als bloss noch das kleine sehnsucht-Tal an der Jaxt: so trug jeder Schritt nach der Heimat die Dichtkunst seines bisherigen Lebens in poetische Prose über. Die kalte Zone seiner Tage, der Reichs-Marktflecken, lag ihm schon näher; die warme, auf der noch die abgeblühten Blätter der ephemerischen Freudenblumen nachflatterten, war weit hinter ihm.
Aber auf der andern Seite rückten die Bilder seines häuslichen Lebens immer lichter heran und wurden zu einer Bilderbibel, indes die Gemälde seines Wonnemonats in ein dunkles Bilderkabinett zurückwichen.
Ich mess' es in etwas dem Regenwetter bei.
Gegen das Ende der Woche ändert sich ausser dem Beichtkinde und dem Kirchengänger auch das Wetter, und der Himmel und die Menschen wechseln da Hemden und Kleider. Es war Sonnabends und wolkig. Im feuchten Wetter geht es an unsern Gehirnwänden zu wie an Zimmerwänden, deren Papiertapeten es einsaugen und sich zu Wolken aufrollen, bis das trockne Wetter beide Tapezierungen wieder glättet. Unter einem blauen Himmel wünsch' ich mir Adlerschwingen, unter einem bewölkten bloss einen Flederwisch zum Schreiben; dort will man in die ganze Welt hinaus, hier in den Grossvaterstuhl hinein; kurz acht Wolken, zumal wenn sie tropfen, machen häuslich und bürgerlich und hungrig, das Himmelblau aber durstig und weltbürgerlich.
Diese Wolken vergitterten ordentlich das Baireuter Eden; er sehnte sich bei jedem schnellern grossen Tropfen, der in die Blätter schlug, an das eheliche Herz, das ihm gehörte und das er bald verlieren sollte, und in seine enge stube. Endlich, als die Eisschollen von schroffen Wolken in einen grauen Schaum sich aufgelöset hatten, und als die untergehende Sonne wie eine Teichdocke aus diesem hangenden Weiher gezogen war und es mitin – tröpfelte, da erschien – Kuhschnappel. Misslaute, uneinige Gefühle erzitterten in ihm. Der spiessbürgerliche Marktflecken erschien ihm, im Abstich mit freiern Menschen, so zusammengeknüllet, so kanzleistilig mit Leber- und Magenreimen, so voll Troglodyten – dass er sein grünes Gitterbette am lichten, hellen Tage auf den Markt hätte wälzen und darin unter lauter vornehmen Fenstern schlafen können, ohne etwas nach dem Gross und Kleinen-Rat darhinter zu fragen. Je näher er dem Teater seines Sterbens kam, desto schwerer kam ihm diese erste und vorletzte Rolle vor; an fremden Orten wagt, zu haus zagt man. Auch frass ihn der Hüttenrauch und Schwaden an, der allein uns alle so sehr drückt, dass selten einer den Kopf ganz emporhebt, über den Schwaden heraus. Im Menschen nistet nämlich ein verdammter Hang zu stillesitzender Gemächlichkeit, er lässt sich wie ein grosser Hund lieber tausendmal stechen und necken, eh' er sich die Mühe nimmt, aufzuspringen, anstatt zu knurren. Ist er freilich nur einmal auf den Beinen, so legt er sich schwer – die erste heroische Tat kostet, wie (nach Rousseau) der erste gewonnene Taler, mehr als tausend neue hinterdrein. Unsern Siebenkäs stach auf dem Polster der Häuslichkeit, zumal unter dem tropfenden Gewölke, die Aussicht auf die lange, beschwerliche, gefährliche Finanzund chirurgische Operation eines teatralischen Sterbens.
Aber je näher er dem Rabenstein, diesem Mäuseturm seines vorigen engen Lebens, trat, desto schneller und greller löseten in seiner bangen Brust die Gefühle seiner vorigen herzzerdrückenden Stampfmühlen und die Gefühle seiner künftigen Erlösung einander ab. Er dachte immer, er müsse sich wieder sorgen und grämen wie sonst – weil er den offnen Himmel seiner Zukunft vergass; so wie man sich nach einem schweren Traume noch immer ängstigt, ob er gleich vorüber ist.
Als er aber die wohnung seiner so lange verstummten Lenette erblickte: verschwand alles aus seinem Auge und Herzen, und nichts blieb darin als die Liebe und ihre wärmste Träne. Seiner Brust, die bisher jeder Gedanke mit Funken der Liebe voll geladen hatte, war das Band der Ehe zu einer Ausladekette vonnöten!
"O, reiss' ich mich nicht ohnehin so bald von ihr auf immer ab und presse ihr irrige Tränen aus und geb' ihr die schwere Wunde der Trauer und eines Leichenbegängnisses! – Wir sehen uns dann nie mehr, nie mehr, du arme!" dachte' er.
Er lief eiliger. Er drängte sich mit zurückgekrümmtem, nach den obern Fenstern blickendem kopf dicht an den Fensterladen seines Neben-Kommandeur Merbitzer vorbei. Dieser spaltete im haus Sabbatolz, und Firmian winkte, ihn durch kein Schildwachengeschrei zu verraten; der alte Neben-Zar winkte sogleich mit ausgestreckten Fingern zurück, Lenette sei nämlich oben allein in der stube. Die alten gewohnten Ripienstimmen des Hauses, das zankende Gellen der Buchbinderin, der Sing-Dämpfer des eifrigen Beters und Fluchers Fecht, fiel ihm unter dem Hinaufschleichen der Treppe wie süsses Futter entgegen. Der abnehmende Mond seiner fahrenden Zinn-Habe glänzte aus der Küche ihm herrlich und silbern entgegen, alles war gescheuert aus dem Bade der Wiedergeburt gestiegen, eine kupferne Fischpfanne – die so lange keinen Essig vergiftete, als man sie nicht flicken liess – glühte ihn aus dem Küchenrauch des Einheizens, wie die Sonne aus dem Heerrauch, an. Er zog leise die Stubentüre auf: er sah niemand darin und hörte Lenetten in der kammer betten. Er tat, mit einem Hammerwerk in der Brust, einen weiten leisen Schritt in die geputzte stube, die schon ein Sonntaghemde aus weissem Sand angelegt, und woran die bettende Flussgöttin und Wassernymphe alle Wasserkünste versucht hatte zu einem ausgefeilten Kunstwerk. Ach, alles ruhte so friedlich, so einträchtig nebeneinander vom Gewühle der Woche aus. Über alles war das Regengestirn aufgegangen, nur sein Dintenfass war eingetrocknet.