Egelkraut, der Armenadvokat Firmian Stanislaus Siebenkäs" – mit den Papieren und mit der Frau wollten beide am Sonnabend in der Reichsstadt herumfahren, und Leibgeber sollte vor jedem Gebäude von Stand herausspringen und den Denkzettel hinauftragen. Eine nicht unvernünftige Sitte solcher Städte, die zu leben wissen! – Aber die Gebrüder Siebenkäs und Leibgeber gingen doch nach allem Anschein in den reichsstädtischen und reichsdorfschaftlichen Fussstapfen der vernünftigsten Gebräuche mehr nur aus satirischer Bosheit einher und machten schöne bürgerliche Sitten zwar richtig nach, aber sehr zum Spasse; jeder war zugleich sein eigner spielender Kasperl und seine Frontloge. – Es wäre beleidigend, vom Marktflecken Kuhschnappel zu glauben, dass er in Siebenkäsens Diensteifrigkeit, in allen Prozessionen dieses kleinen staates in Kirchen hinein und hinaus und auf den Römer und auf die Schützenwiese mitzuschreiten, das Vergnügen ganz übersehen hätte, womit er durch seinen unausgesuchten Anzug und narrenhaften Aufschritt eine denkende und ausstaffierte Wesenkette mehr zu entstellen und zu verhunzen als wirklich zu verzieren dachte, und selber den wahren Eifer, womit er zu einem Ehren- und Schiessmitglied in die kuhschnappelsche Schützengesellschaft eingeschrieben zu werden gestrebt, wollte man weniger seiner Abkunft von einem Jäger als seiner Spasssucht zuschreiben. – Was Leibgeber in solchen Sachen anlangt, so ist er ohnehin des Teufels lebendig, weil er reisefertig und jünger ist.
Am Sonnabend fuhren beide denn im Marktflecken vor – war irgendwo etwas vom Grandat des Fleckens wohnhaft, da hielt man still, gab den Passagierzettel ab, fuhr weiter und verstiess gegen nichts. Viele Herren und Damen schossen zwar Böcke und vermengten den Zettelträger mit dem unten sitzenden jungen Ehemann; – aber der Zettelträger verblieb ernstaft und wusste, der Spass habe seine Zeit. Die zuweilen radierten Blätter wurden nach dem Adresskalender abgereicht, erst an die regierenden Geschlechter, sowohl im Hohen als Kleinen Rate – an die 70 Herren des Grossen und an die 13 des Kleinen Rats – folglich bekam (denn daraus besteht der Kleine) der Schulteiss, der Seckelmeister (d.h. Finanzpräsident), die 2 Venner (d.h. Finanzräte), der Heimlicher (sozusagen der Volktribun) und die restierenden 8 Raterren jeder sein Blatt – bis der Wagen herabfuhr und die kleinern Staatbedienten in den verschiedenen Kammern und Kommissionen mit ihren Karten versorgte, als da sind die Holz-, die Jäger-, die Reformationkammer, welche letzte dem Luxus begegnet, und die Fleischtaxe-Kommission, die ein einziger Metzgermeister, aber ein guter alter Mann, verwaltet. – –
Ich muss besorgen, ich habe mir selber ein oder ein Paar Beine untergestellt, da ich der gelehrten und statistischen Welt von der reichsstädtischen Verfassung des Reichsmarktfleckens Kuhschnappel, der eigentlich eine kleine Reichsstadt ist und eine grosse war, nichts vormappieret habe, keinen Conspectus, keinen Grundriss, gar nichts. Gleichwohl kann ich hier mitten im Schusse des Kapitels unmöglich einhalten, sondern ich muss warten, bis wir alle unten am Ende stehen, wo ich die statistische Krambude bequemer aufschlage. –
– Das Rad der Fortuna fing bald an zu knarren und Kot auszuspritzen; denn als Leibgeber den AchtelsAushängebogen von Siebenkäsens Ehestand ins Haus des Heimlichers v. Blaise, des Vormunds, trug, empfing eine lange, hagere, in Kattun-Wimpeln eingewindelte Störstange von Frau, die Heimlicherin, ihn zwar mit Wärme, aber mit derjenigen, womit man gewöhnlich Menschen prügelt, und welche auch die bedenklichen Worte aussprach: "Mein Mann ist Heimlicher in der Stadt, und er ist auch ganz und gar nicht zu haus. – Bei ihm ist nichts zu siebenkäsen, er ist der Tutor und dabei der Vormund von den allernobelsten Patriziern. – Man kann sich sogleich wieder fortscheren; denn bei ihm kommt man an den unrechten Mann." – "Letztes sollt' ich selber glauben", versetzte Leibgeber.
Der Mündel Siebenkäs suchte jetzt seinen Briefoder Blattträger etwas mit der Frau durch die Bemerkung auszusöhnen, dass sie wie alle gute Hunde den Fremden erst anbelle, eh' sie ihm apportiere; und als der ängstlichere Freund ihn befragte: er werde doch allen giftigen Exzeptionen, die der Vormund aus dem Umtausche des Namens gegen die Auszahlung seiner Gelder saugen könnte, juristisch vorgelogen haben, so gab er ihm den Trost, er habe schon, eh' er sich als Siebenkäs niedergelassen, sich die Meinung und den Beifall seines Vormunds schriftlich geben lassen; und zu haus soll' er es sehen.
– Aber zu haus war der Brief von Blaise nirgends zu finden – in keinem Koffer – in keinen akademischen Heften – nicht einmal unter den leeren Papieren – er blieb weg. "Bin ich doch ein Narr!" sagte der Mündel, "brauch' ich ihn denn?" –
"Komm lieber (sagte plötzlich in einem tiefern Tone sein Freund, der bisher die Sonnabendzeitungen überblättert hatte, und steckte sie ein) und mach' einen Sprung ins Feld." – Draussen gab er ihm verlegen das Intelligenzblatt von Schaffhausen – den Schwäbischen Merkur – die Stuttgarter Zeitung – und den Erlanger und sagte: "Da sieh deinen tutelarischen Halunken!" –
In allen diesen Blättern standen die Parallelstellen: "Nachdem Hoseas Heinrich Leibgeber, jetzt in seinem 29. Jahre stehend, anno 1774 sich auf die Akademie Leipzig begeben, seit diesem Zeitraum aber nicht das geringste von sich hören lassen: also wird auf Ansuchen seines Vetters, des Hrn. Heimlichers v. Blaise, ihm das unter seiner vormundschaftlichen Verwaltung stehende Vermögen, bestehend in 1200 fl. rhnl., da die Verschollzeit verloffen, auszuantworten und zu übergeben, besagter