1796_Jean_Paul_051_169.txt

. Sonst war ihre Ehe oft den meisten Ehen ähnlich, deren Paare jenen Zwillingstöchtern139 gleichen, die, mit den zwei rücken ineinandergewachsen, sich immer zankten, aber niemals erblickten und immer nach entgegengesetzten Weltgegenden zogen, bis die eine mit der andern auf und davon lief. Jetzt hingegen liess Firmian alle Misstöne Lenettens ohne Zorn ausschnarren. Auf ihre Ekken, auf ihre opera supererogationis im Waschen, auf die Wasserschösslinge ihrer Zunge fiel nun ein mildes Licht, und die Farbe des Schattens, den ihr aus dunkler Erde geschaffnes Herz wie jedes warf, verlor sich sehr ins Himmelblaue, wie (nach Mariotte) sich die Schatten unter dem Sternenlicht so bläuen wie der Himmel darüber. Und stand nicht der grosse blaue Sternenhimmel in der Gestalt des Todes über seiner Seele? – Jeden Morgen, jeden Abend sagt' er sich: "Wie sollt' ich nicht vergeben; wir bleiben ja noch so kurz beisammen." Jeder Anlass, zu vergeben, war eine Versüssung seines freiwilligen Abschieds; und wie die, welche verreisen oder sterben, gern verzeihen, und noch mehr die, so beides sehen: so wurde in seiner Brust den ganzen Tag die hohe wärmende Quelle der Liebe nicht kalt. Er wollte die kurze, dunkle Allee aus Hängeweiden, die aus seinem haus bis zu seinem leeren grabach ein volles für seine Liebelief, nur an werten Armen zurücklegen und auf jeder Moosbank darin zwischen seinem Freund und seinem weib, in jeder Hand eine geliebte, ausruhen. So verschönert der Tod nicht nur, wie Lavater bemerkt, unsere entseelte Gestalt, sondern der Gedanke desselben gibt dem Angesicht auch schon im Leben schönere Züge und dem Herzen neue Kraft, wie Rosmarin zugleich sich als Kranz um Tote windet und mit seinem Lebenwasser Ohnmächtige belebt.

"Mich wundertsagt hier der Leserdabei nichts; in Firmians Fall dächte wohl jeder so, wenigstens ich." – Aber, du Lieber, sind wir denn nicht schon darin? Macht die Ferne oder die Nähe unserer ewigen Abreise denn einen Unterschied? O, da wir hienieden nur als trügerisch-feste und rot gefärbte Gebilde neben unsern Höhlen stehen und gleich alten Fürsten in Grüften stäubend einfallen, wenn die unbekannte Hand das mürbe Gebilde erschüttert: warum sagen wir denn nicht wie Firmian: "Wie sollt' ich nicht vergeben; wir bleiben ja noch so kurz beisammen." – Es wären daher für uns vier bessere Buss-, Bet- und Fasttage als die gewöhnlichen, wenn wir jährlich nur vier harte, hoffnungslose Krankentage hintereinander auszuhalten hätten; weil wir auf dem Krankenlager, dieser Eisregion des Lebens neben dem Krater, mit erhöhten Augen auf die einschrumpfenden Lustgärten und Lustwälder des Lebens niedersehen würdenweil da unsere elenden Rennbahnen kürzer, und nur die Menschen grösser erscheinenund wir da nichts mehr lieben würden als Herzen, keine andern Fehler vergrössern und hassen als unsere, und weil wir mit schönern Entschlüssen das Siechbette verlassen, als wir es bestiegen. Denn der erste Genesungtag des überwinterten Körpers ist die Blütezeit einer schönen Seele, sie tritt gleichsam verklärt aus der kalten Erdenrinde in ein laues Eden, sie will alles an den schwachen, schwer atmenden Busen ziehen, Menschen und Blumen und Frühlinglüfte und jede fremde Brust, die am Krankenbette für sie geseufzet hatte, sie will alles, wie andere Auferstandene, eine Ewigkeit hindurch lieben, und das ganze Herz ist ein feuchtwarmer, quellender Frühling voll Knospen unter einer jungen Sonne. – –

Wie würde Firmian seine Lenette geliebet haben, wenn sie ihn nicht gezwungen hätte, ihr zu verzeihen, statt ihr liebzukosen! – Ach, sie hätte ihm sein künstliches Sterben unendlich erschweret, wäre sie so wie in den Flittertagen gewesen! –

Aber das vorige Paradies trug jetzt eine Ernte reifer Paradieskörnerso nannte man sonst die gesunden Pfefferkörner. Lenette heizte die Vorhölle der Eifersucht und briet ihn darin für den künftigen Vaduzer Himmel gar. Eine Eifersüchtige ist durch kein Handeln und kein Sprechen zu heilen; sie gleicht der Pauke, die unter allen Instrumenten am schwersten zu stimmen ist und die sich am kürzesten in der Stimmung erhält. Ein liebevoller warmer blick war für Lenette ein Zugpflasterdenn mit jenem hatte' er Natalien angesehen –; sah er fröhlich aus: so dachte er offenbar an die Vergangenheit; machte er eine trübe Miene: so war es schon wieder derselbe Gedanke, aber voll Sehnen. Sein Gesicht musst' er als einen offnen Steckbrief oder Anschlagzettel seiner Gedanken darhinter herumtragen. Kurz der ganze Ehemann diente ihr bloss als gutes Geigenharz, womit sie die Pferdhaare rauh machte, um die viole d'amour den ganzen Tag zu streichen. Von Baireut durft' er sich wenig Worte entfallen lassen, kaum den Namen; denn sie wusste schon, woran er dachte. Ja er konnte nicht einmal Kuhschnappel stark heruntersetzen, ohne den Argwohn zu erregen, er vergleich' es mit Baireut und finde dieses (aus ihr wohlbekannten Gründen) viel besser; daher schränkte erob im Ernste oder aus Nachgiebigkeit, weiss ich nichtden Vorzug meines jetzigen Wohnortes vor dem Reichsmarktflecken bloss auf die Gebäude ein und wollte das Lob nicht bis auf die Einwohner ausdehnen.

Nur über einen Gegenstand kannte er im nennen und Preisen gar keine Rücksicht auf missdeutende Ärgernis, nämlich über seinen Freund Leibgeber; aber gerade dieser war Lenetten durch Rosas Anschwärzungen und durch Helfershelferei in Fantaisie jetzt noch unleidlicher geworden, als er ihrs schon früher in ihrer stube mit seinem Wildtun und seinem grossen Hunde gewesen. Auch