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sie an Natalien die Gelehrsamkeit, durch deren Mangel sie selber so zu Schaden gekommen; sie hielt mit mehren Weibern an einer Venus, wie viele Kenner an der medizeischen, den Kopf nicht für echt. Es brachte sie am meisten auf, dass Firmian einer Fremden mehr beistand als seiner Frau, ja auf Kosten derselben; und dass Natalie aus Hochmut für einen solchen reichen Herren, wie Meiern war, einen Korb statt eines Netzes geflochtenund dass ihr Mann alles eingestanden, weil sie seine Offenheit bloss für herrschsüchtige Gleichgültigkeit gegen ihren Widerwillen nehmen musste.

Was tat Firmian? – Er vergab. Seine zwei Gründe dazu werden von mir gutgeheissen: Baireut und das Grabjenes hatte ihn so lange von ihr getrennt, und dieses wollte ihn auf immer von ihr scheiden. Ein dritter Grund könnt' auch dieser sein: Lenette hatte im Punkte seiner Liebe gegen Natalien so ganz und gar unrechtnicht.

Achtzehntes Kapitel

Nachsommer der EheVorbereitungen zum Sterben Ob es gleich Sonntag war und der Spezial (der Superintendent) so wenig als seine Zuhörer ein Auge aufmachte, weil er, wie viele Geistliche, mit zugedrücktenphysischenAugen predigte: so holte doch mein Held beim Spezial seinen Geburtschein ab, weil dieser bei der brandenburgischen Witwenkasse unentbehrlich war.

Leibgeber hatte das übrige zu besorgen unternommen. Genug davon! denn ich spreche nicht gern viel von der Sache, seitdem mir vor mehren Jahren der Reichs-Anzeigerals schon längst die Siebenkäsische Kassenschuld bei heller und Pfennig berichtigt gewesenöffentlich vorgehalten, ich brächte durch den letzten Band des Siebenkäs Sitten und Witwenkassen in Gefahr, und er, der Anzeiger, habe mich deshalb nach seiner Art derb vorzunehmen. Aber bin ich und der Advokat denn eine person? Ist es nicht jedem bekannt, dass ichwie mit meiner Ehe überhaupt, so noch besondersmit der preussischen Zivilwitwenkasse ganz anders umgehe als der Advokatund dass ich dato weder zum Schein noch im Ernste mit Tod abgegangen, so viele Jahre hindurch ich auch schon in gedachte preussische Kasse ein Bedeutendes eingezahlt? Ja will ich nicht sogarich darf es wohl versichernder Kasse noch recht lange zeiten fort, wenn auch zu meinem Schaden, jährlich das Gesetzte entrichten, so dass sie bei meinem tod von mir mehr soll gezogen haben als von irgendeinem Einsetzer? Dies sind meine Grundsätze; aber dem Armenadvokaten darf ich nachrühmen, dass die seinigen wenig von meinen abweichen. Er war bloss in Baireut dem freundschaftlichen Sturm und Drang seines Leibgebers mit seinem sonst wahren Herzen gegen einen Freund erlegen, welchem er jeden Wunsch, am meisten sein eigenes Versprechen erfüllte. Leibgeber hatte ihn in jenem begeisterten Augenblicke mit seiner wilden weltbürgerlichen Seele berauscht, welche auf ihrer bandlosen Seelenwanderung des ewigen Reisens zu sehr das Leben für ein Karten- und Bühnenspiel, für ein Glück- und Kommerz-Spiel zugleich, für eine Opera buffa und seria zugleich ansah. Und da er noch dazu Leibgebers Geldverachtung und Geldmittel kannte und seine eignen dazu: so ging er eine an sich unrechtliche Rolle ein, deren strafende Peinlichkeit unter dem Durchführen er so wenig voraussah als die Busspredigt aus Gota.

Und doch hatte' er von Glück zu sagen, dass nur der Beckersche Anzeiger hinter den Strohwitwenstuhl Nataliens gekommen war, und nicht Lenette. Himmel! hätte vollends diese mit ihrem seidnen Vergissmein in der Hand (das Nicht war fort) Firmians Adoptiv-Ehe erfahren! – Ich mag die Frau nicht richten lassen und nicht richten. Aber hier will ich allen meinen Leserinnen besonders einer darunterzwei auffallende fragen herschreiben: "Würden Sie nicht meinem Helden für sein frommes und warmes Betragen gegen dieses weibliche Paar, wenn nicht einen Eichen-, doch Blumenkranz oder wenigstens (weil er auf seinem Herzen eine Doppelsonate durch vier weibliche hände spielen lässt) nur ein Brustbukett von Ihrem Richterstuhle herunterreichen? – Teuerste Leserinnen, Sie können unmöglich schöner richten, als Sie eben gerichtet haben, wiewohl meine Überraschung nicht so gross ist als mein Vergnügen. Meine zweite Frage soll niemand an Sie tun als Sie selber; jede frage sich: 'Gesetzt, du hättest diesen vierten teil in die hände bekommen, wärest aber jene Lenette selber und wüsstest nun alles haarklein: wie würde dir das von deinem Eheherrn Siebenkäs gefallen, was würdest du tun?'"

Ich wills sagen: weinenstürmen138– keifengrollenschweigenbrechen etc. So fürchterlich verfälschet die Selbsucht das feinste moralische Gefühl und besticht es zu doppelten Richtersprüchen über einerlei Rechtssache. Ich helfe mir, wenn ich über den Wert eines Charakters oder eines Entschlusses schwankte, sogleich dadurch, dass ich mir ihn nass aus der Presse kommend und in einem Roman oder einer Lebensbeschreibung vorgemalet denkeheiss' ich ihn dann noch gut, so ist er sicher gut. –

Es ist schöner, wenn in den alten Satyrs und im Sokrates Grazien steckten, als wenn in den Grazien Satyrs wohnen; der in Lenetten ansässige stiess mit sehr spitzen Hörnern um sich. Ihr unerwiderter Zorn wurde spöttisch, denn seine Sanftmut machte mit seinen vorigen Hiobs-Disputationen einen verdächtigen Abstich, woraus sie die vollständige Erstarrung seines Herzens abzog. Sonst wollt' er, wie ein Sultan, von Stummen bedienet sein, bis sein satirischer Fötus, sein Buch, mit dem Roonhuysischen Hebel und dem Kaiserschnitt des Federmessers in die Welt gehoben war; wie Zacharius so lange stumm verblieb, bis das Kindlein aufhörte es zu sein, und geboren wurde und zugleich mit dem Alten schrie