkräusler ein, um dem Toten den mittlern Zustand nach dem tod bequemer zu machen: "Sie sollen", sagt' er zu ihr, "vor den traurigen Denkmälern um uns her so lange auswandern, bis der Selige weggebracht ist." Sie gehorchte aus Gespensterfurcht; er konnte also dem Erblassten leicht zu essen geben: er verglich ihn mit einer eingemauerten Vestalin, die in ihrem Erbbegräbnis eine Lampe, Brot, wasser, Milch und Öl vorfand, nach dem Plutarch im Numa: "wenn du nicht (setzt' er hinzu) dem Ohrwurm gleichst, der sich, wenn er entzweigeschnitten ist, umkehrt, um seinen eignen Wrack zu verzehren." – Er heiterte wenigstens wollt' er esdurch solche Scherze die wolkige und herbstliche Seele seines Lieblings auf, um dessen Auge lauter Trümmern des vorigen Lebens lagen, von den Kleidern der verwitibten Lenette an bis zu ihrem Arbeitzeug. Den Haubenkopf, den er unter dem Gewitter geschlagen, musste man in einen unsichtbaren Winkel stellen, weil er ihm, wie er sagte, gorgonische Gesichter schnitte. Am Morgen hatte der gute Leibgeber, der Leichenbesorger, die arbeiten eines Herkules, Ixions und Sisyphus miteinander Es kam ein Kongress und Pikett nach dem andern, um den Erblasser zu sehen und zu lobendenn man beklatschet die Menschen und die Schauspieler bloss im Weggehen und findet den Toten moralisch-, wie Lavater ihn physiognomisch-verschönert; aber er trieb das Volk von der Leichenkammer ab: "Mein sel. Freund", sagt' er, "hat sichs in seinem Letzten ausgebeten."

Dann trat die Zofe des Todes auf, die Leichenfrau, und wollte ihn abscheuern und anputzen; Heinrich biss sich mit ihr herum und bezahlte und exilierte sie. – Dann musst' er sich vor der Witwe und dem Pelzstiefel anstellen, als stell' er sich an, als woll' er sein blutendes Herz mit einem äussern Entsagen bedecken; "ich sehe aber (sagte der Rat) leichtlich hindurch, und er affektiert den Philosophen und Stoiker nur, da er kein Christ ist." – Stiefel meinte jene eitle Härte der Hofund Welt-Zenos, die jenen hölzernen Figuren gleichen, denen eine angeschmierte Rinde von Steinstaub die Gestalt von steinernen Statuen und Säulen verleiht. – Ferner wurde die Leichenkuxe und Ausbeute oder Dividende aus der Leichenkasse erhoben, die vorher einen Pfennigmeister mit dem sammelnden Teller unter den Interessenten und Teilhabern der Körperschaft herumgejagt hatte. – Dadurch erfuhrs auch der Obersanitätrat Oelhafen, als zahlendes Mitglied. Dieser benützte seinen zur Kranken-Runde bestimmten Vormittag und verfügte sich ins Trauerhaus, um seinen Kunstbruder, Leibgeber, ungewöhnlich zu erbosen. Er stellte sich daher