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werden und hielt ihn mit der Anrede auf der Schwelle auf: "Es wird schwerlich viel verfangen, Ew. Hochehrwürdenich wollt' ihn gestern ebenso im Flug, volti subito, citissime bekehren und ummünzen; aber am Ende warf er mir vor, ich wäre selber nicht bekehrt, und das ist auch wahr: denn im Sommer-Raps meiner Meinungen sitzen ketzerische Pfeifer an Pfeifer und nagen." Reuel versetzte, zwischen Moll- und Durton schwankend: "Ein Diener Gottes wartet und pflegt seines hl. Amts und sucht Seelen zu retten, es sei nun vom Ateismus oder von andern Sünden; aber der Erfolg bleibt ganz den Sündern heimgestellt."

Das schwarze Gewitter zog also voll Sinai-Blitze in die dunkle kammer hinausder Helfer schwenkte den wehenden Schlauch-Ärmel, wie eine ehrlich machende Fahne, über den aufs Bettuch hingestreckten Ateisten, wofür er ihn hielter säete den guten Samen so auf den Patienten, wie die Bauern in Swedieland den Rübensamen, den sie nämlich auf die Beete bloss speienund sagte ihm in einer Krankenvermahnung (dem gewöhnlichen Gegenstück der Leichenpredigt), die mich und den Leser vielleicht auch einmal unter dem letzten Deckbette einholet, die ich also nicht von Baireut nach Heidelberg zum Druck abschicke, da sie unterwegs in jeder Krankenstube zu hören ist, darin sagt' er es ihm, als ein gerader Mann, ins Gesicht, er sei ein Teufelsbraten und eben gar. Der gare Braten machte die Augen zu und hielt aus. Aber sein Heinrich, den es schmerzte, dass der Frühprediger die geliebten Ohren und das geliebte Herz mit glühenden Zangen zwickte, und den es ärgerte, dass er es nur tat, um den Kranken an den Beichtstuhl zu scheuchen, Heinrich fing den fliegenden Ärmel und erinnerte leise: "Ich hielt es für unhöflich, Hr. Frühprediger, es vorauszuschicken, dass der Kranke hartörig ist, und Sie zum Schreien anzufeuerner hat bisher kein Wort vernommenHr. Siebenkäs, wer steht da? Sehen Sie, so wenig hört erarbeiten Sie einmal mich bei einem Glas Bier um, das gefället mir eher, und ich hör' auch besser. Ich sorge, er hat jetzt Phantasien und hält Sie, wenn er Ihrer ansichtig wird, für den Teufel, weil Sterbende mit solchem den letzten Fechtergang zu machen haben. – Schade ist es, dass er die Rede nicht vernommen; sie würde ihn, denn beichten will er nicht, recht herzlich geärgert haben, und hinlängliche Ärgernis fristete nach dem 8ten Band von Hallers Physiologie Sterbenden oft das Leben auf Wochen. Eine Art wahrer Christ ist er aber doch, ob er gleich so wenig beichtete wie ein Apostel oder Kirchenvater; Sie sollen nach seinem seligen Hintritte von mir selber es hören, wie ruhig der rechte Christ verscheidet, ohne alle Verzuckungen und Verzerrungen und Todes-Ängsten; er ist ans Geistliche so gewöhnt wie die Schleiereule an die Kirchtürme; und so wie diese auf dem Glockenstuhl mitten unter dem Geläute sitzen bleibt: so bin ich Mann dafür, dass auch unser Advokat unter dem Anschlagen der Totenglocke gelassen verharren wird, weil er aus Ihren Frühpredigten die Überzeugung gewonnen, dass er nach dem tod noch fortlebt." – Es war freilich einiger harter Scherz über Firmians Schein-Sterben und Unsterblichkeit-Glauben in der Rede; ein Scherz, den nur ein Firmian zugleich verstehen und verzeihen konnte; aber Leibgeber wollte auch ernstaft die Leute anfallen, welche zufällige Körperstille des Sterbenden für geistige nehmen und Körpersturm für Gewissensturm.

Reuel versetzte nichts als: "Sie sitzen, wo die Spötter sitzen, der Herr wird sie findenmeine hände hab' ich gewaschen." Da er sie aber noch lieber gefüllet hätte, und da er doch das Teufelskind in kein Beichtkind umsetzen konnte: so ging er rot und stumm davon, demütig von Lenette und Stiefel unter fortdauernden Verbeugungen hinabgeführt.

Man mache die Gallenblase des guten Heinrichs, die seine Schwimmblase und leider oft seine aufsteigende hysterische Kugel ist, nicht grösser als sie ist; sondern man richte über diesen Naturfehler darum gelinder, weil Heinrich schon an so vielen Sterbebetten solche geistliche frères terribles, solche Galgenpatres stehen sehen, die auf das sieche, welke Herz noch Salz ausstreueten, und weil er mit mir glaubte, dass der Religion unter allen Stunden des Menschen seine letzte die gleichgültigste sein müsste, da sie die unfruchtbarste ist und kein Same in ihr aufgeht, welcher Taten treibt. – –

Während der kleinen Entfernung des höflichen Paars sagte Firmian: "Ich bins satt, satt, sattich mache nun keinen Spass mehrin zehn Minuten sag' ich meine letzte Lüge und sterbe, und wollte Gott, es wäre keine. Lasse kein Licht hereinsetzen und hülle mich sogleich unter die Maske, denn ich sehe' es schon voraus, ich werde meine Augen nicht beherrschen können, und unter der Larve kann ich sie doch weinen lassen, wie sie wollen o du mein Heinrich, mein Guter!" Das infusorische Chaos in Reuels Ermahnung hatte doch den müden Figuranten und Mimiker des Todes ernst und weich gemacht. Heinrich nahmaus feiner, liebender sorgeihm alle Lügenrollen willig ab und machte sie selber; und rief daher ängstlich und laut, als das Paar in die stube trat: "Firmian, wie ist dir?" – "Besser", sagte dieser, aber mit einer gerührten stimme, "– in der Erdennacht glimmen Sterne an, ach ich bin