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aus dem Himmel mit dem Schwerte eines funkelnden Wolkenstreifs davor und sagte: geh hier nicht ein; kennst du das Paradies, aus dem du gegangen bist?

Fimian kehrte um, lehnte sich im Helldunkel des Frühlings an die Kalkwand des ersten baireutischen Hauses, um die Wundenmale seiner Augen auszuheilen und vor seinem Freunde mit keinen Zeichen zu erscheinen, die vielleicht erst zu erklären waren. Aber Leibgeber war nicht da; jedoch etwas Unerwartetes, ein Blättchen an diesen von Natalie. Ihr, die ihrs empfindet oder betrauert, dass immer und ewig eine Mosisdecke, ein Altargeländer, ein Gefängnisgitter, aus Körper und Erde gemacht, zwischen Seel' und Seele gezogen ist, ihr könnt es nicht verdammen, dass der arme, gerührte, einsame Freund ungesehen das kalte Blatt an den heissen Mund, an das zitternde Herz anpresste. Wahrlich für die Seele ist jeder Körper, sogar der menschliche, nur die Reliquie eines unsichtbaren Geistes, und nicht etwa der Brief, den du küssest, auch die Hand, die ihn schrieb, ist wie der Mund, dessen Kuss dich mit der Nähe einer Vereinigung täuschet, nur das sichtbare, von einem hohen oder teuern Wesen geheiligte Zeichen, und die Täuschungen unterscheiden sich nur in ihrer Süssigkeit.

Leibgeber kam an, riss es auf, las es vor:

"Morgen um 5 Uhr liegt Ihre schöne Stadt hinter meinem rücken. Ich gehe nach Schraplau. Ich hätte nicht, o teurer Freund, aus diesem holden Tale weichen können, ohne noch einmal vor Sie mit der Versicherung meiner längsten Freundschaft und mit dem Danke und Wunsche der Ihrigen zu kommen. Ich würde gern von Ihnen auf eine lebendigere Art als auf diese Abschied genommen haben; aber das lange Trennen von meiner britischen Freundin ist noch nicht vorüber, und ich habe jetzt ihre Wünsche, wie vorher meine, zu bekämpfen, um mich in meine bürgerliche Einsamkeit zu begraben oder vielmehr zu flüchten. Mit Freuden und Schmerzen hat mich der schöne Frühling verwundet; doch bleibt mein Herz wie Cramners seines wenn ich so fremd vergleichen darfin der Asche des Restes auf dem Scheiterhaufen einsam-unversehrt für meine Geliebten. – Aber Ihnen geh' es wohl, wohl! Und besser, als es mir, einem weib, je gehen kann. Ihnen kann das Geschick nicht viel nehmen, ja nicht einmal geben; auf allen Wasserfällen liegen Ihnen lachende ewige Regenbogen; aber die Regenwolken des weiblichen Herzens färben sich spät und erst, wenn sie lange getropft, mit dem wehmütigen heitern Bogen, den die Erinnerung an ihnen erleuchtet. – Ihr Freund ist gewiss noch bei Ihnen? – Drücken Sie ihn feurig an Ihr Herz und sagen ihm, alles, was ihm Ihres wünscht und gibt, wünscht meines ihm; und nie wird er und sein Geliebter von mir vergessen.

Ewig

Ihre Natalie"

Firmian hatte sich unter der Vorlesung mit dem gegen den Abendhimmel gekehrten Gesicht voll Tränen auf das Fenster gestützt. Heinrich griff mit freundschaftlicher Feinheit seiner Antwort vor und sagte, ihm ansehend: "Ja, diese Natalie ist wirklich gut und tausendmal besser als tausend andere, aber ich lasse mich rädern von ihrem eignen Wagen, pass' ich ihr nicht morgen um 4 Uhr auf und setze mich dicht neben sie: wahrlich! Ich muss ihre Ohren fassen und füllen, oder meine sind länger als die an einem Elefanten, der seine zu Fliegenwedeln gebraucht." – "Tu es, lieber Heinrich", sagte Firmian mit der heitersten stimme, die aus der zugepressten Kehle zu ziehen war, "ich will dir drei Zeilen mitgeben, um nur etwas einzubringen, da ich sie nie mehr sehen darf." – Es gibt eine lyrische Trunkenheit des Herzens, worin man keine Briefe schreiben sollte, weil nach 50 Jahren Leute darüber geraten können, denen das Herz und die Trunkenheit zugleich abgeht. Firmian schrieb denn doch; und siegelte nichts; und Leibgeber las nichts.

"Ich sage zu Ihnen: lebe auch wohl! Aber ich kann nicht sagen: vergiss mich nicht! O vergiss mein! Nur mir lass das Vergissmeinnicht, das ich bekommen. – Der Himmel ist vorüber, aber das Sterben nicht. Meines kommt bald; und für dieses nur tu' ich und noch stärker mein Leibgeber eine Bitte an Sie, aber eine so seltsameNatalie, schlage sie ihmnicht ab. Deine Seele hat ihren Stand hoch über weiblichen Seelen, welche jede Sonderbarkeit erschreckt und verwirrt; Du darfst wagen; Du wagst nie dein grosses Herz und Glück. – So hab' ich denn an jenem Abende zum letzten Male gesprochen und am heutigen zum letzten Male geschrieben. Aber die Ewigkeit bleibt mir und dir!

F. S."

Er schlief die ganze Nacht nur träumend, um Leibgebers Wecker zu sein. Aber um 3 Uhr morgens stand dieser schon als Briefträger und Requetenmeister unter einer Riesenlinde, deren Hängebette mit einer schlafenden Welt über die Allee hineinsank, wodurch Natalie kommen musste. Firmian spielte in seinem Bette Heinrichs Rolle des Wartens nach und sagte immer zu sich: jetzt wird sie von der Britin Abschied nehmenjetzt einsitzenjetzt vor dem Baum vorbeifahren, und er wird ihr in die Zügel fallen. Er phantasierte sich in Träume hinein, die ihn mit einem peinlichen Wirrwarr und mit wiederholten Versagungen seiner Bitte wund stiessen. Wie viele trübe Tage werden oft, im physischen und im moralischen Wetter, von einer einzigen sternhellen Nacht geboren! – Endlich träumte ihn, sie reich' ihm aus ihrem herrollenden