, sondern einen Halbschatten. Nur jetzt aber war er unvermögend, die beiden Lustgegenden Baireuts, Eremitage und Fantaisie, zu besuchen, welche für ihn Herkulaneum und Portici waren. Und über letztes musst' er ja ohnehin bei seiner Abreise ziehen und da manches Versunkne wieder ausgraben. Dieses wollte er nicht lange hinaussetzen, da nicht nur die Luna untergegangen war, welche von ihrem Himmel auf alle weissen Blumen und Blüten des Frühlings einen neuen Silberschein geworfen, sondern weil auch Leibgeber sein Memento mori-Totenkopf war, der ohne Zunge und Lippe immer deutlich sagte: man erinnere sich, dass man sterben muss in Kuhschnappel – zum Spass. Leibgebers Herz brannte nach aussen in die Weite, und die Flammen seines Waldbrandes wollten auf Alpen, auf Inseln, in Residenzstädten ungebunden umherschiessen und spielen; der Aktenwasserschatz in Vaduz, dieses papierne Parade- und Wochenbette der Justiz – lit de justice – wäre für ihn ein schweres, dumpfes Siechbette gewesen, mit welchem die Leute sonst den auf ihm erliegenden Wasserscheuen zuletzt selber erstickten aus Mitleid. Freilich konnte eine kleine Stadt ihn so wenig ausstehen als er sie; denn verstehen konnte sie ihn noch weniger. Sassen ja sogar im grösseren Baireut an der Wirts-Tafel in der Sonne mehre Justizkommissarien (ich habe die Sache aus ihrem mund selber), welche seine Tafelrede (im 12ten Kapitel) über die den Fürsten so schweren Palingenesien von Kronprinzen für eine förmliche Satire auf einen lebenden Markgrafen angesehen, indes er bei allen Satiren auf niemand anders zielte als auf sämtliche Menschen zugleich. Freilich, wie unbesonnen führte er sich nicht in den elenden acht Tagen, die er in unserem Hof im Voigtlande verbrachte, auf öffentlichem Markte auf? Wollen mir es nicht glaubhafte Varisker – wie die alten Voigtländer zu Cäsars zeiten nach einigen hiessen, nach andern aber Narisker – bezeugen, dass er in den besten Kleidern neben dem rataus Bergamottebirnen und in der Brotbank Gebacknes dazu öffentlich eingekauft? Und haben ihm nicht Nariskerinnen nachgesehen, die beschwören wollen, dass er besagtes Speisopfer – da doch Stallfütterung allgemein empfohlen wird – im Freien verzehrt habe, als wär' er ein Fürst, und im Gehen, als wär' er eine römische Armee? – Man hat Zeugen, die mit ihm gewalzt, dass er Maskenbällen in Schlafrock und Federmütze beigewohnt, und dass er beide schon den ganzen Tag im Ernst getragen, eh' er sie zum Spasse abends anbehalten. Ein nicht unverständiger Narisker voll Memorie, der nicht wusste, dass ich den Mann unter meinen historischen Händen hatte, ging mit folgenden frechen Reden Leibgebers heraus: Jeder Mensch sei ein geborner Pedant. – Wenige hängen nach, fast alle vor dem tod in verdammten Ketten, ein Freimann bezeichne daher in den meisten Ländern nur einen Profos oder auch einen Scharfrichter. – Torheit als Torheit sei ernstaft, man verübe daher so lange die kleinste, als man scherze. – Er halte den Geist, der schaffend auf der Dinte der Kollegien schwebe, wie bei Moses auf den Wassern, mit vielen Kirchenvätern für Wind. – In seinen Augen seien die ehrwürdigen Konzilien, Konferenzen, Deputationen, Sessionen, Prozessionen im grund nicht ohne alles komische Salz, als ernstafte Parodien eines steifen leeren Ernstes betrachtet, um so mehr, da nur meistens einer unter der Kompanie (oder gar seine Frau) eigentlich referiere, votiere, dezidiere, regiere, indes das mystische corpus selber mehr nur zum Scherze an dem grünen Sessiontische vexierend angebracht sei; so hänge zwar an Flötenuhren aussen ein Flötenspieler angeschraubt, dessen Finger auf der kurzen, aus dem Mund wachsenden Flöte auf und niedertreten, so dass Kinder über die Talente des hölzernen Quanzes ausser sich geraten; inzwischen wissen alle Uhrmacher, dass innen eine eingebauete Walze gehe und mit ihren Stiften versteckte Flöten anspiele. – Ich antwortete: "Solche Reden verraten sehr einen frechen und vielleicht spöttischen Menschen." Es wäre wohl zu wünschen, jeder könnt' es dem Verfasser dieses nachtun, der hier die Narisker aufzufodern imstande ist, ihn, wenn sie können, eines Schrittes oder Wortes zu zeihen, das satirisch oder nicht genau nach dem Hut- und Haubenstock eines pays coutumier geformet gewesen; er verlangt freien Widerspruch, wenn er lügt. – –
Ein Briefchen war die Wurfschaufel, die den Armenadvokaten am andern Tage aus Baireut fortwarf, nämlich eines vom Grafen zu Vaduz, der Leibgebers kaltes Fieber und Talg-Aussehen freundschaftlich bedauerte und zugleich den schnellern Regierantritt des Inspektorats bestellete. Dieses Blättchen legte sich an Siebenkäs als Flughaut an, womit er seinem scheinbaren Kokons-grab zueilte, um daraus als frischer Inspektor aufzufliegen. Im nächsten Kapitel kehrt er um und räumt die schöne Stadt. In diesem nimmt er noch bei Leibgebern, dessen Rolle ihm zustirbt, im Silhouetten-schneiden Privatstunden. Der Schneider-Meister und Mentor in der Schere tat hiebei nichts, was durch mich auf die Nachwelt zu kommen verdiente, als das, wovon ich in meinen Belegen kein Wort antreffe, was ich aber aus dem mund des Hrn. Feldmanns, Gastof-Inhabers, selber habe, der gerade an der Tafel vorschnitt, als es vorfiel. Es war nichts, als dass ein Fremder vor der Wirtstafel stand und unter mehrern Tischgenossen auch den Silhouetten-Improvisatore Leibgeber ausschnitt in Schattenpapier. Dieser ersah es und schnitt unter der Hand und unter dem Tellertuche seinerseits den Supernumerarkopisten des Gesichtes nach – und als dieser den einen Nachschnitt hinreichte, langte jener den andern hin, sagend: "Al pari, mit gleicher Münze bezahlend!" Der