zuflüstern möchte. Ahme dem grössten Genius immer nach, aber nur nicht in der Unsichtbarkeit. Dein wahrer Name stört ja unser Verhältnis nicht. – Der Mantel der Liebe bedecket alle Fehler; aber soll denn er selber bedecket bleiben wie ein Fehler? – Schreibe mir wenigstens mit Deiner Handschrift irgendeine Adresse, unter der ich sicher einige Worte meiner Seele vor Dich bringen kann. Fragst Du aber nichts nach meinem Intelligenzblatt und bleibst Du immer eingehüllet: so nimm hier meinen Dank für alle Zeichen Deiner schönen Seele an – Dein Leben kehre sich wie eine Welt in sanftem Wechsel bald dem Sonnenlicht der Wirklichkeit, bald dem Mondschein der Dichtkunst zu – und in allen Deinen Wolken sei nur Abendrot oder ein Regenbogen und kein Gewitter – und wenn Du fröhlich bist, so erinnere Dich dein Genius an den 23ten Mai – und wenn Du traurig bist, so sende Dir ein guter Mensch einen Brief voll Liebe zu, wie Du mir geschrieben, ja er schreibe sogar seinen wahren Namen darunter. Hof im Voigtland, den 5. Jul. 1796.
Jean Paul Fr. Richter."
So viel stand vor zwanzig Jahren auf dem letzten Blatte der ersten Ausgabe dieser geschichte. Diese Zeilen könnten so gut wie mehre andere aus der zweiten wegbleiben und untersinken; aber es ist ein so triftiger Grund zum Obenbleiben vorhanden, dass sie vielmehr in allen den unzähligen künftigen Auflagen vornen im vierten Bändchen voranschwimmen sollen; und dieser Grund ist bloss, weil der Septimus Fixlein niemand anders gewesen als der alte – Gleim, dem ich als einen Unbekannten mit jenen Zeilen für ein meiner damaligen Dürftigkeit angemessenes Geldgeschenk habe danken wollen. Später lernte ich diesen echten Ur- und Gross-Deutschen näher kennen, von Angesicht zu Angesicht, wie von Tat zu Tat; – und ich sehne mich herzlich nach den Stellen in meiner Lebensbeschreibung, wo ich seiner länger gedenken kann. Baireut, den 7ten März 1818.
Funfzehntes Kapitel
Rosa von Meiern – Nachklänge und Nachwehen der
schönsten Nacht – Briefe Nataliens und Firmians –
Tischreden Leibgebers
Wenn man in einer feuchtwarmen, gestirnten Lenznacht den Arbeitern in einem Steinsalzbergwerk ihr breites Wetterdach von Erde über den Kopf abhöbe und sie so plötzlich aus ihrem lichtervollen engen Keller in den dunkeln, weiten Schlafsaal der natur und aus der unterirdischen Stille in das Wehen und Düften und Rauschen des Frühlings herausstellte: so wären sie gerade in Firmians Fall, dessen bisher verschlossenen, stillen, hellen Geist die vorige Nacht auf einmal mit neuen Schmerzen und Freuden und mit einer neuen Welt gewaltsam auseinandergetrieben und verdunkelt hatte. Heinrich beobachtete über diese Nacht ein sehr redendes Stillschweigen, und Firmian verriet sich umgekehrt durch ein stummes Jagen nach Reden. Er mochte die Flügel, die sich gestern zum erstenmal feucht ausser der Puppe ausgedehnet hatten, zusammenlegen wie er wollte, sie blieben immer länger als die Flügeldecken. Es wurde' am Ende Leibgebern lästig und schwül; sie waren schon gestern schweigend nach Baireut und ins Bette gegangen, und er wurde müde, wenn er die vielen Halbschatten und Halbfarben überzählte, die erst alle aufzutragen waren, bevor man vier tapfere, breite Striche am Gemälde der Nacht tun konnte.
Nichts ist wohl mehr zu beklagen, als dass wir nicht alle zu einerlei Zeit den Keichhusten haben – oder Werters Leiden oder 21 Jahre oder 61 – oder hypochondrische Anfälle – oder Honigmonate – oder Mokierspiele: – wie würden wir, als Choristen desselben Freuden oder Trauer- oder Husten-Tutti, unsern Zustand in dem fremden finden und ertragen und dem andern alles vergeben, worin er uns gleicht. Jetzt hingegen, wo der eine zwar heute hustet, aber der andere erst morgen – das Simultan und Kompaniehusten nach dem Kanzelliede in den Schweizerkirchen ausgenommen – da der eine die Tanzstunden besucht, wenn der andere den Kniestunden in Konventikeln obliegt – da das Mädchen des einen Vaters über dem Taufhekken hangt, und in derselben Minute der Junge des andern auf Seilen über dem kurzen grab; jetzt, da das Schicksal zum Grundton unsers Herzens in den Herzen um uns fremde Tonarten oder doch übermässige Sexten, grosse Septimen, kleine Sekunden greift: jetzt, bei diesem allgemeinen Mangel des Unisono und der Harmonie, ist nichts zu erwarten als kreischendes Katzen-Charivari, und nichts zu wünschen als doch einiges Harpeggieren, wenn nicht Melodie.
Leibgeber ergriff als einen Henkel der Rede oder als einen Pumpenschwengel, um drei Tropfen aus dem Herzen zu drücken, Firmians Hand und umarmte sie mit allen Fingern sanft und warm. Er tat gleichgültige fragen nach den heutigen Lustgängen und Lustreisen; aber er hatte nicht vorausgesehen, dass ihn der Druck der Hand tiefer in die Verlegenheit senken werde; denn er musste nun (das konnte man fodern) ebensowohl über die Hand als über die Zunge regieren, und er konnte die fremde Hand nicht Knall und Fall fortschicken, sondern musste sie in einem allmählichen diminuendo des Drucks entlassen. Eine solche Aufmerksamkeit auf Gefühle macht' ihn schamrot und toll; ja er hätte meine Beschreibung davon ins Feuer geworfen; ich habe Nachrichten, dass er nicht einmal bei Weibern, die doch das Herz (das Wort nämlich) immer auf der Zunge haben, wie einen heraufsteigenden globulus hystericus, dieses Wort auszusprechen vermochte: "Es ist", sagt' er, "der Giesshals und der Kugelzieher ihres Herzens selber; es ist der Ball an ihrem Fächer-Rapier und für mich eine Giftkugel, eine Pechkugel für den Bel zu Babel."
Auf einmal entsprang seine Hand aus dem süssen Personalarrest; er nahm Hut und Stock und plauderte heraus