verlassen – ich sah sie singend wie Schwanen über die Wellen ziehen und in diese ihre Lenzblumen werfen, damit sie als Erinnerungen an unser Insel-Ufer zurückschwämmen; und die zwei Kinder schliefen sanft in stillen Armen zwischen der Pracht des himmels und der Erde, und die arme und die Lieder und die Fluten wiegten sie.
Als es 12 Uhr wurde und der Frühling seinen ersten Morgen hatte: suchte und rief uns alle Viktor auf den Berg zusammen, wir wussten noch nicht weswegen. Der Rhein klang hinauf und hinab – die hellen Frühlingtöne der Nachtigall glitten zerschneidend durch sein Brausen – die Sterne der zwölften Stunde fielen tropfend in das verfinsterte Grab der Sonne und loschen aus in der grauen Asche des westlichen Gewölks – als plötzlich eine gerade schöne Flamme in Abend aufstieg und ein harmonisches Schmettern sich durch die Finsternis riss.
"Denkt ihr denn nicht", sagte Viktor, "an euer Frankreich, für das heute am 21ten März die erste Stunde des Tages anbricht, an dem die sechstausend Ur-Versammlungen sich wie Gestirne vereinigen, damit aus Millionen Herzen ein einziges Gesetz entstehe?" –
Und als ich gegen Himmel sah, kam mir die gebogne Milchstrasse wie der eiserne Waagbalken des bedeckten Schicksals vor, in dessen Schalen, aus Welten ausgewölbt, die zertrümmerten blutigen Völker liegen und der Ewigkeit vorgewogen werden Aber die Waage des Schicksals schwankt bloss darum auf und nieder, weil die Gewichte erst seit einigen Jahrtausenden in sie geworfen worden. Wir traten zusammen und sagten, in der Begeisterung der Nacht und der Töne, unter den steigenden und fallenden Sternen, vereinigt: "Du armes Land, deine Sonne und dein Tag steige einmal höher und werfe das Blutemde deiner blutigen Morgenröte zurück – möge der höhere Genius dein Blut von deinen Händen und deine Tränen von deinen Augen abwischen – o, dieser Genius baue und trage und schirme den grossen freien Tempel, der sich über dich als zweiter Himmel wölbt, aber er tröste auch jede Mutter und jeden Vater und jedes Kind und jede Gattin und alle Augen, die den geliebten zerdrückten Herzen nachweinen, die geblutet haben und zerfallen sind und die nun als Grundsteine unter dem Tempel liegen." –
Was ich jetzt sage, kann ich nur meinem Bruder erzählen, denn nur er wird es vergeben. Ich und Viktor stiegen in einen Kahn, den ein langes Seil ans Ufer kettete und mit welchem der Zug des Stroms spielte; wir arbeiteten uns gegen das Ufer zurück, und dann liessen wir den Kahn wieder mit den Wellen der Mitternacht entgegen fliessen. In unsrer Seele war wie ausser uns Wehmut und Erhebung sonderbar gemischt: die Musik des Ufers wich und kam – Töne und Sterne stiegen auf und sanken ein die Wölbung des himmels stand im zitternden Rhein wie eine geborstene Glocke, und oben über uns ruhte das von der alten Ewigkeit bewohnte Tempel-Gewölbe mit seinen festen Sonnen unerschüttert – der Frühling wehte vom Morgen her, und die Baumgerippe auf dem Totenakker des Winters wurden zum Auferstehen angeregt. Auf einmal sagte Viktor: "Mir ist, als wäre der Rhein der Strom der Zeit; denn unser schwankendes Leben wird ja von beiden Strömen nach Mitternacht gerissen." Auf einmal rief mir mein Bruder auf der Insel zu: "Bruder, kehre in den Hafen zurück und schlafe, es ist zwischen 1 und 2 Uhr."
Diese brüderliche, sich durch die Töne und die Wellen drängende stimme warf plötzlich eine neue Welt, vielleicht die Unterwelt, in meine offne Seele: denn es leuchtete auf einmal der Blitz der Erinnerung über mein ganzes dunkles Wesen, dass ich gerade in dieser Nacht vor 32 Jahren in diese überwölkte, mit täglichen Nächten bedeckte Erde getreten und dass die Stunde zwischen 1 und 2 Uhr, worin mich mein Bruder in den Hafen und zum Schlafe gerufen, meine Geburtstunde gewesen sei, die so oft dem Menschen beide nimmt.
Es gibt schauerliche Dämmeraugenblicke in uns, wo uns ist, als schieden sich Tag und Nacht – als würden wir gerade geschaffen oder gerade vernichtet – das Teater des Lebens und die Zuschauer fliehen zurück, unsre Rolle ist vorbei, wir stehen weit im Finstern allein, aber wir tragen noch die Teaterkleidung, und wir sehen uns darin an und fragen uns: "Was bist du jetzt, Ich?" Wenn wir so fragen: so gibt es ausser uns nichts Grosses oder Festes für uns mehr – alles wird eine unendliche nächtliche Wolke, in der es zuweilen schimmert, die sich aber immer tiefer und tropfenschwerer senkt – und nur hoch über der Wolke gibt es einen Glanz, und der ist Gott, und tief unter ihr ist ein lichter Punkt, und der ist ein MenschenIch. –
Für diese Augenblicke ist das aus schwerer Erde gebildete Herz nicht lange gemacht. Ich ging in die süssern über, wo das volle tränentrunkne Herz nichts kann und nichts will als bloss weinen. Ich hatte nicht den Mut, meinen teuern Viktor von der erhabnen Nachbarschaft um ihn herabzuziehen auf meine Geringfügigkeiten; aber ich bat ihn, nur noch ein wenig mit mir in dieser Stille, über diesem düstern, in die Mitternacht rinnenden Strome zu verharren. Und dann lehnt' und drückt' ich mich warm an meinen sanften Liebling, und die kleinen Tropfen der gesenkten Augen fielen ungesehen in den grossen Strom, gleich als wär' er der weite Strom der Zeit, in den jedes Auge seine Zähren und so viele tausend Herzen ihre Bluttropfen fallen lassen und der darum weder schwillt noch eilt.
Ich dachte nach und sah in