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den Rhein: "so rinnt es und rinnt es, das gaukelnde wallende Leben, aus seiner verhüllten Quelle wie der Nil. Wie wenig hab' ich bisher getan und genossen! Unsre Verdienste und unsre Freuden sind nicht gross! – Unsre Verwandlungen sind grösser, unser Herz und unser Kopf kommen tausendfach verändert und unkenntlich unter die Erde, wie der Kopf der eisernen Maske131 oder wie Ermordete so lange verwundet und zerschnitten werden, bis sie nicht mehr kenntlich sind. – – Ach und doch werden wir nur verändert, aber wir selber verändern so wenig in der Erde, nicht einmal in uns. – – Jede Minute kommt uns als das Ziel aller vorigen vor. – Die Saat des Lebens halten wir für die Ernte, den Honigtau an den Ähren für die süsse Frucht, und wie Tiere käuen wir die Blüten. – – Du grosser Gott! welche Nacht liegt um unsern Schlaf! wir fallen und wir steigen mit geschlossenen Augen und fliegen blind und in einem festen Schlafe umher132."......Meine Hand hing in den Strom hinaus und seine kalten Wogen hoben sie. Ich dachte: "Wie brennt doch das kleine Licht in uns mitten im wehenden Sturme der natur so gerade und unbeweglich auf! Alles um mich stösset mit Riesenkräften zusammen und ringet! Der Strom ergreift die Inseln und die Klippen, der Nachtwind tritt in den Strom und watet herauf und drängt seine Wellen zurück und ringet mit den Wäldernselber droben im friedlichen Blau arbeiten Welten gegen Welten. – Die unendlichen Kräfte ziehen wie Ströme gegeneinander und begegnen sich wirbelnd und brausend, und auf den ewigen Wirbeln laufen die kleinen Erden um den Sonnenstrudel. – Und die sanft heraufsteigenden schimmernden Reihen der Sternbilder sind bloss unabsehliche Kettengebürge von tobenden Sonnenvulkanen.... Und doch ruhet in diesem Sturme der Menschengeist so still und friedlich wie ein stiller Mond über windigen Nächtenin mir ist jetzt alles ruhig und sanft, ich sehe' den kleinen Bach meines Lebens vor mir rinnen und in den Zeitenstrom mit andern tropfender helle Geist schauet durch die brausenden Blutströme, die ihn umziehen, und durch die Stürme, die ihn überhüllen und verfinstern, hell hindurch und sieht drüben stille Auen, leise lichte Quellen, Mondschimmer und einen ruhigen schönen Engel, der langsam darin wandelt."- In meiner Seele stand ein stiller Karfreitag, windstill und regenfrei und lau, wiewohl mit einem sanften Gewölke bezogen.

Aber das klare Bewusstsein der Ruhe wird bald ihr Untergang. Ich sah hin auf drei um die Insel schwimmende Hyazinten, die Klotilde im Scheiden den Wellen zugeworfen: "Jetzt in deiner Geburtstunde", sagt' ich zu mir, "spült das Meer der Ewigkeit tausend kleine Herzen ans steinige Ufer der Erde: ach, wie wird es ihnen einmal an der Feier ihrer Geburttage sein? – Und was mögen die unzähligen Brüder denken, die mit dir vor 32 Jahren in diese Dunstkugel mit verbundnen Augen stiegen? Vielleicht erdrückt ein grosser Schmerz den Gedanken an ihren Anfang vielleicht schlafen sie tief jetzt, wie ich sonstoder noch tiefer, tiefer."... Und nun sanken alle meine jüngern und ältern Freunde, die schon tiefer schlafen, recht schwer auf die gebrochne Brust...

"Ich weiss wohl, was du jetzt so still übersinnst und so stumm betrauerst", sagte mein Viktor. Ich antwortete: "nein" – und nun sagt' ich ihm alles... Du gute beste Seele!

Als ich ihn lange genug umarmt hatte: kehrten wir eilig zurückund ich umfasste meine andern Brüderund ich sehnte mich nach Dir, mein Teurer. – – Wir zogen endlich aus der Baustelle eines friedlichern Lehrgebäudes für unser Herz, aus der stummen Insel fort, und der hohe Berg, das erhabne Gerüst für die Vasen unsrer Freudenblumen, die Empor im grossen Tempel, unser Leuchtturm im Hafen der Ruhe, schaute uns lange nach, und der hangende Garten unsrer Seele lag auf ihm im Sternenlicht. –

Und als wir ans Ufer traten: stieg der Hesperus als Morgenstern, dieser nah' aufspringende Funke der Sonne, über den Morgennebel auf und kündigte früher als das Morgenrot seine blühende Mutter an. – Und als wir bedachten, dass er als der Abendstern um unsre Nacht unten herumziehe, um als Morgenstern die Nachmitternacht und den Osten mit der ersten glänzenden Tauperle zu schmücken: so sagte jedem sein froheres Herz: "und so werden alle Abendsterne dieses Lebens einmal als Morgensterne wieder vor uns treten."

Denke auch an Morgen, mein Bruder, wenn Du nach Abend siehest, und wenn vor Dir eine Sonne untergeht, so wende Dich um und siehe wieder in Morgen einen Mond aufsteigen: der Mond ist der Bürge der Sonne, wie die Hoffnung die Bürgin der Seligkeit. – Aber komm nun bald zu Deinem Viktor und zu Deinem Bruder

J. P.

Viertes Bändchen

Intelligenzblatt der Blumenstücke

"Ich bitte meine Leser um Erlaubnis oder um Verzeihung, dass ich hier etwas drucken lasse, das sie alle nichts angehtausgenommen den einzigen Leser, der unter dem Namen Septimus Fixlein den 23ten Mai 1796 aus Scheerau an mich geschrieben hat. – –

Zu guter Septimus! Ich bitte Dich sehr, schreibe mir Deinen wahren Namen; denn hier auf dem offenen Meere der Welt, mitten unter hundert Schiffen, kann ich Dir nicht durch das Sprachrohr der Presse das zuschreien, was ich Dir viel lieber nahe an Deinem Angesicht und an Deiner Brust