sei hienieden nichts mehr als ein höheres Hänseln oder die Ohrfeige oder der Schwertschlag, womit man zu einem Ritter befördere.
Der Kranke hatte aufs Pulver eine recht leidliche Nacht; und er selber schöpfte wieder Hoffnung. Heinrich gab es nicht zu, dass die gute Lenette mit den Augen voll Tränen und voll Schlafs die Nachtwächterin seines Bettes wurde; er wolle nachts dem Patienten beispringen, sollt' es gefährlich werden, sagt' er. Das letzte war aber nicht möglich, da beide erst eben in dieser Nacht den Vertrag miteinander machten – und zwar lateinisch, wie einen fürstlichen –, dass morgen abends der Tod oder der fünfte Akt dieser Einschiebtragödie, die in der Tragödie des Lebens selber nur ein Auftritt ist, sich ereignen sollte. "Es ist morgen", sagte Firmian, "schon zu lange – meine Lenette kümmert mich unaussprechlich. Ach, ich habe, wie David, das elende Auslesen unter Teuerung, Krieg und Pest, und keine Wahl als seine. – Du, lieber Bruder, du bist mein Kain und richtest mich hin und glaubst auch so wenig wie er von der Welt, in die du mich schickst147. Wahrlich, eh' du mir das Temperierpulver vorgeschrieben, das mich zu reden nötigte, wünscht' ich in meiner stummen Düsterheit, aus Spass würde Ernst. Einmal muss ich hindurch, durchs Tor unter der Erde, das in die umbauete Festung der Zukunft führt, wo man sicher ist. O, guter Heinrich, das Sterben schmerzet nicht, aber das Scheiden, das von werten Seelen mein' ich." – Heinrich versetzte: "Gegen diesen letzten Bajonettstich des Lebens hält uns die natur ein breites Achilles-Schild vor: man wird auf dem Totenbette früher moralisch- als physischkalt, eine sonderbare hofmännische Gleichgültigkeit gegen alle, von denen wir zu scheiden haben, kriecht frostig durch die sterbenden Nerven. Vernünftige Zuschauer sagen nachher: seht, so verzichtend und vertrauend stirbt nur ein Christ! – – Lass es, guter Firmian; die paar schlimmen, heissen Minuten, die du bis morgen auszuhalten hast, sind ein hübsches warmes Aachner Bad für den kranken Geist, das freilich verdammt nach faulen Eiern riecht; nach einiger Zeit aber, wenn das Bad erkaltet ist, riecht es wie das Aachner nach nichts."
Am Morgen pries ihn Heinrich so: "Wie der jüngere Kato in der Nacht vor seinem tod ruhig schlief – die geschichte konnte ihn schnarchen hören –, so scheinest du heute nacht ein erneuertes Beispiel dieser Seelengrösse in so entkräfteten zeiten gegeben zu haben: wär' ich dein Plutarch, ich gedächte des Umstandes." – "Aber ernstlich", versetzt' er, "ich wünschte wohl, dass ein gescheuter Mann, ein literarischer Historienmaler West, meinen sonderbaren Primatod nach vielen Jahren, wenn der Tod schon den Sekundawechsel geschickt, einer guten Beschreibung würdigte für die Presse."... Derselben hat ihn nun, wie es scheint, ein biographischer West gewürdigt; aber man lasse mich es frei heraussagen, dass ich mit unglaublicher Freude diese Bett-Rede und diesen Wunsch, den ich so gänzlich erfülle, unter den Dokumenten angetroffen habe. – Leibgeber sagte darauf: "Die Jesuiten in Löwen edierten einmal ein schmales Buch, worin das schreckliche Ende Luters gut, aber lateinisch beschrieben war. Der alte Luter erwischte das Werk und vertierte es wie die Bibel und fügte bloss hinten bei: 'Ich D. M. Luter habe diese Nachricht selbst gelesen und verdolmetscht.' – Das würde' ich an deiner Stelle, wenn ich meinen Tod ins Englische übersetzte, auch darunter schreiben." – schreibe es immer darunter, lieber Siebenkäs, da du noch lebst; aber vertiere mich nur!
Der Morgen gibt sonst seine Erfrischungen unter dem menschlichen Lagerkorn herum, es sei, dass einer auf dem harten Krankenbette oder auf der weichern Matratze liege, – und richtet mit dem Morgenwind gebückte Blumen- und Menschenhäupter auf; aber unser Kranker blieb liegen. Es setzte ihm bedenklich zu, und er konnte nicht verhehlen, dass es mit ihm zurückgehe wenigstens wollt' er auf allen Fall sein Haus bestellen. Dieses erste Viertel, das die Totenglocke zur Sterbestunde schlug, drückte einen schweren scharfen Glockenhammer in Lenettens Herz hinein, aus dem der warme Strom der alten Liebe in bittern Zähren brach. Firmian konnte dieses trostlose Weinen nicht ansehen; er streckte verlangend die arme aus, und die Gepeinigte legte sich sanft und gehorsam zwischen sie an seine Brust, und nun vereinigte die heisseste Liebe ihre doppelten Tränen, ihre Seufzer und ihre Herzen, und sie ruhten, obwohl an lauter Wunden, glücklich aneinander in so geringer Entfernung vom Grenzhügel der Trennung.
Er tat es daher der Armen zuliebe und besserte sich zusehends; auch war diese Herstellung vonnöten, um die gute Laune zu erklären, womit er seinen Letzten Willen besorgte. Leibgeber gab seine Freude zu erkennen, dass der Patient wieder imstande war, auf der Serviette des Deckbettes zu speisen und eine tiefe Krankensuppen-Schüssel wie einen Weiher völlig abzuziehen. "Die lustige Laune", sagte Leibgeber zum Pelzstiefel, "die sich beim Kranken wieder einstellet, gibt mir grosse Hoffnungen; die Suppe aber frisset er offenbar nur der Frau zuliebe hinein." Niemand log so gern und so oft aus Satire und Humor als Leibgeber; und niemand feindete ernste Unredlichkeit und Verschlagenheit unduldsamer an als er; er konnte l000 Scherzlügen, und keine 2 Notlügen vorbringen; bei jenen standen ihm alle täuschende Mienen