1796_Jean_Paul_051_159.txt

die Tischgesellschaft in der Sonne mit der seinigen... Wenn die Zeitrechnungen des Verfassers nicht ganz trügen: so speisete er damals selber mit am Tische; ich erinnere mich aber der zwei Advokaten nur dunkel, und des Venners gar nicht, weil Festasen seiner Art ein eisernes Vieh und weil ganze Wildbahnen und Tierspitäler davon zu bekommen sind. Ich bin mehr als einmal auf Personen lebendig gestossen, die ich nachher von der Glatze bis auf die Sohle abgebosselt und in meinem biographischen Wachsfigurenkabinett herumgeführt habe; ich wünschte aber, ich wüsstees hälfe dem Flor meines biographischen Fabrikwesens in etwas aufes allezeit voraus, welchen ich gerade unter den anwesenden Leuten, womit ich esse oder reite, abkonterfeien werde. Ich würde tausend winzige Personalien einsammeln und in mein Briefgewölbe niederlegen können; so aber bin ich zuweilen genötigt (ich leugn' es nicht), kleinere Bestimmungen – z.B. ob etwas um 6 oder 7 Uhr vorginggeradezu herzulügen, wenn mich alle Dokumente und Zeugen verlassen. Es ist daher moralisch gewiss, dass, hätten an demselben Morgen noch drei andere Autoren sich mit mir niedergesetzt, um Siebenkäsens Ehestand aus denselben geschichtlichen Hülfquellen der Welt zu geben, dass wir vier, bei aller Wahrheitliebe, ebenso verschiedene Familiengeschichten geliefert hätten, als wir von den vier Evangelisten schon wirklich in Händen haben; so dass unserem Tetrachord nur mit einer Harmonie der Evangelisten wäre nachzuhelfen gewesen, wie mit einer Stimmpfeife.

Meiern ass, wie gesagt, in der Sonne. Er sagte dem Armenadvokaten mit einem Triumph, der etwas von einer Drohung annahm, dass er morgen zurückreise in die Reichsstadt. Er tat eitler als je; wahrscheinlich hatte' er funfzig Baireuterinnen seine eheliche Hand verheissen, als wär' er der Riese Briareus mit funfzig Ringfingern an hundert Händen. Er war auf Mädchen wie Katzen auf Marum verum erpicht, daher jene Blumen und dieses Kraut von den Besitzern mit Drahtgittern überbauet werden. Wenn solche Wildschützen, die überall Jagdfolge und Koppeljagd ausüben, von Geistlichen mit dicken Eheringen lebendig auf ein wild geschmiedet werden, das mit ihnen durch jedes Dickicht rennt, bis sie verbluten: so schreiben uns menschenfreundliche Wochenblätter, die Strafe sei zu hart; – allerdings ist sie es für das unschuldigewild.

Den andern Tag liess Rosa wirklich beim Advokaten fragen: ob er nichts an seine Frau bestellen solle; er reise zu ihr.

Natalie blieb unsichtbar. – Alles, was Firmian von ihr zu sehen bekam, war ein Brief an sie, den er aus dem Postbeutel schütten sah, als er täglich nach einem von seiner Frau nachfragte. Zu einem Billet brauchte Lenette vielleicht nicht mehr Stunden, als Isokrates Jahre zu seiner Lobrede auf die Atener bedurfte; nicht mehr, sondern gerade zehn. Der Brief an Natalien kam, der Hand und dem Siegel zufolge, vom Landes-(Stief-)Vater v. Blaise. Du gutes Mädchen! (dachte' er ) wie wird er nun mit dem aus dem Eis seines Herzens gegossenen Brennspiegel den stechenden Brennpunkt langsam um alle Wunden deiner Seele führen! Wie viele verdeckte Tränen wirst du vergiessen, die niemand zählt; und du hast keine Hand mehr, die sie trocknet und bedeckt, ausser deiner!

An einem blauen Nachmittage ging er allein in den einzigen für ihn nicht zugesperrten Lustgarten, in die Eremitage. Überall begegneten ihm Erinnerungen, aber nur schmerzlich-süsse, überall hatte er da verloren oder hingegeben, Leben und Herz, und hatte von der Einsiedelei sich ihrem Namen gemäss zum Einsiedler machen lassen. konnte' er die grosse dunkle Stelle vergessen, wo er neben dem knieenden Freunde und vor der untergehenden Sonne zu sterben geschworen und sich von seiner Gattin und seiner Bekannten-Welt zu scheiden versprochen?

Er hatte den Lustort verlassen, das Angesicht nach der sinkenden Sonne gerichtet, die mit ihren fast waagrechten Flammen die Aussicht verbauete, und zog nun die Stadt im Bogen weit vorüber, immer mehr nach Abend bis in die Strasse nach Fantaisie dahin. Er sah mit einem bewegten Herzen dem sanft auflodernden Gestirne nach, das, gleichsam in die glühenden Kohlen von Wolken zerbröckelnd, in jene Fernen hinabzufallen schien, wo seine verwaisete Lenette mit dem Angesicht voll Abendrot in dem verstummten Zimmer stand. "Ach, gute, gute Lenette", rief es in ihm, "warum kann ich dich nicht jetzt, in diesem Eden, an diesem vollen weichen Herzen selig zerdrückenach, hier würde' ich dir lieber vergeben und dich schöner lieben!" – Du gute natur voll unendlicher Liebe bist es ja, die in uns die Entfernung der Körper in Annäherung der Seelen verwandelt; du bist es, die vor uns, wenn wir uns an fernen Orten recht innig freuen, die freundlichen Bilder aller derer, die wir verlassen mussten, wie holde Töne und Jahre vorüberführt, und du breitest unsere arme nach den Wolken aus, welche über die Berge herfliegen, hinter denen unsere Teuersten leben! So öffnet sich das abgetrennte Herz dem fernen, wie sich die Blumen, die sich vor der Sonne auftun, auch an den Tagen, wo das Gewölk zwischen beide tritt, auseinander falten. – Der Glanz losch aus, nur die blutige Spur der gefallnen Sonne stand im Blau, die Erde trat höher mit den Gärten hervorund Firmian sah auf einmal nahe an sich das grünende Tempetal der Fantaisie, übergossen von roter Wolken- und von weisser Blüten-Schminke, vor sich schwanken und rauschen; aber ein Engel stand