zu, worin er zog, und spiegelte bloss Himmel und Blüten ab. – Klotilde sagte jetzt, als ich weghörte, nicht zu uns, sondern zu Ihrer Luna – ich bin jetzt, lieber Kato, erinnerungtrunken, und ich lade Sie hiemit sogleich ein auf den loten April-: "Ach wie schön ist die Erde zuweilen, Teuerste ich glaube, wir sollten sie weniger herabsetzen – sind wir nicht wie Orest in der Iphigenie und glauben in der Verbannung zu sein, indes wir schon im vaterland sind?"
Jeder Tritt vom Berge herab senkte uns wieder in die gewöhnliche Sumpfwiese des Lebens ein. "Was hilft uns", sagte Melchior ordentlich unmutig, "alle diese Pracht in und ausser uns, wenn morgen eine einzige leidenschaftliche Erschütterung eine Lauwine von Schneeklumpen auf alles Warme und Blühende in uns wirft. – Der April im Universum verdriesst mich nicht, aber der in der Menschen Brust – man ist am härtsten nach der Erweichung und bis zum Weinen zerschmolzen nach einer mörderischen Erschütterung, wie das Erdbeben warme Quellen gibt. – Morgen, das weiss ich, feind' ich und fahr' ich in der Sitzung wieder alles an. – Jämmerlich, jämmerlich! Und du, Flamin, bist gar nicht besser!" Dieser sagte rührend-aufrichtig: "jawohl!" – Luna und meine Frau nahmen die Professorin zwischen sich und jede eines ihrer Kinder auf den Schoss und setzten sich auf den untersten grünenden Wall des berges, auf die Sonnenseite der Nachtigall: wir waren zu lebhaft zum Sitzen.
"Ach", sagte Jean Paul und lief mit hinabhängenden gefalteten Händen auf und ab und schüttelte den Kopf und warf den Hut weg, um wenigstens die Augen höher und freier zu haben, "ach, wer ist denn anders? Den Schwur einer ewigen Menschenliebe tun wir in allen Stunden, wo wir weich sind oder jemand begraben haben oder recht glücklich waren oder einen grossen Fehler begangen oder die natur lange betrachtet haben oder im Rausche der Liebe oder in einem irdischern sind; aber anstatt menschenfreundlich werden wir bloss meineidig. Wir schmachten und dürsten nach fremder Liebe, aber sie gleicht dem Quecksilber, das sich zwar so anfühlt wie Quellwasser und so fliesst und so schimmert und das doch nichts ist als kalt, trocken und schwer. Gerade die Menschen, denen die natur die meisten Geschenke gemacht hat und die also andern keine abzufordern, sondern bloss zu erteilen hätten, begehren, gleich Fürsten, desto mehr vom Nebenmenschen, je mehr sie ihm zu geben haben und je weniger sie es tun. Gerade zwischen den ähnlichsten Seelen sind die Misshelligkeiten am peinlichsten, wie Misstöne desto härter kreischen, je näher sie dem Einklange sind. – Man vergibt ohne Ursache, weil man ohne Ursache zürnte; denn ein gerechter Zorn müsste ein ewiger sein. Nichts beweiset die elende Unterordnung unserer Vernunft unter unsere herrischen Triebe so auffallend, als dass wir unter den Heilmitteln gegen Hass, Kummer, Liebe u.s.w. die blosse platte Zeit aufstellen – die Triebe sollen vergessen oder ermüden, zu siegen – die Wunden sollen unter dem Markgrafen- oder sympatetischen Pulver des Flugsandes in der Sanduhr der Zeit versanden. – – Gar zu jämmerlich! – Was hilft aber alles und am Ende mein Klagen?"
"Die Sache ist" – antwortete der helle sanfte Professor, in dessen Kolorite nur einige pedantische Tuschen gebraucht sind –: "die Gefühle der Menschenliebe125 helfen nichts ohne Grundsätze." – "Und Grundsätze", sagte Paul, "nichts ohne Gefühle."
"Folglich" – fuhr der Professor fort; denn ich konnte mit meinem Pikeur nicht zum Schlagen kommen und hielt müssig mit ihm im Hintertreffen – "müssen beide so verbunden sein wie Genie und Kritik, wovon jenes allein nur Meister- und Schülerwerke, und diese allein nur Alltagwerke liefern kann. Mich dünkt, der Mangel an Liebe kommt nicht von unserer Kälte, sondern von der Überzeugung her, dass der andere keine verdiene; die kältesten Menschen würden die bessere Meinung von ihren Mitbrüdern und die grössere Wärme gegen sie zugleich bekommen."
"Muss man denn aber nicht, Hr. Professor", sagte Klotilde, "eben das Unrecht dem Feind vergeben? Das Recht soll man ja nicht vergeben?"
"natürlich nicht" – antwortete er, aber weiter wollt' er sich nicht stören lassen. "eigentlich kann keine andere Hässlichkeit und Schädlichkeit ein Gegenstand unsers Hasses sein als die moralische."
"Ich könnte Sie hier sogleich", sagte Jean Paul, "mit grimmigen Tiergefechten und kriegenden Kinderstuben aufhalten; denn beide fühlen keine Immoralität des Feindes und hassen ihn doch; aber ich kann mich selber beantworten, wenigstens so so. Hasseten wir nicht blosse Immoralität: so müsste der hereinhangende Zweig, der uns entgegenschlüge, und der Mensch, der ihn abgeschnitten, um dasselbe damit gegen uns zu tun, uns auf gleiche Art erbittern. Die Entrüstung eines geschlagenen Kindes ist vom Abscheu des Selbsterhaltungtriebes, z.B. von dem Abscheu vor Scheidewasser oder vor Wunden, verschieden; es ist in ihm ein doppeltes, wesentlich verschiedenes Unbehagen vorhanden, das über die wirkung und das über die Ursache. – Wesen, die der Moralität fähig sind, unterscheiden sich von denen, die es nicht sind, nicht im Grade, sondern in der Art; folglich kann kein nichtmoralisches mit der Zeit oder stufenweise in ein moralisches übergehen. Wenn nun Kinder in irgendeinem Alter völlige nichtmoralische Wesen wären: so könnten sie in