Er sah sie wegzittern. Sie sank, wie unter Lasten, auf eine lichte Rasenbank, sie heftete ihre Augen geblendet an den Mond, um welchen der blaue Himmel eine Nacht wurde, und die Erde ein Rauch; ihre arme lagen erstarrt in ihrem Schoss, bloss ein Schmerz, einem Lächeln ähnlich, zuckte um den Mund, und in dem Auge war keine Träne. Aber vor ihrem Freund lag jetzt das Leben wie ein aus- und ineinanderrinnendes Schattenreich, voll dumpfer, hereingesenkter Bergwerkgänge, voll Nebel wie Berggeister, und mit einer einzigen, aber so engen, so fernen, oben hereinleuchtenden Öffnung hinaus in den Himmel, in die freie Luft, in den Frühling, in den hellen Tag. Seine Freundin ruhte dort in dem weissen kristallenen Schimmer, wie ein Engel auf dem grab eines Säuglings Plötzlich ergriffen die hereinfallenden Töne Heinrichs, gleichsam das Glockenspiel eines Gewitterstürmers, die zwei betäubten Seelen wie vor einem Gewitter, und in den heissen Quellen der Melodie ging das hingerissene Herz auseinander.... Nun nickte Natalie mit dem haupt, als wenn sie eine Entschliessung bejahte; sie stand auf und trat wie eine Verklärte aus der grünen überblühten Gruft – und öffnete die arme und ging ihm entgegen. Eine Träne nach der andern floss über ihr errötendes Angesicht; aber ihr Herz war noch sprachlos – sie konnte, erliegend unter der grossen Welt in ihrer Seele, nicht weiter wanken, und er flog ihr entgegen – sie hielt, heisser weinend, ihn von sich, um erst zu sprechen – aber nach den Worten: "erster und letzter Freund, zum ersten und letzten Male" musste sie atemlos verstummen, und sie sank, von Schmerzen schwer, in seine arme, an seinen Mund, an seine Brust. "Nein, nein", stammelte sie, "o Gott, gib mir nur die Sprache – Firmian, mein Firmian, nimm hin, nimm hin meine Freude, alle meine Erdenfreuden, was ich nur habe. Aber niemals, bei Gott, nie sieh mich mehr wieder auf der Erde; aber (sagte sie leise) das beschwöre mir jetzt!" – Sie riss ihr Haupt zurück, und die Töne gingen wie redende Schmerzen zwischen ihnen hin und her, und sie starrete ihn an, und das bleiche, zerknirschte Angesicht ihres Freundes zerrüttete ihr wundes Herz, und sie wiederholte die Bitte mit brechendem Auge: "Schwöre nur!" – Er stammelte: "Du edle herrliche Seele, ja ich schwöre dirs, ich will dich nicht mehr sehen." – Sie sank stumm und starr, wie vom tod berührt, auf sein Herz mit gebücktem haupt nieder, und er sagte noch einmal wie sterbend: "Ich will dich nicht mehr sehen." Dann hob sie leuchtend wie ein Engel das erschöpfte Angesicht auf zu ihm und sagte: "Nun ist es vorbei! – nimm dir noch den Todes-Kuss und sage nichts mehr zu mir." Er nahm ihn, und sie entwand sich sanft; aber im Umwenden reichte sie ihm rückwärts noch die grüne Rosenknospe mit weichen Dornen und sagte: "denke an heute." – Sie ging entschlossen, obwohl zitternd, fort und verlor sich bald in den dunkelgrünen, von wenigen Strahlen durchschnittenen Gängen, ohne sich mehr umzuwenden.
– Und das Ende dieser Nacht wird sich jede Seele, die geliebt, ohne meine Worte malen.
Erstes Fruchtstück
Brief des Doktor Viktor an Kato den Ältern über die
Verwandlung des Ich ins Du, Er, Ihr und Sie – oder
das fest der Sanftmut am 20ten März
Flachsenfingen, den 1ten April 1795
Mein lieber Kato der Ältere!
Einen Wortbrüchigen wie Sie, der so heilig zu meinem Feste zu reisen versprach und doch nicht kam, muss man nicht wie die Wilden andere Fälscher ihres eignen Wortes damit strafen, dass man ihm die Lippen vernäht – dabei verlöre nur der Zuhörer –, sondern dass man sie ihm wässerig macht. Wenn ich Ihnen unser Friedenfest der Seele recht treu und reich werde geschildert haben: so will ich mir vor dem Fluche die Ohren zuhalten, den Sie über Ihren schlimmen Genius ausstossen. Wir philosophierten alle am Feste, und alle bekehrten sich, mich ausgenommen, der ich zu keinem Neubekehrten taugte, weil ich der Heidenbekehrer selber war.
Unsere Flotille von drei Kähnen – der Furchtsamkeit der Damen wegen mussten wir den dritten nehmen – lief den 20ten März nachmittags um 1 Uhr aus, stach in den Fluss, gewann die hohe See, und nach 1 Uhr konnten wir schon die Staubfäden und Spinnengewebe der Insel deutlich erkennen. Um 1/4 auf 2 Uhr stiegen wirklich ans Land der Professor – dessen Eheliebste nebst einer Kleinen und einem Kleinen – Melchior Jean Paul – der Regierungrat Flamin – die schöne Luna (hier tun Sie Ihren ersten Fluch) – der EndesUnterschriebene und die Frau desselben.
Es wurde einiger Burgunder ausgeschifft; in den Frühlinganfang, der heute um 3 Uhr 38 Minuten bevorstand, wollten wir auf einem Strome der Zeit hineinfahren, den wir ansehnlich gefärbt und versüsset hatten. Über die Insel, Kato, waren viele ausser sich und wünschten meistens, sie hätten dieses holde bowlinggreen des Rheins, dieses Lustlager in den Wogen nur eher betreten. Luna, älterer Kato (irr' ich nicht, so haben Sie diese weiche Seele, die statt eines Körpers eine weisse Rose bewohnen und röten sollte, schon einmal gesehen), Luna weinte halb vor Entzücken (denn halb wirds Trauer über jeden Abwesenden gewesen sein),