hätte, dass von der dichterischen wenig in der markgräflichen zu finden sei und dass die natur schöne romantische Täler und Berge gedichtet, welche der französische Geschmack mit seinen rhetorischen Blumen- und Periodenbauten und Antitesen behangen und ausstaffiert, und dass Leibgebers Wort von der Phantasie, die den ParisApfel versilbere, in einem andern Sinne auf Fantaisie passe, von deren Äpfeln der natur man erst das gallische Weihnachtsilber abzuschaben habe, eh' man sie anbeisst.
Kaum war Leibgeber zum haus hinaus und nach seiner Gewohnheit unter das Gewitter hinein, das er gern im Freien genoss: so brach Lenettens Gewitter noch vor dem himmlischen aus. "So hab ichs doch mit meinen eignen Ohren vernommen", fing sie an, "wie dieser Ateist und Störenfried dich in Baireut in der Phantasie verkuppelt; und dem soll eine Frau eine Hand geben oder mit einem Finger berühren?" – Sie liess noch einige Donner nachrollen; aber es ist meine Pflicht gegen die arme, durch vielerlei Gemisch zu einem Gärbottich umgesetzte Frau, ihr nicht alle Aufbrausungen nachzuzählen. Inzwischen brauseten nun auch die Säuern des Mannes auf; denn seinen Freund vor ihm zu schelten – gleichviel, aus welchem Missverständnis, und er fragte gar nicht über dasselbe, da keines sie entschuldigen konnte – blieb ihm eine Sünde gegen den Heiligen Geist seiner Freundschaft; – und er donnerte demnach tüchtig zurück. Es kommt als Entschuldigung dem mann zustatten freilich der Frau auch –, dass die Gewitterluft die feurigen Kohlen auf seinem haupt noch mehr in Flammen blies und dass er demnach wie toll in der stube aufund abfuhr und geradezu den Vorsatz, Lenetten vor seinem Sterben alles nachzusehen, in die Luft sprengte; denn er wollte und durfte nicht leiden, dass dem letzten Freunde seines Lebens und Sterbens von der Erbin seines Namens unrecht begegnet wurde in Worten oder Werken. Von den vulkanischen Ausbrüchen des Advokaten, die ich ihm zuliebe gleichfalls alle verschweige, geb' ich einen Begriff, wenn ich berichte, dass er, mit dem Gewitter jetzt um die Wette donnernd, ausrief: "einem solchen mann!" – und eine Ohrfeige mit den Worten: "du bist auch ein Weiberkopf!" einem Haubenkopf erteilte, der schon einen kühnen Hut mit Federn aufhatte. – Da der Kopf Lenettens Favoritsultanin unter den andern Köpfen war und oft von ihr gestreichelt wurde: so war nach einem solchen Schlage billig nichts weiter zu erwarten als ein so heftiges Auftoben, als wär' er ihr selber widerfahren (wie Siebenkäs gleicherweise für seinen Freund aufgebrauset); aber es kam nichts als ein mildes volles Weinen. "O Gott, hörst du das schreckliche Gewitter nicht?" sagte sie bloss. "Donner hin, Donner her!" versetzte Siebenkäs, welcher – einmal über seinen bisherigen philosophischen Ruhegipfel hinausgerollt – nun nach geistigen und physischen Fallgesetzen die Gewalt des Sturzes wachsen liess bis zum Versinken, "das Wetter sollte nur allem kuhschnappelschen Gesindel heute auf den Kopf fahren, das meinen Heinrich anschwärzt." – Da das Gewitter noch heftiger wurde, sprach sie noch sanfter und sagte: "Jesus, welcher Schlag! – Sei doch bussfertig! Wenn er dich nun in deinen Sünden träfe!" – "Mein Heinrich geht draussen", sagt' er; "o wenn ihn der Blitz nur jetzt erschlüge und mich gleich mit durch einen Strahl: so wär' ich alles elenden Sterbens entübrigt; und wir blieben beieinander!" –
So trotzig und Leben und Religion verachtend hatte die Frau ihn noch nie gesehen, und sie musste daher jede Minute gewärtig sein, dass der Blitz in das Merbitzersche Haus herabschiesse und ihn und sie erlege, um ein Exempel zu geben.
jetzt deckte ein so heller Blitz den ganzen Himmel auf, und ein so brechender Donner fuhr ihm nach, dass sie ihm die Hand hinreichte und sagte: "Ich will gern alles tun, was du begehrst – sei nur um Gottes willen wieder gottesfurchtig – ich will ja Herrn Leibgeber auch die Hand geben und den Kuss, er mag sie abgewaschen haben oder nicht, wenn ihn der Hund abgeleckt – und ich will nicht hinhören, wenn ihr auch noch so stark die versilbernde und blühende Phantasie der Baireuter herausstreicht." –
Himmel! wie tief ihm der Blitz jetzt in zwei Irrgänge Lenettens hineinleuchtete und ihm ihre unschuldige Verwechslung der Phantasie mit Fantaisie, wovon ich schon gesprochen, sehen liess und dann seine eigne Verwechslung ihres Ekels mit ihrem Hasse. Letztes war nämlich so: Da ihr weibliches Reinlichhalten und ihr Putzen sich leichter den Katzen anschloss als den Hunden, welche beides und die Katzen selber nicht achten: so war ihr Leibgebers Hand, wenn gerade des Saufinders Zunge darauf gewesen, eine Esaus-Hand voll Chiragra und ein Daumenschrauben für die ihrige – der Ekel litt kein Berühren –, und Heinrichs Mund vollends war, und wäre der Hund vor zehn Tagen daran mit seinem gesprungen, das grösste Schreckbild, welches nur der Abscheu für ihre Lippen hinstellen konnte; – sogar die Zeit galt ihr für keine Lippenpomade144.
Aber diesesmal brachten die entdeckten Irrtümer nicht Frieden wie sonst, sondern das erneuerte Gebot der Trennung. Zwar traten ihm Tränen in die Augen, und er reichte ihr die Hand und sagte: "Vergib zum letztenmal! Im August ziehen ohnehin die Gewitter heim"; aber er konnte keinen Kuss der Versöhnung anbieten oder annehmen. Unwiderruflich sprach sein neuester Abfall von den wärmsten Entschlüssen der Duldung die Weite ihrer inneren Trennung aus. Was hilft Einsehen der Irrungen bei dem Bestehen ihrer Quellen? Was