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Zeichendeuterinnen und prophetischen Hellseherinnen. Lenette beweiset es. Abends war Stiefel da, man disputierte, und dieser liess es frei merken, dass er mit Salvian und mit mehren guten Teologen146 glaube, dass die Kinder Israel, deren Kleider 40 Jahre in der Wüste kein Loch bekamen, des Anzugs wegen immer in einem Wuchse blieben, ausgenommen Kinder, an denen der Rock, den man ihnen aus dem abgelegten Kleidernachlass der Verstorbenen zugeschnitten, zugleich mit dem Körper in die Höhe und Breite wuchs; "auf diese Weise", setzte er hinzu, "werden alle Schwierigkeiten des grossen Wunders leicht durch kleine Nebenwunder aufgelöset." – Leibgeber sagte mit einem funkelnden Auge: "Das glaubt' ich schon im Mutterleibe. Im ganzen israelitischen Heerzug konnte' es kein Loch geben, ausser was man von Ägypten mitgebracht, und das wurde nicht grösser. Ja gesetzt, einer riss sich in der Trauerzeit ein Loch in die Backe und in den Rock: so nähten sich beide Löcher selber miteinander wieder zu. Jammer und schade ist es, dass diese Armee die erste und die letzte blieb, bei der die Montur eine hübsche Art von Über-Körper war, der mit der Seele wuchs, um die er liefund wo allmählich der polnische Rock zu einem Kur-Habit erstarkte, aus einem microvestis zu einem macrovestis heranwuchs. Ich sehe' es, in der Wüste war Essen eine Tuchfabrik, Manna die englische Wolle und der Magen der Webstuhl. Ein Israelit, der sich gehörig mästete, lieferte damals das nötigste Landes- und Wüstenprodukt. Ich würde, wär' ich damals auf einem Werbplatz gestanden, nur den Rock des Rekruten unten an das Rekrutenmass gehangen haben. Wie ist es aber in unsrer Wüste, die nicht ins Gelobte Land, sondern nach Ägypten führt? – Bei den Regimentern wachsen das ganze Jahr die Gemeinen, aber kein Rock; ja die Monturen sind nur für dürre Jahre und dürre Leute gefertigt, in nassen ringeln sie sich zusammen als gute Feuchtigkeitmesser, und der Schweiss stiehlt mehr Tuch als der Kompanieschneider und selbst der Lieferant. Der Chef, der etwa auf eine Periphrase und einen Streckteich der Montierstücke gerechnet hätte, weil er ausser den Israeliten auch an den Kleidermotten und Schnecken ein Beispiel sähe, die sich nicht nach der Decke, sondern nach denen sich die Decke strecket, ein solcher Chef würde, weil die Regimenter dann fast in einem Zustand wie die alten Atleten föchten, des Henkers darüber werden, und die Regimenter des Teufels."

Diesen unschuldigen Sermon, der nur Stiefels exegetischen Wahnsinn beschiessen sollte, glaubte Lenette auf ihren Kleiderschrank gerichtet. Diese Deutsche war wie der Deutsche, der hinter jeder Rakete und Pulverschlange der Laune einen besonderen satirischen Kernschuss sucht. Siebenkäs bat ihn daher, seiner armen Frau, auf deren Herz jetzt ohnehin so viele scharf-gezähnte Schmerzen abgeschleudert würden, die unvermeidliche, unüberwindliche Unwissenheit ihrer Exegese nachzusehen oder lieber gar zu ersparen. –

Es ging endlich ein Kuhschnappler Bader mit Tod ab, der dem teuern Tischler unter den Hobel fiel. "Nun hab' ich", sagte Firmian lateinisch, "mit dem Schlagfluss keine Minute zu passen; wer steht mir dafür, dass mir kein Mensch vorstirbt und den wohlfeilen Tischler wegfängt?" – Daher wurde auf den nächsten Abend das Erkranken anberaumt.

Zwanzigstes Kapitel

Der Schlagflussder Obersanitätratder

Landschreiberdas Testamentder Rittersprung

der Frühprediger Reuelder zweite Schlagfluss

Abends riss Heinrich den Vorhang des Trauerspiels voll lustiger Totengräberszenen auf, und Firmian lag mit dem schlagflüssigen kopf auf dem Bette, stumm und an der ganzen rechten Seite gelähmt. Der Patient konnte sich über seine Verstellung und über die Qualen, womit sie Lenetten durchschnitt, nicht anders beruhigen als durch den inneren Schwur, ihr als Vaduzer Inspektor die jährliche Hälfte seiner Einnahmen namenlos zu senden, und durch die Vorstellung, dass sie durch seinen Tod zugleich Freude und Freiheit und ihren Liebhaber gewinne. Das Mietpersonale schloss einen Kreis um den Schlagflüssigen; aber Leibgeber trieb alles aus der kammer und sagte: "Der Leidende braucht Ruhe." Es tat ihm ordentlich wohl, dass er in einem fort scherzhaft lügen konnte. Er versah das Reichserbtürhüteramt und schlug vor dem Doktor, den man verordnen wollte, die Tür ins Schloss: "Ich will dem Kranken (sagt' er) wenig verschreiben, aber das wenige gibt ihm doch einstweilen die Sprache. Die verdammten Todesflüsse von Mixturen, Hr. Schulrat" (denn dieser wurde sogleich hergeholt), "sind wie die Flüsse, die jedes Jahr einen Toten haben wollen." Er rezeptierte ein blosses Temperierpulver: "Recipe", schrieb er laut:

"R. Conch. citratae Sirup. I.

Nitri crystallisati gr. X.

D. S. Temperierpulver.

Vor allen Dingen", setzt' er gebietend hinzu, "muss man die Füsse des Patienten in laues wasser stellen."

Das ganze Haus wusste, es helfe alles nichts, da sein Tod durch das Mehl-Gesicht nur gar zu gewiss verkündigt worden, und Fecht hatte eine mitleidige Freude, dass er nicht fehlgeschossen.

Der schwache Mann brachte das Temperierpulver kaum hinunter, so war er schon imstande, zum Erstaunen der ganzen Todes-Assekuranzkammer in der stube wieder vernehmlich (aber nicht stark) zu sprechen. Der Haus-Feme war es fast nicht recht. Der gute Heinrich hatte aber wieder einen Vorwand, seine frohe Miene zu erneuern. Er tröstete die Advokatin mit den Sprüchen: der Schmerz