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Hoseas Heinrich Leibgeber dergestalt edictaliter zitiert und vorgeladen, dass er oder seine rechtmässigen Leibeserben von dato in 6 Monaten, wovon 2 monat für den ersten, 2 monat für den zweiten und 2 monat für den letzten peremtorischen Termin anberaumet worden, sich bei hiesiger Erbschaftskammer zu melden, hinlänglich zu legitimieren und das Vermögen in Empfang zu nehmen oder widrigenfalls zu gewärtigen habe, dass solches in Gemässheit des Ratsdekrets vom 24. Jul. de anno 1699, das jeden 10 Jahre Abwesenden pro mortuo erkläret, dessen erwähntem Vetter und Vormunde Hrn. von Blaise verabfolget und zugeteilet werde. Kuhschnappel in Schwaben, den 20. August 1785.

Erbschaftskammer der unmittelbaren

Reichsstadt Kuhschnappel."

Ich brauche dem juristischen Leser nicht zu sagen, dass das Ratdekret nicht mit dem Gerichtgebrauch von Böhmen, wo 31 Jahre zur Verschollzeit nötig sind, sondern mit dem vorigen in Frankreich harmoniere, wo 10 Jahre hinreichten. – Und als der Advokat die letzte Zeile hinaus hatte und sie unbeweglich anstarrte: so nahm sein Seelenbruder freundschaftlich-zitternd seine Hand und sagte: "Du Lieber, ach, daran bin ich schuld durchs Namentauschen." – "Du? o du? – Bloss der Teufel. – Aber der Brief muss sich finden", sagte er; und sie wiederholten beide die Haussuchung aller Brief-Behausungen. – Nach einer Stunde stöberte Leibgeber ein mit dem zerbröckelten Siegel des Vormunds überpichtes Schreiben aus, dessen grobes Papier und breiter bescheid-mässiger Bruch ohne Umschlag verriet, dass es keine Frau, kein Hofund kein Kaufmann, sondern ein Kiel von einem ganz andern Feder-Vieh überschrieben habe. Gleichwohl stand auf dem Briete nichts als Siebenkäsens Name von Siebenkäsens Handweiter stand aussen und innen kein Wort. Ganz natürlich; denn der Advokat hatte den Schreibfehler an sich, auf den Umschlägen der Briefe seine Feder und seine Hand zu prüfen und eine fremde und seinen Namen nachzuzirkeln.

Auch der innere Brief war sonst beschrieben gewesen; aber der Heimlicher Blasius hatte, um das unglaublich verschwendete Papier zu schonen, seine Anerkennung des eingetauschten Namens mit einer Dinte geschrieben, welche von selber wieder den Papierbogen verlässt und durch Verfliegen ihn gleichsam weiss wiederherstellt und rehabilitiert in integrum.

Ich tue vielleicht manchen Personen aus den höhern Ständen, welche jetzt mehr als je Wechselbriefe und andere Verbriefungen zu schreiben haben, einen zufälligen Dienst, wenn ich hier das Rezept zu dieser Dinte, die nach der Vertrocknung verfliegt, getreu aus einem bewährten Werke6 mitteile: Der Mann von Rang schabe von einem schwarzen feinen Tuche, wie er es etwa am hof trägt, die Oberfläche abreibe das Abschabsel noch klarer auf Marmor zusammenschlemme den zarten Tuchstaub mehrmals mit wasser abdann mache er ihn mit diesem an und schreibe damit seinen Wechselbrief: so wird er finden, dass, sobald die Feuchtigkeit weggedunstet, auch jeder Buchstabe des Wechsels als Staub nachgeflogen ist; – der weisse Stern hält gleichsam seinen Austritt aus der Finsternis der Dinte.

Aber auch Inhabern und Präsentanten solcher Wechsel glaube' ich vielleicht ehensosehr als den Ausstellern gedient zu haben, indem sie künftig eine Verschreibung nicht eher sicher anzunehmen haben, als bis sie eine Zeitlang an der Sonne gelegen.

Früher hatte' ich in diesem Werke die tuchene Dinte ganz mit der sympatetischen verwechselt, welche auch nach kurzer Zeit verbleicht und verschwindet und gewöhnlich bei den Präliminar- sowohl als Hauptrezessen der Fürsten verschrieben wird, die aber rot aussieht. Einen Friedenschluss, der drei Jahr alt ist, kann ein Mann in seinen besten Jahren nicht mehr lesen, weil die rote Dintedas encaustum, womit sonst nur die römischen Kaiser schreiben durftenzu leicht blass wird, wenn nicht Menschen genug, woraus man jene wie die Koschenillefarbe aus den Schildläusen zubereitet, aus unnützem Geize mit solchen Farbenmaterialien dazu genommen worden; daher oft der Traktat wieder mit guten Instrumenten, den sogenannten Frieden-Instrumenten, vorn am Schiessgewehr in die Länder eingegraben und ausgestochen werden muss. – –

Beide Freunde verschwiegen der freudigen jungen Frau den ersten Schlag des Gewitters, das über ihre Ehe aufzog. Am Sonntag vormittags unter der Kirche wollten beide den Heimlicher freundschaftlich besuchener war leider darin. Nachmittags dachten sie ihm die unterhaltende Visite zuer machte selber eine in der Waisenhauskirche, nachdem vorher die ganze verwaisete Blütenlese von Knaben und Mädchen eine bei ihm abgelegt, um von ihm als Waisenhausaufseher zum Handkuss gelassen zu werden; denn das Waisenhausinspektorat war, wie er wahr, aber bescheiden sagte, seinen unwürdigen Händen anvertrauet worden. – Nach der Vesperpredigt hielt er seine eigene; kurz, dreifache geistliche Altargeländer schnitten die beiden Advokaten von ihm ab. Schön handelte er, dass er seine Hausgenossen an demselben Tische mit sich zwar nicht essen, aber doch beten liess. Er verbrachte lieber den Sonntag als einen Werkeltag singend mit ihnen, weil er sie von der Sabbatschänderei, die in arbeiten für ihre eigne Rechnung, in Nähen, Flicken etc. bestand, am besten durch Andacht abzog; und überhaupt wurde so der Tag am besten in einem Rüst- und Exerziertag der ganzen Woche verlebt, wie auch auf die Sonntage die Komödianten an den Orten, wo sie nicht spielen dürfen, die Komödienproben verlegen.

Inzwischen rat' ich Kränklichen, nicht an solche schöne himmelblaue Gewächse nahe zu treten oder zu riechen, die der Weinberg der Kirche nur zur Zierde hat, wie ein englischer Garten sich mit dem schönen Napellus (aconitum Nap.) und mit seinem himmeloder jesuiter-blauen7 mannshoch und pyramidalisch aufsteigenden giftigen Blumen putzt. Solche Leute wie