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keinem Jahre auf einmal anfangen, andere zu werden. Kurz ihr Zorn ist nur ein dunkleres Gefühl der fremden Ungerechtigkeit. Bei den Tieren weiss ich weiter nichts zu sagen, als dass in ihnen Verwandtschaften unserer moralischen Gefühle sein müssenwer ihnen Seelen-Unsterblichkeit verleiht wie wir, der muss ihnen ohnehin einige Anfanggründe und präexistierende Keime der Moralität einräumen, wären auch diese von ihrem tierischen Wulste noch stärker als das Gewissen bei Schlafenden, Wahnsinnigen und Trunknen überschwollen.......Ach, hier ist Nacht an Nacht! – Und diese Dunkelheit, Hr. Professor, sei meine Strafe für mein unterbrechen und Verbauen Ihres Lichts." –

"Wenn also", fuhr er fort, "der Hass sich bloss gegen moralische Fehler richtet: so ist es sonderbar, dass wir niemals, auch sogar für die grössten, uns selber hassen."

"Mich dünkt", sagte Flamin, "man sei sich aber zuweilen wegen seiner Übereilungen spinnefeind." – "Auch würden Ihre Gründe", setzte Jean Paul hinzu, "ebensogut gegen die Liebe gelten, halb wenigstens; aber antworten Sie nur dem da!"

"Uns selber", sagt' er, "hassen wir nie, sondern wir verachten oder bedauern uns nur, wenn wir gesündigt haben; gleichwohl das wollt' ich noch dazufügenfeinden wir alle Menschen, unser Ich ausgenommen, der Laster wegen an. Kann das recht sein? – Selberhass, Hr. Regierungrat", fuhr er mit höherer stimme fort, "ist nicht möglich; denn Hass ist nichts als ein Wunsch des fremden Unglücks, d.h. ein Wunsch der Strafe, nicht einer bessernden, sondern einer rächenden. Eine solche Züchtigung kann sich aber der bussfertigste Sünder selber nicht wünschen; und sogar dieser Wunsch wäre nichts als ein versteckter der Besserung, d.h. der Beglückung. Einem fremden Sünder aber gönnen wir kaum schnelle Bekehrung, wenigstens keine ohne den Durchgang durch vergeltende Büssungen. Was also in unserer Empfindung gegen fremde Fehler mehr ist als in der gegen eigne, das ist eine Verfälschung von unserer EigensuchtDer kleinste Hass begehrt das Unglück des Feindes: das hab' ich noch zu erweisen."

Seine eigne Frau wandte ein: "Mein eigenes Herz sagt mir ja deutlich, dass ich meine ärgste Feindin weder um Haus und Hof noch um ihre Kinder noch ins Elend bringen möchteich hielt' es nicht einmal aus, wenn eine meinetwegen ein Auge nass machen müsste."

"Recht gut!" verfolgt' er kalt, "die bessere Seele wird nie ihrem Gegenfüssler einen Beinbruch vergönnen, noch ihn hülflos ohne einen Flocken von Wundfäden oder einen Wunsch der Heilung verlassen im Knochenbruch; aber ich weiss, dass dieselbe bessere Seele sich an seinen kleinern Schnittwunden des Lebens belustigtan seinen Beschämungenan seinem Spielverlustam Rückgange seiner Schlitten-Lustfahrtan seinem komischen Gebärdenspiel und Anzugeam Ausfallen seines Haars –" (Hier kam er unschuldigerweise unserm Jean Paul in seines, dessen Scheitel das Schicksal der neunten Kurwürde hat.) "Die mildeste Seele verbirgt nur hinter ihre weiche Teilnahme an grossen Schmerzen das harte Wohlgefallen an kleinen, die doch das kleinere Beileid fodern. Die zartesten Menschen, die ihrem Feinde nicht die kleinste Hautwunde ritzen könnten, schlagen seinem Herzen doch mit Vergnügen tausend tiefere." – "Ach, wie ist das möglich?" sagte Luna. – "Es wäre auch wohl nicht möglich", antwortete ihr Klotilde, "wenn der Seelenschmerz eine so bestimmte Physiognomie und so sichtbare Tränen hätte wie der körperliche."

"Ja", sagte der Professor, "– das ist es... Um sich gegen Lasterhafte sanfter zu machen, denke man sie sich nur ganz in seine hände geliefert: was würde man ihnen denn antun wollen? Die peinliche Frage oder Folter würden wir nach dem ersten Bekenntnisse ihrer Mängel einstellen. Aber eben durch die Unmöglichkeit, die Strafe auszuteilen, wird unsere Entrüstung sowohl verewigt als verdoppelt."

"Ja, wahrlich!" sagte Melchior. "Je öfter ich von den zwei lebendigen Guillotinen des Jahrhunderts, deren Lippen Parzenscheren waren, von Alba und Philipp, lese oder meinetwegen von den zwei andern Völker-Schnittern, Marat und Robespiere: desto schärfer frisst mir, da ihnen der Tod die AmnestieAkte geschrieben, das Ätzwasser des Grimms ihr Strafurtel in mein eigenes Herz."

"Und doch", fiel ich einmal ein und liess den Pikeur bei dem Nachtrab, "soll mir und Ihnen heute jemand den Herzog und den König lebendig einhändigen und zwei Kessel warmes Öl dazu... nein, ich könnte keinen hineinwerfen, es müsste denn das Öl recht lange in der Kälte gestanden sein; ich würde sie mit einer Realterrition und mit einigen hundert Infamienstrafen begnadigen. Ach, welcher eiserne Mensch wäre doch das, der ein von Qualen berstendes Herz und ein Angesicht, auf das der Wurm der Pein seine Windungen zöge, nicht wenn er könnte mit einer kühlenden heilenden Hand besänftigte und labte. – Aber", fuhr ich hurtig fort, um einmal von meinem Pikeur Gebrauch zu machen, "im Affekte stellet uns die Erinnerung an alle vorige Irrtümer desselben nicht im geringsten gegen jetzige sicher."

"Sie lassen mich", fiel der Professor ein, "nur nicht zum Worte. Denn ich bin noch manche Erweise schuldig, die ich so gern abtrage. Unser Hass verkehrt als Affekt allemal jede Tat in