1796_Jean_Paul_051_161.txt

Wagen die Hand, mit weinenden Augen und mit dem grünen Rosenzweige vor der Brust, und sage leise: "Ich sage doch nein! würde' ich denn lange leben, wenn du gestorben wärest?" – Sie drückte seine Hand so stark, dass er erwachte; aber der Druck währte fort, und vor ihm stand der helle Tag und sein heller Freund und sagte: "Sie hat ja gesagt; aber du hast fest geschlafen."

Bei einem Haare, erzählte er, hätt' er sie verpasset. Sie war mit ihrem Ankleiden und Abreisen schneller fertig geworden als andere mit ihrem Auskleiden und Ankommen. Ein betaueter Rosenast, dessen Blätter mehr stachen als seine Dornen, lag an ihrem Herzen, und ihre Augen hatte der lange Abschied rot gefärbt. Sie empfing ihn liebreich und freudig, obwohl erschrocken und horchend. Er gab ihr zuerst, als Vollmacht, Firmians offnen Brief. Ihr brennendes Auge glühte noch einmal unter zwei grossen Tropfen, und sie fragte: "Und was soll ich denn tun?" "Nichts", sagte Leibgeber, künstlich zwischen Scherz und Ernst, "Sie sollen bloss leiden, dass Sie von der preussischen Kasse, sobald er gestorben ist, jedes Jahr an seinen Tod erinnert werden, als wären Sie seine Witwe." – "Nein", sagte sie gedehnt mit einem Tone, hinter dem aber nur ein Komma auftritt, und kein Punktum. Er wiederholte Bitten und Gründe und setzte dazu: "Nur wenigstens meinetwegen tun Sie es, ich kann es nicht sehen, wenn er eine Hoffnung oder einen Wunsch verliert; er ist ohnehin ein Tanzbär, den der Bärenführer, der Staat, im Winter fortzutanzen zwingt, ohne Winterschlaf; – ich hingegen bringe die Tatzen selten aus dem Maul und sauge beständig. Er hat die ganze Nacht gewacht, um mich aufzuwecken, und zählt nun zu haus jede Minute." – Sie überlas den Brief noch einmal von einem Buchstaben zum andern. Er bestand auf keinem Entscheidespruch, sondern zwirnte ein anderes Gespräch aus dem Morgen, aus der Reise und aus Schraplau zusammen. Der Morgen hatte schon hinter Baireut seine Feuersäulen aufgerichtet, die Stadt trat mit immer mehren Rauchsäulen heran; er musste in wenigen Minuten vom Wagen herab. "Leben Sie wohl", sagte er im sanftesten Tone, mit einem Fuss im Wagenfusstritte hängend, "Ihre Zukunft ahme den Tag um uns nach und werde immer heller. – Und nun, welches letzte Wort geben Sie mir an meinen guten, teuern, geliebten Firmian mit?" – (Ich will nachher eine Bemerkung machen.) Sie zog den Reiseflor wie einen Vorhang des ausgespielten Bühnenlebens nieder und sagte eingehüllt und erstickt: "Muss ich, so muss ich. Auch dies sei! Aber Sie geben mir noch einen grossen Schmerz mit auf den Weg." Allein hier sprang er herab, und der Wagen rollte mit der vielfach Verarmten über die Trümmer ihrer Tage dahin.

Hätt' er statt des abgequälten Ja ein Nein erhalten: er wäre ihr hinter der Stadt wieder nachgekommen und wieder als blinder Passagier aufgesessen.

Ich versprach oben, etwas zu bemerken: es ist dieses, dass die Freundschaft oder Liebe, die ein Mädchen für einen Jüngling hat, durch die Freundschaft, die sie zwischen ihm und seinen Freunden wahrnimmt, unter unsern Augen wächst und solche polypenartig in ihre Substanz verwendet. Daher hatte Leibgeber aus Instinkt die seinige wärmer offenbart. Uns Liebhabern hingegen wird dergleichen elektrische Belegung oder magnetische Bewaffnung unserer Liebe durch die Freundschaft, die wir zwischen unserer Geliebten und ihrer Freundin bemerken, nur selten beschert, so sehr auch durch die Bemerkung unsere Flamme wüchse; alles, was uns zufället, ist der Anblick, dass unsere Geliebte unsertwegen gegen alle andere Menschen erstarret und ihnen nur Eistassen und kalte Küche präsentiert, um uns einen desto feurigern Liebetrank zu kochen. Aber die Metode, das Herz, wie den Wein, dadurch geistiger, stärker und feuriger zu machen, dass man es um den Siedpunkt herum eingefrieren lässt, kann wohl einer blinden, eigensüchtigen, aber nie einer hellen, menschenfreundlichen Seele gefallen. Wenigstens bekennt der Verfasser dieses, dass er, wenn er im Spiegel oder im wasser ersah, dass der Januskopf, der vor ihm auf dem einen Gesicht liebend zerfloss, sich auf dem abgekehrten hassend gegen die ganze Erde verzog er bekennt, dass er auf der Stelle ein oder ein paar solcher feindseliger Gesichter selber nachgeschnitten habe gegen den Januskopf. – Verleumden, schelten, hassen sollte ein Mädchen, des Abstichs halber, wenigstens so lange nicht, als es liebt; ist es Hausmutter, hat es Kinder und Rinder und Mägde, so wird ohnehin kein billiger Mann gegen mässiges Ergrimmen und gegen ein bescheidenes Schmähen etwas haben. – –

Natalie hatte aus vielen Gründen in den sonderbaren Antrag gewilligt; weil er eben sonderbar warweil ferner der Name "Witwe" für ihr schwärmendes Herz noch immer ein Trauerband zwischen ihr und Firmian zusammenwebte, das sich reizend und phantastisch um den Auftritt und den Eid jener nächtlichen Trennung schlangweil sie heute von einer Empfindung zur andern gestiegen war und nun in der Höhe schwindelteweil sie uneigennützig ohne Grenzen war und mit hin nach dem möglichen Schein des Eigennutzes wenig fragteund weil sie endlich überhaupt nach dem Scheinen und dem Urteilen darüber weniger fragte, als wohl ein Mädchen darf.

Leibgeber streckte nach dem Erreichen aller seiner Ziele nur einen freudigen langen Zodiakalschein aus; Siebenkäs warf seinen Trauer-Nachtschatten nicht hinein