an den Schmutz geknüpft, und ich kann nicht hinauf zu ihnen – o das Ufer des schönen Frühlings ist steil, und wir schwimmen auf dem Toten Meer des Lebens so nahe am Ufer, aber die Eintagfliege hat noch keine Flügel." – Der Tod, diese erhabene Abendröte unsers Tomastages, dieses herübergesprochene grosse Amen unserer Hoffnung, würde sich wie ein schöner, bekränzter Riese vor unser tiefes Lager stellen und uns allmächtig in den Äter heben und darin wiegen, würden nicht in seine gigantischen arme nur zerbrochene, betäubte Menschen geworfen; nur die Krankheit nimmt dem Sterben seinen Glanz, und die mit Blut und Tränen und Schollen beschwerten und befleckten Schwingen des aufsteigenden Geistes hangen zerbrochen auf den Boden nieder; aber dann ist der Tod ein Flug und kein Sturz, wenn der Held sich nur in eine einzige tötliche Wunde zu stürzen braucht; wenn der Mensch wie eine Frühlingwelt voll neuer Blüten und alter Früchte dasteht, und die zweite Welt plötzlich wie ein Komet nahe vor ihm vorübergeht und die kleine Welt unverwelkt mitnimmt und mit ihr über die Sonne fliegt. – –
Aber gerade jenes Erheben Firmians würde in schärfern Augen, als Stiefel hatte, ein Zeichen des Erstarkens und Genesens gewesen sein: nur vor dem Zuschauer, nicht vor dem Niedergebrochnen wirft die Streitaxt des Todes einen Glanz; es ist mit der Totenglocke wie mit andern Glocken, deren erhebendes Brausen und Tönen nur der Entfernte, und nicht der vernimmt, der selber in der summenden Halbkugel steht.
Da in der Sterbenstunde jede Brust aufrichtiger und durchsichtiger wird, wie der siberische Glasapfel in der Zeit der Reife nur eine gläserne Hülse, ein durchsichtiges süsses Fleisch über seine Kerne deckt: so wäre Firmian in jener dityrambischen Stunde, so nahe an der blanken Schneide der Todessichel, imstande gewesen, alle Mysterien und Blüten seiner Zukunft aufzuopfern, d.h. aufzudecken, hätt' es nicht sein Wort und seinen Freund zugleich verletzt; – aber jetzt blieb ihm nichts gelassen als ein duldendes Herz, eine stumme Lippe und weinende Augen.
Ach, war denn nicht jeder scheinbare Abschied ein wahrer; und als er seinen Heinrich und den Schulrat mit zitternden Händen auf sein Herz herunterzog, wurde denn nicht das letzte von der traurigen Gewissheit gedrückt, dass er den Rat morgen und Heinrich in einer Woche auf ewig einbüsse? Daher war folgende Anrede blosse Wahrheit, aber eine trübe: "Ach, wir werden auseinandergetrieben in kurzer Zeit – o, die menschlichen arme sind morsche Bande und reissen so bald! – Nur geh' es euch recht wohl und besser, als ich es je verdiente: der chaotische Steinhaufe euerer Lebenstage rolle euch nie unter die Füsse und nie auf den Kopf, und die Felsen und Klippen um euch überziehe ein Frühling mit Grün und Beeren! – Gute Nacht auf ewig, geliebter Rat! und du, mein Heinrich"... Diesen riss er an seinen Mund und schwieg im Kuss und dachte an die Nähe der wahren Scheidung.
Aber er hätte durch diese Stacheln des Abschieds seinem Herzen keinen solchen fieberhaften Reiz erteilen sollen – er hörte seine verdeckte Lenette hinter seinem Bette weinen und sagte mit einem weiten Todesriss im gefüllten Herzen: "komm, meine teure Lenette, komm zum Abschied!" und breitete wild die arme nach der unsichtbaren Geliebten aus – Sie wankte hervor und sank hinein bis an sein Herz – und er blieb stumm unter zermalmenden Gefühlen – und endlich sagte er leise zur Bebenden: "Du Geduldige, du Getreue, du Geplagte! wie oft hab' ich dir wehgetan! O Gott, wie oft! Wirst du mir vergeben? Willst du mich vergessen?" (Ein Krampf des Schmerzens drängte die Erschütterte fester an ihn.) "Ja, ja, vergiss mich nur ganz; denn du warst ja nicht glücklich bei mir".... Die schluchzenden Herzen erstickten die stimme, und nur die Tränen konnten strömen ein durstiger, saugender Schmerz schwoll auf dem ermattenden, ausgeleerten Herzen, und er wiederholte: "Nein, nein, bei mir hattest du wahrlich nichts, nichts, nur Tränen – aber das Schicksal wird dich beglücken, wenn ich dich verlassen habe." Er gab ihr den letzten Kuss und sagte: "Lebe nun froh und lasse mich ziehen!" – Sie wiederholte unter tausend Tränen: "Du wirst ja gewiss nicht sterben." Aber er drängte und hob die Zusammenfallende von seinem Herzen weg und rief feierlich: "Es ist vorüber- das Schicksal hat uns geschieden – es ist vorüber." – Heinrich zog die Weinende sanft hinweg und weinte selber und verwünschte seinen Plan und winkte den Schulrat nach und sagte: "Firmian will jetzt ruhen!" Dieser kehrte sein schwellendes, von Qualen zerstochenes Angesicht ab gegen die Wand. Lenette und der Rat trauerten zusammen in der stube – Heinrich wartete das Zusammensinken der hohen Wogen ab – dann fragt' er ihn leise: "Jetzt?" Firmian gab das Zeichen, und sein Heinrich schrie sinnlos: "o, er ist gestorben!" und warf sich mit wahren heissen Tränen, die wie Blut aus dem nahen, blutigen Risse stürzten, über den Unbeweglichen, um ihn gegen jede Untersuchung zu bedecken. Ein trostloses Paar stürzte aus der stube ans zweite – Lenette wollte über den abgekehrten Gatten fallen und rief schmerzlich: "Ich muss ihn sehen, ich muss noch einmal Abschied nehmen von meinem Mann." Aber Heinrich befahl, vertrauend, dem Rate, die Trostlose zu halten und hinauszubringen