eine neue Lage grünes Brennholz die Flamme des Entusiasmus auf einige Zeit verschlichtet und die gerade purpurne Feuer-Pyramide zersplittert. – Man wartete vergeblich auf mein Fortfahren; ich schüttelte und nickte: wenn wir wieder beisammen sind und alle sitzen.
Unter dem Essen konnte ich gemächlich meine Sprachmaschine aufstellen und drehen: "Ich fragte vor dem Essen einige Male fing ich an –: wer kann uns alle Grundsätze der Menschenliebe beleben, auffrischen, tätig machen? Der Oberpikeur, versetz' ich; aber ich befahre, ich habe durch öfteres Anlaufen und Ansetzen zu meinem Fechtsprunge eine grössere Erwartung davon erregt, als mir und dem Sprunge frommen mag. Der Pikeur liess mich einen Tag vorher, ehe das Stümpchen von seinem Lebenlichte gar in den Leuchter versank und zerfloss, vor sein hartgedrücktes Krankenlager kommen und verlangte von mir – kein Rezept – eine Haussuchung. Er zog meinen Kopf zu seinem magern Kopfkissen nieder und sprach so: 'Sie sehen, Hr. Doktor, der Tod setzt mir sein Weidmesser schon an die Kehle. Ich fahre aber wohlgemutet dahin, und was ich Zeitliches hinter mir lasse, wend' ich der Armut zu. Ich habe mir – dessen darf ich mich rühmen – in meinem ganzen Leben wenig zugute getan und bloss für arme gedarbt, gekargt und geschwitzt – und ein solcher Christ macht sein Testament mit Freuden: er weiss, er wird dort belohnt. Aber ein harter Stein liegt mir auf dem Herzen: ich habe weder Kind noch Kegel, weder Hund noch Katz', und pfeif' ich auf dem letzten Loche, so ist die alte Frau, die mir die stube auskehrt, ganz allein im haus. Nun kann sie mich – sie ist ein grundehrliches Ding, aber blutarm – ausstehlen, eh' gerichtlich versiegelt ist. Hr. Doktor, Sie fleh' ich an, Sie sind ein Freund der Armen wie ich und rezeptieren oft gratis, Sie sollen mit dem Notarius, dem ich nicht mehr traue als meiner Vettel, zum Besten einer armen Jägerschaft und hiesigen Hausarmut, die ich gestern mit meinem sauern Schweiss testamentlich bedacht, in alle Stuben gehen und alles ehrlich inventieren und über alles, was im haus ist, ein Notariatinstrument ausfertigen lassen. Hier beim ersten Artikel fängt der Notarius an, bei den Hosen unter dem Kopfkissen, weil mein Geldbeutel drinnen steckt.'
– Ein Mensch, dessen Stoppeln der Tod vollends umstürzt und einackert, hat bei mir ein grösseres Recht als das der ersten Bitte, er hat das der letzten. Ich erschien den andern Tag und brachte den Notarius und meinen Hass gegen den argwöhnischen Sterbenden mit. Ich half mit lustiger Kälte die Effekten der Krankenstube protokollieren: seinen von der abgescheuerten Jagdtasche gebohnten Jagdrock, seine abgegriffne Gewehrkammer, die er oft in Stürmen vor dem Fuchshau als wild-Schildwache präsentiert hatte, und sogar den ledernen Unterzieh-Schuh des Daums und die lange Mumien-Bandage der Nase, die er über den Wunden beider getragen, als er sich solche mit seiner eignen Vogelflinte geschossen hatte.
Da wir die übrigen stummen Zimmer, die leeren Schalengehäuse seiner vertrockneten Tage, durchgingen: fing schon das gefrorne Blut in mir aufzutauen an und rollte in wärmere leichte Quecksilberkügelchen auseinander. Als ich aber gar mit dem Notarius in die Rumpelkammer stieg und da die Trödelbude seiner alten Schlafröcke durchblätterte, dieser Raupenbälge und Blutemden seiner Fiebernächte, in denen ich ihn noch einmal dürsten und stöhnen sah – ferner seinen Patenbrief und seinen daraus in Silber nachgestickten Namenzug auf den Halskrägen der Hühnerhunde – und das Kniestück seiner schönen Mutter, der er als ein lächelndes Kind im Schosse sass, und das drahtene, mit grüner Seide übersponnene Brautkränzchen seiner Frau.... (Um Gottes willen, stört mich nur jetzt nicht mit Zureden, wahrlich ich habe schon davon gegessen) – – als ich diese Opernkleider, diese Opernkasse und diese Teatermaschinen in die hände nahm, womit der kranke Schauspieler unten die Proberolle eines Harpaxes zum Besten der Armen hienieden gespielt: so tat mir nicht nur der moralische Kassedefekt und der magere Freuden-Monatsold des siechen Mannes im Erdgeschosse weh, sondern ich wünschte ihm auch nicht mehr Strafe und Elend, als er sich selber wünschen würde, wenn er sich vor dem Sturze ins tiefste Erdgeschoss aufrichtig bekehrte; nein, eher weniger Elend. Ich hatte also keinen Hass mehr; denn ich setzte mich nicht bloss in seine äussere Stelle – wie andere tun, die sich bloss mit ihrer eignen ganzen Seele, ihren Wünschen und Gewohnheiten etc. in des andern physische Stelle denken –, sondern in seine innere, in seine Seele, in seine Jugend, seine Wünsche, seine Leiden, in seine Gedanken. Ich sagte, indem ich die Treppe herunterging: 'Armer Pikeur, ich habe keine satirische Freude mehr an deinem nagenden Argwohn, an deinen Irrtümern und Selbgeschossen des Geizes, an deinem knikkernden Hunger – du musst eine ganze lange Ewigkeit mit deinem Ich auskommen und leben wie ich mit meinem. – Du musst mit ihm aufstehen und umherziehen und allein für dasselbe sorgen – und du musst dich ja lieben wie ich mich; ja wider Willen auch die Not und die Sünde an diesem Ich aushalten. – Ziehe damit in Frieden hin in die andere Welt, wo statt der zerbrochnen Gläser schon neue gestimmte für die verstimmte Harmonika deines Lebens werden zu finden sein im grossen Geister-haus.'
Auf der Treppe schrie mir die alte Frau das Verscheiden des Mannes entgegen. Ich traf im Bette den gelben nasskalten Körper ohne Sinne