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Seinen Schreibtisch behaupteten ein paar grosse Köpfe, welche als Haubenköpfe schon das sonntägliche Kopfzeug trugen, damit von ihnen als den Geschlecht-Vormündern (Curatores sexus) das Zeug morgen auf die verschiedenen Köpfe der Frauen vom Rate überwanderte.

Er trieb die offne Kammertüre weiter auf und sah nach so langer Entfernung seine geliebte Gattin, die mit dem rücken gegen ihn stand. jetzt war ihm, als vernehm' er auf der Treppe den Walkmühlen-gang des Pelzstiefels, und um die erste Minute ohne ein fremdes Auge an ihrem Herzen zuzubringen, sagte er sanft zweimal: "Lenette!" Sie prallete herum, rief: "Ach Herr Gott, du?" – Er war schon auf ihr Herz gestürzt und ruhte an ihrem Kuss und sagte: "Guten Abend, guten Abend, was machst du denn? wie ging es dir?" Seine Lippen erdrückten die Worte, die er begehrteplötzlich stemmte sie sich sträubend aus seinen Armenund ihn ergriffen zwei andere hastig, und eine Bassstimme sagte: "Wir sind auch dawillkommen, Herr Armenadvokat, Gott sei Lob und Dank." – Es war der Schulrat.

Wir fieberhaften, von eignen und von fremden Mängeln abgetriebnen und von ewigem Sehnen wieder zusammengeführten Menschen, in welchen eine Hoffnung von fremder Liebe nach der andern verdürstet, und in denen die Wünsche nur zu Erinnerungen werden! Unser mattes Herz ist doch wenigstens glänzend und recht und voll Liebe in der einen Stunde, wo wir wiederkommen und wiederfinden, und in der zweiten Stunde, wo wir trostlos scheiden, wie alle Gestirne milder, grösser und schöner erscheinen, wenn sie aufsteigen und wenn sie untersinken, als wenn sie über uns ziehen. Wer aber immer liebt, und niemals zürnt, dem fallen diese zwei Dämmerungen, worin der Morgenstern der Ankunft und der Abendstern des Abschieds geht, zu trübe auf die Seele, er hält sie für zwei Nächte und erträgt sie schwer.

Siebenzehntes Kapitel

Der Schmetterling Rosa als Minierraupe

Dornenkronen und Distelköpfe der Eifersucht

Das vorige Kapitel war kurz wie unsere Täuschungen. Ach es war auch eine, armer Firmian! – Nach der ersten stürmischen gegenseitigen Katechetik, ferner nach den erhaltenen und erteilten Berichten wurde er immer mehr gewahr, dass aus Lenettens unsichtbarer Kirche, worin der Pelzstiefel als Seelenbräutigam stand, recht klar eine sichtbare werden sollte. Es war, als wenn das Erdbeben der vorigen Freude den Vorhang des Allerheiligsten, worin Stiefels Kopf als Cherubim flatterte, ganz entzweigerissen hätte. Aber ich sage hier, die Wahrheit zu sagen, eine Lüge; denn Lenette suchte absichtlich eine besondere Vorliebe für den Rat an den Tag zu legen, der vor Freude darüber sich von Arkadien nach Otaheite, von da nach Eldorado, von diesem nach Walhalla verflatterte; ein gewisses Anzeigen, dass sein bisheriges Glück in Firmians Abwesenheit kleiner gewesen war. Der Rat erzählte, dass Rosa mit dem Heimlicher gebrochen, und dass der Venner, den dieser zu einer Spinnmaschine brauchen wollte, sich zu einer Kriegmaschine gegen ihn umgekehrt habe: der Anlass sei die Nichte in Baireut, die vom Venner den Korb erhalten, weil er sie im Kusse eines Baireuter Herren angetroffen. – Firmian wurde brennend rot und sagte: "Du elender Kakerlak! Der jämmerliche Schwindelhaber hat einen Korb bekommen, aber nicht gegeben. Hr. Rat, werden Sie der Ritter des armen Frauenzimmers und durchbohren Sie diese Missgeburt von einer Lüge, wo Sie sie findenvon wem haben Sie dieses Unkraut?" Der Stiefel wies gelassen auf Lenetten: "von Ihnen da!" – Firmian fuhr zusammen: "Von wem hast denn du es?" – Sie sagte mit einer über das ganze Gesicht ausgelaufnen Wangenglut: "Hr.v. Meiern waren hier bei mir und erzählten es selber." Der Rat fuhr dazwischen: "Ich wurde' aber sogleich hergeholet und schaffte ihn geschickt beiseite." – Stiefel hielt um die verbesserte geschichte der Sache an. Firmian stattete furchtsam und mit wechselnder stimme einen günstigen Bericht von dem Rosenmädchen abim dreifachen Sinne eines, wegen der Rosen auf den Wangen, wegen ihrer siegenden Tugend, wegen der Gabe der grünen Rosenknospen –; er bewilligte ihr aber Lenettens wegen nur das Akzessit, nicht die goldene Medaille. Er musste den verräterischen Venner, als den Widder, an der Stelle Nataliens auf den Opferaltar binden oder ihn wenigstens vor ihren Triumphwagen anschirren als Sattelgaul und es frei erzählen, dass Leibgeber die Verlobung verhütet und sie durch die satirischen Skizzen, die er von Meiern entworfen, gleichsam beim Ärmel zurückgezogen habe vom ersten Tritte in die Höhle des Minotaurus. "Aber von dir", sagte Lenette, aber ohne den Frageton, "hatte doch Hr. Leibgeber alles erst?" – "Ja!" sagt' er. – Die Menschen legen in einsilbige Wörter, zumal in Ja und Nein, mehr Akzente, als die Sineser haben; das gegenwärtige Ja war ein herausgeschnelltes, tonloses, kaltes Ja, denn es sollte bloss einem "Und" gleichgelten. Sie unterbrach eine abirrende Frage des Rats mit einer Kernschuss Frage: wann Firmian bei ihr mit gewesen? Dieser merkte endlich mit seinem Kriegperspektiv in ihrem Herzen allerlei feindliche Bewegungen: er machte eine lustige Schwenkung und sagte: "Hr. Rat, wann besuchten Sie Lenetten.?" – "Dreimal wenigstens in jeder Woche, oft öfter, immer um gegenwärtige Zeit", sagt' er. "Ich will weiter nicht eifersüchtig werden", sagte Firmian mit freundlichem