halb vor Entzücken nicht sowohl über die Erlen-Familien am runden Ufer oder über die italienischen Pappeln, die trunken und zitternd in den umfangenden wiegenden Lüften lagen, noch über die grün-sonnigen Gänge, sondern zwar erstlich über alles dieses und über den Frühling-Himmel und über den Rhein, der ihm seinen zweiten Himmel über Amerika vormalte, und über die Ruhe und Wonne ihrer Seele, aber doch hauptsächlich über die Alpe mitten im Eilande.
Die Alpe wird bei gelegenheit in diesem Schreiben abgeschattet. Ich fragte Lunen sogleich, wo Sie wären; "auf der Frankfurter Messe", repartierte sie. war es denn wahr?
Eine ankommende Gesellschaft wird nicht wie die Bruchschlange von jeder Berührung des Zufalls in zehn zappelnde Stücke zerlegt; sogar die Weiber blieben bei uns, denen ich durch mein Anordnen des Abendessens alle gelegenheit zu häuslichen Verdiensten abschnitt. Die Barataria-Insel sollte heute zu einem gelehrten Waffenplatz und Kriegteater werden. Ich liebe das Disputieren; gelehrte Zänkereien sind einer Gesellschaft so erspriesslich als verliebte der Liebe oder als Schlägereien der MarionettenOper. – Gewisse Menschen sind gleich den Herrnhutern, die sonst den Beichtstuhl und das Beichtkind wechselnd machten und sich einander ihre Seelen malten, ihre eigne Steckbriefe und heften Anschlagzettel von ihrem inneren in dreier Herren Landen an – – und so bin ich: einen Fehler, den ich an mir finde oder ändere, nämlich einen deutschen Anzeiger davon, trag' ich sogleich durch die halbe Stadt, wie Damen den Zeugenrotul von einem fremden. Seit drei Wochen, mein lieber Kato, ist nun meine ganze Seele mit einem unverrückten Sonnenschein von Ruhe und Liebe überdeckt, den mir der sel. Oberpikeur, der ihn selber nicht hatte, ohne sein Wissen vermachte; und jetzt rast' ich nicht, bis ich diesen köstlichen Nachlass auf euch alle weiter vererbe.
Als Polizeileutenant der Insel konnte' ich also auch Polizeianstalten über die gespräche auf ihr treffen; und ich lenkte unsers auf den Pikeur. Die Wespen sumsten nun aus ihrem Neste; die erste Wespe war Ihr Hr. Bruder Melchior selber, der in den Geiz des Pikeurs seinen Stachel schoss und sagte: diese Leute, die ihre Beute im Sarge erst der Armut vererbten, glichen den Hechten, die im Fischkasten den verschluckten Raub sogleich von sich geben; sie sollten es aber lieber wie Judas Ischariot machen und noch vor ihrem Hängetag ihre Silberlinge in die Kirchen werfen. Der zweite Bruder war die zweite Wespe, Hr. Jean Paul, der sagte: "Bloss Geizhälse sterben nie lebensatt, noch unter den Händen des Todes suchen sie mit ihren etwas zu verdienen und kütten sich, wie die zerschnittene Napfmuschel, noch fürchterlich mit der blutigen Hälfte an die Erdscholle fest." – "Ach", sagt' ich, "jeder Mensch ist in irgend etwas ein ausgemachter Filz. Ich kann einen Menschen, der sich nur auf eigne Kasteiungen und Mortifikationen einschränkt, nicht mehr so bitter verfolgen, als ich sonst tat: was für ein ausserordentlicher Unterschied ist denn zwischen einem gelehrten antiken Wardein, der alle Freuden seines Lebens destilliert, abdampfet und anschiessen lässt in den Rost eines Münzkabinetts, und was für einer zwischen dem Filze, der die Exemplare seines Münzkabinetts wie Stimmen zugleich wiegt und zählt? Wahrlich ein geringerer als der unserer Urtel über beide." Nun wollt' ich geschickt auf den Pikeur überlenken; aber man bat mich allgemein, nach der Uhr zu sehen. Den Insulanern hatte' ich als Vice-Re beim Hafen alle Uhren wie Degen abgenommen, damit sie heute ohne Zeit, bloss in einer seligen Ewigkeit lebten; nur Paul behielt seine, weil es eine von den neuen Genfern war, deren Zeiger, immer auf 12 Uhr hinweisend, erst nach dem Druck einer Springfeder die rechte Stunde angibt. –
Es war schon 3 Uhr vorbei: in 38 Minuten hielt der Frühling, dieser Vor-Himmel der Erde, dieses zweite Paradies, seinen grossen Einzug über die mürben Ruinen des ersten; aus dem Himmel waren schon alle Wolken geräumt, Frühlinglüfte hingen kühlend um die im Blauen brennende Sonne; und drüben auf einem Weinhügel des Rheins schlug schon in einem zusammengeschlichteten Gebüsche von abgeschnittenen Kirschenzweigen ein vom Frühling vorausgeschickter Vorsänger, eine Nachtigall, und wir konnten in ihrem durchsichtigen Gitterwerk die Töne in ihrem Kehlengefieder zittern sehen.
Wir stiegen auf den künstlichen Gottardsberg, der sich mit Rasenbänken und ausgelaubten Nischen umgürtet und auf dessen Gipfel eine Eiche statt einer Krone steht. Oben sind statt eines zwingenden Rundes aus Rasen, das jedem seine Richtung vorschreibt, bloss einzelne Rasensitze. – Der Mensch, die Eintagfliege über einer Welle Zeit, braucht überall Uhren und Datumzeiger zu Abmarkungen am Ufer des Zeitenstroms; er muss, obgleich jeder Tag ein Geburtund Neujahrtag ist, doch einen eignen dazu münzen: es schlug in uns 38 Minuten – aus dem wellenschlagenden Blau herab schwamm ein weites Wehen nieder und wiegte, im Auseinanderwallen, die quellenden Reben und die matten Pfropfreiser und die weichen Holunderfühlfäden und die kräftige spitzige Wintersaat und warf die ziehenden Tauben höher. Die Sonne beschauete sich trunken über der Schweiz im glänzenden erhabnen Eisspiegel des Montblanc, indes sie unbewusst wie mit zwei Armen des Schicksals Tag und Nacht in Hälften zerstückte und jedem land und Auge so viel herunterwarf wie dem andern. – Wir sangen Goetes Lied auf den Frühling. – Die Sonne zog uns von dem Berge in die Höhe wie Tau, und die losfallende Erde rührte taumelnd an unsere Füsse, und die Lete des Lebens, der Wein, hüllte das dunkle Ufer