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: "Ich sehe, du bist so einfältig wie ich: instanter, instantius, instantissime, mit drei Worten: hast du es ihr gesagt wegen der Witwenkasse? Nur ja und nein! Ich fahre sogleich zur Tür hinaus." Siebenkäs warf noch schneller alle Nachrichten auf einmal hervor, um auf immer von jeder frei zu sein: "Sie tritt gewiss hinein. Ich hab' ihr nichts gesagt und kann nicht. Du kannst ihrs leichtlich sagen. Du musst auch. Ich komme nicht mehr in Fantaisie. Und nachmittags, Heinrich, wollen wir uns recht erlustigen, unser Lebenspiel soll ein klingendes seinan unsern Pedalharfen stehen ja die Erhöhtritte für Freudentöne noch alle, und wir können darauf treten." Heinrich kam wieder zu sich und sagte fortgehend: "Am menschlichen Instrument sind die Cremoneser saiten aus lebendigem Gedärm gedreht, und die Brust ist nur der Resonanzboden und der Kopf vollends der Dämpfer." –

Die Einsamkeit lag wie eine schöne Gegend um unsern Freund, alle verirrte, verjagte Echos konnten zu ihm herübergelangen, und er konnte sich auf dem aus zwölf Stunden gewebten Flor, der sich vor dem schönsten historischen Gemälde seines Lebens aufspannte, das Gemälde zitternd nachzeichnen mit Kreide und tausendmal nachzeichnen. – Aber den Besuch der schönen, immer weiter aufblühenden Fantaisie musste er sich verwehren, um nicht mit einem lebendigen Zaun Natalien dieses Blumental zu verriegeln. Er musste für seine Genüsse Entbehrungen nachzahlen. Die Reize der Stadt und ihrer Nachbarschaft behielten ihre bunte Hülse und verloren ihren süssen Kern; alles glich für ihn einem Dessertaufsatz, über dessen gläsernen Boden man in den vorigen zeiten buntes Zukker-Pulver streuete, und den in den jetzigen nur farbiger Sand grundiert, mehr zum Stippen als zum Käuen tauglich. Alle seine Hoffnungen, alle Blüten und Früchte seines Lebens wuchsen und reiften nun, gleich unsern höhern, wie die der unterirdischen Platterbse133, – unter der Erde, ich meine in dem ScheinGrabe, in das er gehen wollte. Wie wenig hatte' er: und wie viel! Sein Fuss stand auf verdorrten, stechenden Rosenstöcken, sein Auge sah rund um die elysischen Felder seiner Zukunft bedorntes Strauchwerk, borstiges Gestrippe und einen aus seinem Grab gemachten Wall gezogen; sein ganzes Leipziger Rosental schränkte sich auf das grüne Rosenstöckchen ein, das unaufgeblüht von Nataliens Herzen an seines verpflanzt worden. – Und wie viel hatte' er doch! Von Natalie ein Vergissmeinnicht seines ganzen Lebensdas geschenkte seidne war nur die Rinde des immer blühenden –; einen Seelenfrühling, den er endlich nach so vielen Frühlingen erlebt, den, zum ersten Male von einem weiblichen Wesen so geliebt zu werden, wie ihm hundert Träume und Dichter an andern vorgemalt. – Aus der alten papiernen Rumpelkammer der Akten und Bücher auf einmal den Schritt in die frischgrüne blumenvolle Schäferwelt der Liebe zu tun, zum ersten Male eine solche Liebe nicht nur zu erhalten, sondern auch einen solchen Scheide-Kuss wie eine Sonne in ein ganzes Leben mitzunehmen und mit ihm es durchzuwärmendies war Seligkeit für einen Kreuzträger der Vergangenheit! Noch dazu konnte' er ganz hingegeben sich von den schönen Wellen dieses Paradiesesflusses ziehen und treiben lassen, da er Natalien nicht zu besitzen, nicht einmal zu sehen vermochte. In Lenetten hatte' er keine Natalie geliebt, wie in dieser keine Lenette; seine eheliche Liebe war ein prosaischer Sommertag der Ernte und Schwüle, und die jetzige eine poetische Lenznacht mit Blüten und Sternen, und seine neue Welt war dem Namen ihrer Schöpfung-Stätte, der Fantaisie, ähnlich. Er verbarg sich nicht, dass erda er Natalien vorzusterben sich entschiedenin ihr ja nur eine Abgeschiedene liebe als ein Abgeschiedener; ja als ein noch Lebender eigentlich nur eine für ihn schon verklärte Vergangeneund er tat frei die Frage an sich, ob er nicht diese in die Vergangenheit gerückte Natalie so gut und so feurig lieben dürfe als irgendeine längst in eine noch fernere Vergangenheit geflogene, die Héloise eines Abälards oder eines St. Preux oder eine Dichters-Laura oder Werters-Lotte, für welche er nicht einmal so im Ernste starb wie Werter.

Seinem Freunde Leibgeber war er mit aller Anstrengung nicht mehr zu sagen imstande als: "Du musst recht von ihr geliebt worden sein, von dieser seltenen Seele, denn bloss der Ähnlichkeit mit dir darf ich ihre himmlische Güte für mich zuschreiben, ich, der ich sonst so wenig gleich sehe und nirgends Glück bei Weibern gemacht." Leibgeber und sogleich er selber hinterdrein lächelte über seine fast einfältige Wendung; aber welcher Liebhaber ist nicht während seines Maies ein wahres gutes lebendiges Schaf?

Leibgeber kam bald wieder in den Gastof mit der Nachricht zurück, dass er die Engländerin auf Fantaisie habe fahren sehen. Firmian war rechtfroh darüber: sie machte ihm seinen Vorsatz noch leichter, sich aus dem ganzen Freudenbezirke auszuschliessen. Denn sie war die Tochter des Vaduzer Grafen und durfte also den Armenadvokaten, den sie einmal für Leibgebern halten sollte, jetzt nicht erblicken. Heinrich aber botanisierte jede Stunde des Tages draussen im Blüten-Abhang von Fantaisie, um mit seinen botanischen Suchgläsern (mit seinen Augen) weniger Blumen als die Blumengöttin auszuspüren und auszufragen. Aber es war an keine Göttererscheinung zu denken. Ach! die verwundete Natalie hatte so viele Ursachen, sich von den Ruinen ihrer schönsten Stunden entfernt zu halten und die überblühte Brandstätte zu fliehen, wo ihr der begegnen konnte, den sie nie mehr sehen wollte! –

Einige Tage darauf beehrte der Venner Rosa von Meiern