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und Wendungen zu Gebote, bei diesen keine.

Vormittags wurden der Schulrat und der Hausherr Merbitzer ans Bette vorgefodert: "Meine Herren", fing der Kranke an, "ich gedenke nachmittags meinen Letzten Willen zu haben und auf dem Richtplatz der natur drei Dinge zu sagen, welche ich will, wie mans in Aten durfte148; aber ich will jetzt schon ein Testament eröffnen, eh' ich das zweite mache oder vielmehr das Kodizill des ersten. Meine sämtlichen Schreibereien soll mein Freund Leibgeber einpacken und behalten, sobald ich selber eingepacket bin ins letzte Kuvert mit Adresse. – Ferner will und verordne ich, dass man sich nicht weigereda ich die dänischen Könige, die alten österreichischen Herzoge und die vornehmen Spanier vor mir habe, wovon sich die ersten in ihrer Rüstung, die zweiten in Löwenfellen, die dritten in elenden Kapuzinerbälgen beisetzen lassenman soll sich nicht weigern, sag ich, mich ins Beet der andern Welt mit der alten Hülse und Schote zu stecken, worin ich in der ersten grünte; kurz, so wie ich hier bin und testiere. Diese Verordnung nötigt mich, die dritte zu machen, dass man die Totenfrau bezahle, aber sogleich fortweise, weil ich in meinem ganzen Leben zwei Weibern auffallend gram geblieben, der einen, die uns herein-, und der andern, die uns hinausspület, obwohl in einem grösseren Badezuber abscheuert als jene: der Hebamme und der Totenfrau; sie soll mit keinem Finger an mich tippen, und überhaupt gar niemand als mein Heinrich da." Sein Groll gegen diese Dienerschaft des Lebens und des Todes kann, wie ich vermute, aus demselben Anlass fliessen wie der meinige: nämlich aus dem herrischen und sportelsüchtigen Regiment, womit uns diese beiden Pflanzerinnen und Konviktoristinnen der Wiege und der Bahre gerade in den zwei entwaffneten Stunden der höchsten Freude und der höchsten Trauer keltern und pressen.

"Weiter will ich, dass Heinrich mir mein Gesicht, sobald es die Zeichen meines Abschiedes gegeben, mit unserer langhälsigen Maske, die ich oben aus dem alten Kasten heruntergetragen, auf immer bedachen und bewaffnen soll. Auch will ich, wenn ich aus allen Fluren meiner Vergangenheit gehe und nichts hinter mir höre als rauschende Grummetügel, wenigstens an meine Brust noch den seidnen Strauss meiner Frau, als Spielmarke der verlornen Freuden, haben. Mit einer solchen Schein-Insignie geht man am schicklichsten aus dem Leben, das uns so viele Pappendeckelpasteten voll Windfülle vorsetzt. – Endlich soll man nicht, wenn ich fortgehe, hinter mir, wie hinter einem, der aus Karlsbad abreiset, vom Turm nachklingen, wie man uns sieche, flüchtige Brunnengäste des Lebens ebenso wie Karlsbader mit Musizieren auf den Türmen empfängt, zumal da die Kirchendienerschaft nicht so billig ist wie der Karlsbader Türmer, der für An- und Nachblasen nur auf 3 Kopfstücke aufsieht." – – Er liess sich nun Lenettens Schattenriss ins Bette reichen und sagte stammelnd: "Meinen guten Heinrich und den Hrn. Hausherrn ersuch' ich, nur auf eine Minute abzutreten und mich mit dem Hrn. Schulrate und meiner Frau allein zu lassen."

Da es geschehen war: so blickte er lange stumm und warm den kleinen, teuern Schatten an; sein Auge trat, von Schmerzen durchbrochen, über wie ein zerrissenes Ufer; er reichte den Schattenriss dem Rate zu, stockte überwältigt und sagte endlich: "Ihnen, getreuer Freund, Ihnen allein kann ich dieses geliebte Bildnis geben. Sie sind ihr Freund und mein Freund – O Gott, kein Mensch auf der ganzen weiten Erde nimmt sich meiner guten Lenette an, wenn sie von Ihnen verlassen wirdWeine nur nicht so bitterlich, Gute, er sorgt für dich – O mein teuerster Freund, dieses hülflose, schuldlose Herz wird brechen in der einsamen Trauer, wenn Sie es nicht beschirmen und beruhigen: o verlassen Sie es nicht wie ich!" Der Rat schwur bei dem Allmächtigen, er verlasse sie nie, und nahm Lenettens Hand und drückte sie, ohne die Weinende anzusehen, und hing mit tropfenden Augen gebückt auf das Angesicht seines verstummenden Freundes hereinaber Lenette drängte ihn weg von der Brust ihres Gatten und machte ihre Hand frei und sank auf die Lippen nieder, die ihr Herz so sehr erschüttert hattenund Firmian schloss sie mit dem linken Arm ans erquickte Herz und streckte überdeckt den rechten nach seinem Freunde ausund nun hielt er an die gedrückte Brust die zwei nächsten Himmel der Erde geknüpft, die Freundschaft und die Liebe...

Und das ist es eben, was mich an euch betörten und uneinigen Sterblichen ewig tröstet und freuet, dass ihr euch alle herzlich liebt, wenn ihr euch nur in reiner menschlicher Gestalt erblickt, ohne Binden und Nebeldass wir alle nur erblinden, wenn wir fürchten, dass wir erkalten, und dass unser Herz, sobald der Tod unsere Geschwister über das Gewölke unserer Irrtümer hinausgehoben, selig und liebend zerfliesset, wenn es sie im durchsichtigen Äter, ohne die Entstellung der hiesigen Hohlspiegel und Nebel, als schöne Menschen schweben sieht und seufzen muss: ach in dieser Gestalt hätt' ich euch nie verkannt! – Daher strecket jede gute Seele ihre arme nach den Menschen aus, die der Dichter in seinem Wolkenhimmel wie Genien unsern tiefen Augen zeigt, und die doch, wenn er sie auf unsere Brust heruntersinken lassen könnte, in wenig Tagen auf dem schmutzigen Boden unserer Bedürfnisse und Irrtümer ihre schöne Verklärung verlören; wie man das kristallene Gletscherwasser, das, ohne zu erkälten,