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ein Rumpfparlament sich Brillen und Hörrohre? Die Ursachen sind ganz bekannt. Ist es so weit mit dem besten eingehäusigen Kopf in der Welt gekommen, dass er keinen hat, der sein Samengehäuse wäre?' – Der Rektor magnificus liess aber einen alten, engen Doktorhut aus den Universitätschränken herholen und passete mir solchen mit einem leichten Schlage auf und sagte: 'Die Fakultät setzet ihren Doktorhut nirgends hin als auf Kopfauf einem Nichts könnt' er gar nicht haften.' – Und durch den Hut wuchs meiner Phantasie, wie geköpften Schnecken, ein neuer Kopf nach. Seit ich nun kuriert bin, kurier' ich andere."

Der Obersanitätrat drehte einen Basiliskenaugapfel von ihm weg und liess sich aufgebracht an seinem Stockband wie einen Warenballen die Treppe hinab, ohne das aufgebrochne Vomitiv (ein Komitiv für die andere Welt) zu sich zu stecken, das nun dem Patienten aus seinem eignen Beutel zu bezahlen bleibt.

Der gute Heinrich hatte aber in einen neuen Krieg gegen Stiefeln und Lenetten zu ziehen; bis sich Firmian mit der Versicherung als Vermittler darein schlug, er hätte ohnehin das Brechpulver weggewiesen, da sich damitach, er meint' es bildlich eine alte Brustkrankheit und einige gordische Lungenknoten, die Knoten seines Erdenschauspiels, schlecht vertrügen.

Inzwischen war doch nicht zu verhehlener mochte sich verstellen, wie er wollte –, dass es mit ihm schlechter und schlechter werde; jeden Augenblick stand der Rikoschettschuss des Schlages bevor. "Es ist Zeit", sagte Firmian, "dass ich testiere; – ich sehne mich nach dem Landschreiber." Dieser Schreiber setzt bekanntlich, nach dem kuhschnappelischen Dorf- und Stadtrechte, alle Letzte Willenverfügungen auf. – Endlich trat er herein, der Landschreiber Börstel, eine welke, eingedorrte Schnecke, mit einem runden, scheuen, horchenden Knopfplatten-Angesicht voll Hunger, Angst und Aufmerksamkeit. Das Fleisch, dachten viele, sei nur, wie die neue schwedische Steinpappe, über die Knochen aufgeschmiert. "Was solle (begann Börstel) Denenselben heute niederschreiben?" – "Mein zierliches Kodizill", sagte Siebenkäs; "lassen Sie aber vorher eine und die andere verfängliche Frage, wie man vor Testatoren pfleget, an mich ergehen, um unter der Hand auszuholen, ob ich meinen Verstand noch habe." – Dieser fragte: "Für wen nehmen Selbige mich?" – "Für den Hrn. Landschreiber Börstel", antwortete Patient. – "Das ist (versetzte Börstel) nicht nur recht richtig, sondern es legt auch an den Tag, dass Sie wenig oder nicht phantasierenund es mag denn ohne weiteres zum Letzten kodizillarischen Willen geschritten werden."

Letzter Wille des Armenadvokaten Siebenkäs

"Endesunterschriebener, der mit andern Augustäpfeln jetzt gelbt und abfället, will, so nahe am tod, der die körperliche Leibeigenschaft des Geistes aufhebt, noch einige frohe Rück- und Seitenpas und Grossvatertänze machen, drei Minuten vor dem Basler Totentanz."

Der Landschreiber hielt innen und fragte staunend: "Mehr und dergleichen bring' ich zu Papier?"

"Zuerst will und verordn' ich Firmian Siebenkäs, alias Heinrich Leibgeber, dass Hr. Heimlicher von Blaise, mein Tutor, die 1200 fl. rhnl. Vormundschaftgelder, die er mir, seinem Pupillen, gottlos abgeleugnet, binnen Jahr und Tag an meinen Freund, Hrn. Leibgeber, Inspektor in Vaduz150, einhändigen solle und wolle, der sie nachher meiner lieben Frau wieder treulich übermachen wird. Weigert Hr. v. Blaise sich dessen, so heb' ich hier die Schwurfinger auf und leiste auf dem Totenbette den Eid ab: dass ich ihn nach meinem Ableben überall, nicht gerichtlich, sondern geistig, verfolgen und erschrecken werde, es sei nun, dass ich ihm als der Teufel erscheine oder als ein langer weisser Mann oder bloss mit meiner stimme, wie es mir etwa meine Umstände nach dem tod verstatten."

Der Landschreiber schwebte mit dem befederten arme in der Luft und brachte seine Zeit mit blossem schreckhaften Zusammenfahren hin: "Ich sorge nur, mich nehmen (sagt' er) der Herr Heimlicher, schreibe' ich solche Sachen nieder, am Ende beim Flügel." – Aber Leibgeber schnitt ihm mit seinem Körper und Gesicht die Flucht über das Höllentor der kammer ab.

"Ferner will und verordne ich, als regierender Schützenkönig, dass kein Sukzessionkrieg mein Testament zu einem Sukzessionpulver für unschuldige Leute machedass ferner die Republik Kuhschnappel, zu deren Gonfaloniere und Doge ich durch die Schützen-Kugeln ballotiert worden, keine Defensivkriege führen soll, weil sie sich nicht damit defendieren kann, sondern bloss Offensivkriege, um die Grenzen ihres Reichs, da sie schlecht zu decken sind, wenigstens zu mehrenund dass sie solche holzersparende Mitglieder sein sollen, wie ihr tödlich kranker Landesund Reichsmarktflecken-Vater war. jetzt, da mehr Wälder verkohlen als nachwachsen, ist das einzige Mittel dagegen, dass man das Klima selber einheize und in einen grossen Brut-, Darr- und Feldofen umsetze, um die Stubenöfen zu ersparen; und dieses Mittel haben längst alle gute forstgerechte Kammern ergriffen, die vor allen Dingen die Forstmaterie, die Wälder, ausreuten, die voll Nachwinter stecken. Wenn man bedenkt, wie sehr schon das jetzige Deutschland gegen das von Tacitus mappierte absticht, bloss durch das Lichten der Wälder ausgewärmt: so kann man leicht schliessen, dass wir doch endlich einmal zu einer Wärme, wo die Luft unsere Wildschur ist, gelangen werden, sobald es ganz und gar kein Holz mehr gibt