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mir gebraucht hatte, will an meiner Stelle die Gemäldeausstellung unserer insularischen Blumenstücke besorgen und ein Nachschreiben anschliessen. Recht! Denn ich könnt' es heute wahrlich nicht. – Am 10ten April hat sich die Luft gekühlt: da kommen Sie gewiss schon der Franzosen wegen, die den 10ten ihre Wahlversammlungen anfangen: wir müssen hier von ihren grossen Festen und Messen wenigstens die Zahlwochen und Nach-Kirchweihen feiern. – Ach, wie beklommen hör' ich auf. – jetzt lesen Sie weiter, aber nicht

Ihren

Viktor

Nachschreiben von Jean Paul

Guter Bruder!

Das tugendhafte Zürnen unsers Viktors wird sich bald stillen. Die Ursache, warum er (und jetzt ich) Dir die grosse Bekehrung unsrer unfriedlichen Triebe schriftlich berichten, ist, damit wir uns recht schämen müssen, wenn wir einmal länger poltern als eine Minute oder länger hassen als einen Augenblick. Diese umfangende Liebe begehrt ein Opfer, das zögernder hingegeben wird, als man denkt, das Opfer des selbstgefälligen Vergnügens, das der Zorn in den Anblick fremder Sünden, und die Satire in den der fremden Torheiten als einen versüssenden Zusatz128 mengt und an deren Stelle nur das reine Mitleiden über die ewigen Krankheitversetzungen und chronisch-blutenden Wunden und Narben der hülflosen Menschheit tritt.

Aber nun will ich mit unserer schwimmenden Insel und mit ihrem seligen Helldunkel ganz nahe vor Dein Auge rudern!

Die Sonne hatte sich über die Nebel-Alpen herumWesten, gleichsam um bald als ein funkelndes Schild der Freiheit in seine Ebene, als ein Vermählung-Ring des himmels und der Erde in sein flutendes Meer hineinzufallen. Die Abendschatten überschwemmten schon die zwei ersten Stufen des berges, und der verfinsterte Rhein ergriff mit einem Arm der Nacht die Erde. Wir stiegen unsere kleinen Stufen hinauf, so wie die Sonne ihre grossen hinabging, und sie richtete sich immerfort gegen uns aus ihrem brennenden grab auf mit ihrem auferstehenden Heiligenangesicht. Der Berg erhob unsere Augen und unsere Seelen. Ich nahm, an meine Fehler erinnert, Viktors Hand und sagte: "Ach, Lieber! wenn es einmal wäre, dass ein Mensch mit allen Menschen Frieden schlösse und mit sich, wenn einmal sein zerrüttetes Herz mitten im Sauerteige der hassenden und gehassten Welt nur den milden süssen Lebensaft der Liebe auffasste und bewahrte, wie die Auster mitten im Schlamm nur helles reines wasser in ihr Gehäuse nimmt; ach, wenn er das voraus wüsste: dann könnte wohl ein froher Abend wie dieser seine dürstende zerlechzte Brust erquicken und füllen und den ewigen Seufzer befriedigen." – Viktor antwortete (aber er schaute sich nicht um, sondern hielt sein glänzendes und beglänztes Angesicht, das sein menschenliebendes Herz mit dem Rote eines wärmern Blutes übergoss, bloss gegen die halb aus der Erde brennende Sonne gekehrt): "Vielleicht werden wir es könnenwir werden überall glücklich sein, wo ein Mensch lächelt, sollt' er es auch nicht verdienenwir werden nicht mehr aus Pflicht der höflichen Verleugnung, sondern aus Liebe freundlich mit jedem Bruder sprechen, und für Herzen, die keine innre Entrüstung mehr zu decken haben, wird es keine verwickelte Lagen mehr geben. – – Ruhet die Frühlingsonne heute nicht wie ein gebrochnes Mutterauge über ihrer Welt und blicket warm an alle Herzen, an böse und gute? – Ja, du Ewiger, wir alle hier geben jetzt allen deinen Wesen unsre Hand und unser Herz, und wir hassen nichts mehr, was du geschaffen hast."

Wir waren fortgerissen und umfassten uns mit Tränen ohne Worte im ersten Dunkel der Nacht. Auf der Begräbnisstelle der Sonne stand der Zodiakalschein als eine rote Grabes-Pyramide und loderte unbeweglich in die stumme blaue Tiefe hinauf.

Die Stadt Gottes, die hoch über der Erde schwebt, erschien aus der ewigen Ferne, auf den Bogen der Milchstrasse gebauet, mit allen ihren angezündeten Sonnen-Lichtern. Wir stiegen den Berg herabjede Stelle der Erde war jetzt ein Bergeine unsichtbare Hand trug die Seele über den dunkeln Dunstkreis, und sie schaute wie von Alpen herab, und sie sah nichts als die glänzenden Spitzen andrer Gebürge, und alles Niedrige, alles Tiefe, alle Gräber und alle kleine Ziele und Laufbahnen der Menschen waren mit einem grossen Dufte zugehüllt.

Wir verloren uns voneinander in die Gänge, aber in unsern Herzen waren wir alle beisammenwir kamen wieder zueinander, aber in unsrer Seele blieb die Stille ungestört; denn jedes Herz schlug wie das andere, und ein Gebet war von einer Umarmung in nichts verschieden als in der Einsamkeit. –

Die zerstreueten Flammen unserer Gefühle hatten sich allmählich in unserm geist zusammengezogen zu einer heissen Sonnenkugel und kleine Minuten zu einer Ewigkeit, wie die Alten glaubten, dass die herumflatternden Flammen der Nachmitternacht sich am Morgen in eine Sonne verdichten129.

Ach! ich schwacher Unbekannter mit solchen Paradiesen stand unter blätterlosen Zweigen traurig vor dem gestirnten dunkelblauen Rhein, der wie ein himmlisches, zwischen zwei Republiken geknüpftes Band130 wallend auf der deutschen Erde aufliegt, und mir war, als könnte der Durst und das Feuer einer so kleinen Brust nur mit seinen grossen Wellen gelöscht werden. Ach, wir sind alle so: im flüchtigen Gefühle unsrer kleinen Grösse und Wonne wollen wir alle an grossen Gegenständen ruhen und sterben, wir wollen alle uns in den tiefen Himmel stürzen, wenn er über uns zitternd funkelt, und an die bunte Erde, wenn sie neben uns wallend blüht, und in den unendlichen Strom, wenn er gleichsam aus der Vergangenheit in die Zukunft zieht.

Unsre Freundinnen und die Kinder hatten still den Ankerplatz so schöner Stunden