ein ganzes Leben – jede Eigenschaft in eine person, oder richtiger, da wir die person doch nur im Spiegel ihrer Eigenschaften erblicken, eine Eigenschaft in alle; nur in der Freundschaft, nicht im Hasse wissen wir recht leicht den verdorbenen Bestandteil von der person zu trennen, ja bei ihr verstatten wir uns die umgekehrte Verwandlung der Attribute (Eigenschaften) ins Ich. –
Wir hassen, insofern wir hassen, immer so, als hätte der Gegenstand weder vergangne Tugenden, noch Anlagen dazu, kein Mitleiden, keine Wahrheit, keine Kinderliebe, keine einzige gute Stunde, gar nichts. Kurz wir machen, da wir nur auf das Ich, nicht auf die augenblickliche Erscheinung desselben zürnen, das Wesen, dessen Strafe wir aussprechen, zu einem rein-bösen Wesen. Und doch ist nicht einmal eines denkbar; die stimme des Gewissens, die in ihm tönte, obwohl umsonst, würde das erste Gute sein, der Schmerz, den es fühlte, das zweite, und jede Freude und jeder Trieb des Lebens wieder eines."
"Ach, wie schön", sagte Luna, "dass es kein so böses Wesen gibt und dass wir keines ganz zu hassen brauchen."
"Das Ich kann schon darum", schloss er weiter, "nicht angefeindet werden, weil es noch dasselbe ist, wenn es sich bessert und unsre Zuneigung erringt."
In der Eiligkeit des Kampfes wurde von den zwei Hohlspiegeln, die uns die fremde moralische Verzerrung noch wilder verzerren, einer vergessen, es war unsere Ichsucht. Wenn ich oft Frauen von gleichem Wert und Selbstgefühle auf dem Markte keifen hörte und sah, und wenn die erste mit Lust das Schimpfwort wie einen glühenden Stein in die Brust der zweiten schleuderte, die mit Unlust in Wellen um den Stein aufsod und brauste, indes die dritte sich auf dem Mittelwege kühl dabei verhielt: so schämt' ich mich der Menschheit, dass dieselbe Injurie oder Immoralität, die auf alle dieselbe wirkung machen sollte, in dem einen Menschen eine zu starke, im zweiten eine zu schwache, im dritten eine gleichgültige nachliess.
Auf den zweiten Verzerr-Spiegel zeigte Paul: auf die Sinne. Denn diese machen den Essig des Hasses um die Hälfte schärfer, indem sie das Sinnliche des Feindes, seine Kleider, Mienen, Bewegungen, Töne etc. gar in den Sauertopf als Essigmutter werfen.
Hier erschien der gordische Knoten, den ich nur mit dem Pikeur zerhauen konnte: "Wer rettet uns denn von den Sinnen?" fragt' ich mit einiger Hoffnung. – "Ich lasse", fuhr Melchior auf, "wenigstens meiner Menschenliebe die Sinne nicht abrechnen: sie sind das Stroh, womit das Feuer unter dem steigenden Luftball des Herzens unterhalten wird." Aber Jean Paul drängte mich von dem Knoten zurück: "Ich bewahre", sagt' er, "ein gutes versüssendes Mittel, wenn ein Sünder meine Sinne erbittert. Ich nehm' ihn und zieh' ihm wie ein siegender Feind alle Kleider aus und lass' ihm nicht einmal Hut und Zopf – wenn er nun so jämmerlich und kahl wie ein Toter vor mir steht (in der Phantasie nämlich): so fängt der Schelm schon an, mich zu dauern. Das langt aber nicht zu: ich muss mich noch mehr versüssen und gehe weiter und schlitze ihn durch einen langen Schnitt in die drei Kavitäten (Höhlungen) von oben bis unten entzwei wie einen Karpfen, so dass ich leicht das Gehirn und Herz pulsieren sehen kann. Der blosse Anblick eines roten Menschenherzens – dieses Danaidengefässes der Freude, dieses Behältnisses von so manchem Jammer – macht als eine lebendige Lorenzodose mein eigenes weich und schwer; und ich habe oft auf dem anatomischen Teater einem Strassenräuber nicht eher vergeben, als bis uns der Prosektor das Herz und das Gehirn des Inquisiten vorwies. Du unglückliches, du jammervolles Herz, wie manche glühende und wieder gefrierende Blutwellen mögen sich durch dich gewälzet haben! musst' ich allzeit mit innerster Rührung denken. – Verfing aber alles nichts an mir: so tat ich das Äusserste und schlug den Feind tot und zog das nackte flatternde Seelchen, den Abendschmetterling, aus der Gehirnkammer-Verpuppung und hielt mir so den zappelnden Abendvogel zwischen den Fingern vors Gesicht und sah den Vogel an – ohne allen, allen Groll."
"Sich den Feind", sagt' ich, "entkleidet oder entkörpert zu denken, um ihn so zu ertragen wie Tote, die man vielleicht eben deswegen so liebt, das ist ja ganz meine Operation, wenn ich oft den gehässigen Eindruck einer abscheulichen Physiognomie mir dadurch zu mildern trachte, dass ich solche schinde und dann die skalpierte Haut zurückschlage."
Nunmehr nahm ich mir ernstlich vor, die Troninsignien und den Zepter der Unterredung nicht mehr aus meinen Händen zu geben. Ich hob also an: "Wer schenkt uns aber Kraft oder Zeit, mitten im Waffentanze der Welt, in den schnellen Evolutionen unserer Affekten uns diese wahren Grundsätze nicht bloss erinnerlich, sondern sinnlich und lebhaft zu machen? Wer kann der Äter-Flamme der Menschenliebe unter so vielen Menschen, die sie ausgiessen, ersticken und überbauen, genug Brennstoff nachschüren? Wer hält uns für den Mangel eines heitern milden Temperaments schadlos? wer oder was?" – Als ich diesem Waffengriffe oder Schafte den Pikeur als Spitze anmachen wollte: wurde das kalte Abendessen hergetragen, und die Professorin lief weg, ihre Kinder zu holen. Denn das Essen musste vor Sonnenuntergang abgetan sein, weil es als