Lenetten war nämlich schon vor geraumer Zeit der ganze Leibgeber nicht recht zum Ausstehen, weil er, der weder Titel noch Ansehen hatte, mit ihrem mann, einem längst eingebürgerten Kuhschnappler Armenadvokaten und Gelehrten, öffentlich so gemein und bekannt tat und ebensogut als ihr von ihm verführter Mann ohne Zopf ging, so dass viele mit den Fingern auf beide wiesen und sagten: "Ei, seht das Paar oder par nobile fratrum!" Diese Reden und noch schlimmere konnte Lenette aus den echtesten historischen Quellen schöpfen. Freilich heutigentages gehört fast so viel Mut dazu, sich einen Zopf anzuhängen, als damals, sich seinen abzuschneiden. Ein Domherr hat in unsern zeiten nicht nötig, wie in den vorigen, sich einen Zopf und dadurch den angenehmen Gesellschafter zu machen, und er braucht ihn also nicht erst zweimal jährlich, wie einen Pfauenschweif, abzuwerfen, um seine tausend Gulden Einkünfte gesetzmässig zu verdienen, indem er im Chore zur Vesper erscheint mit rundem Haar; er trägts schon am Spieltische wie am Chorpulte. In den wenigen Ländern, wo etwa der Zopf noch herrscht, ist er mehr Dienst-Pendel und staates-Perpendikel, und langes Haar, das schon die fränkischen Könige als Kron-Abzeichen (Kron-Insignie) haben mussten, ist bei Soldaten, sobald es nicht wie bei jenen fliegend und ungebunden getragen wird, sondern fest geschnürt und gefangen vom Zopfband, ein ebenso schönes Zeichen des Dienens. Die Friesen taten längst ihren Schwur mit Anfassen des Zopfes, und hiess solcher der Bödel-Eid142 – so setzt denn in manchen Ländern der Soldaten- oder Fahneneid einen Zopf voraus; und wenn bei den alten Deutschen schon ein auf der Stange getragener Zopf eine Gemeinde vorstellte143, wie natürlich muss eine Kompanie, ein Regiment, wovon jeder einzelne Soldat den seinigen hinten trägt, nicht gleichsam einen Kompaniezopf der vaterländischen Vereinigung bilden und deutsches Wesen zeigen!
Lenette machte nun vor ihrem mann kein Geheimnis daraus denn ihr stand Stiefel von weitem bei –, dass sie sich im Grund wenig über Leibgeber und sein Betragen und sein Tragen erfreue. "Mein Vater Seliger war doch lange Rats-Kopist", sagte sie in Leibgebers Gegenwart, "aber er betrug sich immer wie andere Leute in Kleidung und sonst."
"Als Kopist", versetzte Siebenkäs, "musste er freilich immer kopieren, so oder so, mit Federn oder Rökken; mein Vater hingegen spannte Fürsten die Büchsen und schor sich um nichts, und was fiel, das fiel. Es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen beiden Vätern, Frau!" Sie hatte schon früher bei gelegenheit den Kopisten gegen den Büchsenspanner gehalten und gemessen und von weitem angedeutet, dass Siebenkäs keinen so vornehmen Vater wie sie und folglich auch nicht die vornehme éducation gehabt, wodurch man Manieren bekommt und überhaupt lernt wie man sich trägt. Dieser lächerliche Herabblick auf seinen Stammbaum verdross ihn immer so, dass er oft über sich selber lachte. Indes fiel ihm der kleine Seitenschlag auf Leibgeber weniger auf als ihre ungewöhnliche körperliche Zurückziehung von ihm; sie war nicht zu bewegen, seine hände anzufassen, und gar ein Kuss von ihm, sagte sie, wäre ihr Tod. Mit allem peinlichen Eindringen und fragen über den Grund holte er keine andere Antwort aus ihr heraus als die: sie woll' es sagen, wenn er fort sei. Aber dann war er selber leider auch fort und im Sarge, d.h. auf dem Wege nach Vaduz.
Auch diese ungewöhnliche Hartnäckigkeit eines starren Haubenkopfes wurde von ihm noch leidlich ertragen in einer Zeit, wo sich das eine Auge am Freunde wärmte, und das andere am grab kühlte.
Endlich kam noch etwas dazu, und niemand erzählt es gewiss treuer als ich; daher man mir glauben sollte. Es war abends, ehe Leibgeber in seinen Gastof (ich glaube zur Eidechse) zurückging, als die tiefschwarze Halbscheibe eines Gewitters sich stumm über den ganzen Westen der Sonne wölbte und immer weiter herüberbog auf die bange Welt, da war es, dass beide Freunde über die Herrlichkeit eines Gewitters, über das Beilager des himmels mit der Erde, des Höchsten mit dem Tiefsten, über die Himmelfahrt des himmels nach der Erde, wie Leibgeber sagte, sprachen, und dass Siebenkäs bemerkte, wie eigentlich nur die Phantasie hier das Gewitter vorstelle oder ausbilde, und wie nur sie allein das Höchste mit dem Niedrigsten verknüpfe. Ich wollte, er hätte dem Rate von Campe und Kolbe gefolgt und statt des fremden Wortes Phantasie das einheimische Einbildungkraft gebraucht; denn die Puristin und Sprachfegerin Lenette fing an zuzuhören, sobald er nur das Wort ausgesprochen. Sie, die in der Brust nichts hatte als Eifersucht und im kopf nichts als die Fantaisie, hatte alles auf die Baireuter Fantaisie bezogen, was nur der menschlichen Phantasie von beiden Männern nachgerühmt wurde, z.B. wie sie (die markgräfliche Fantaisie nämlich, dachte Lenette) selig mache durch die Schönheit ihrer hohen Geschöpfe – wie nur im Genusse ihrer Schönheiten ein Kuhschnappel zu ertragen sei – (freilich, weil man an seine Natalie denkt, dachte sie) – wie sie das kahle Leben mit ihren Blumen überkleide – (mit ein paar seidnen Vergissmeinnicht, sagte Lenette zu sich) – und wie sie (die markgräfliche Fantaisie) nicht nur die Pillen des Lebens, auch die Nüsse, ja den Paris-Apfel der Schönheit selber versilbere.
Himmel, welche Doppelsinnigkeiten von allen Ekken! Denn wie trefflich hätte Siebenkäs den Irrtum der Verwechslung der Phantasie mit Fantaisie widerlegen können, wenn er bloss gezeigt