. Ich aber noch mehr; denn ich bin noch froher. O! die Freude sieht am liebsten bei ihrem Gastmahl den Tod; denn er selber ist eine und das letzte Entzücken der Erde. Nur das Volk kann den himmelhohen Zug der Menschen in das ferne Land der Frühlinge mit den Larven- und Leichenerscheinungen unten auf der Erde verwechseln, ganz so wie es das Rufen der Eulen, wenn sie in wärmere Länder ziehen, für Gespenster-Toben hält. – Und doch, gute, gute Natalie! kann ich bei Ihnen nicht denken und ertragen, was Sie genannt. – Nein, eine so reiche Seele muss schon in einem frühern Frühling ganz aufblühen als in dem hinter dem Leben; o Gott, sie muss!" – Beide kamen eben an einer vom breiten Wasserfalle des Mondlichts überkleideten Felsenwand herunter, an die sich ein Rosen-Gegitter andrückte. – Natalie brach einen grün- und weichdornigen Zweig mit zwei anfangenden Rosenknöspchen und sagte: "ihr brecht niemals auf", steckte sie an ihr Herz, sah ihn sonderbar an und sagte: "Ganz jung stechen sie noch wenig."
Unten an der hl. Stätte ihrer ersten Erscheinung, am steinernen Wasserbecken, suchten beide noch Worte für ihr Herz: da stieg jemand aus dem trocknen Bekken heraus. Niemand konnte anders lächeln als gerührt, da es ihr Leibgeber war, der hier versteckt mit einer Weinflasche neben abgebildeten Wassergöttern gelauert hatte, bis sie kamen. Es war in seinem verstörten Auge etwas gewesen, das für diese Frühlingnacht aus solchem, wie eine Libation unseres Freudenkelches, gefallen war. "Dieser Platz und Hafen euerer ersten Landung hier", sagt' er, "muss sehr verständig eingeweihet werden. Auch Sie müssen anstossen. – Beim Himmel! von seinem blauen Gewölbe hanget heute mehr Kostbares herunter, dass mans ergreifen kann, als von irgendeinem Grünen." Sie nahmen drei Gläser und stiessen an und sagten (mehre unter ihnen, glaube' ich, mit erstickter stimme): "Es lebe die Freundschaft! – – es grüne der Ort, wo sie anfing! es blühe jede Stelle, wo sie wuchs – und wenn alles abblüht und alles abfällt, so dauere sie doch noch fort!" Natalie musste die Augen abwenden. Heinrich legte die Hand auf seinen achatenen Stockknopf; aber bloss (weil die seines Freundes, der ihn noch hatte, schon vorher darauf lag), bloss um diese recht herzlich und ungestüm zu drücken, und sagte: "Gib her; du sollst heute gar keine Wolken in der Hand haben." Auf dem Achat hatte nämlich die unterirdische natur Wolkenstreifen eingeätzt. Diese verschämte Hülle über den heissen Zeichen der Freundschaft würde jedes Herz, nicht bloss Nataliens weiches, mit gerührter Wonne umgekehret haben. "Sie bleiben nicht bei uns?" sagte sie schwach, als er fort wollte. "Ich gehe hinauf zum Wirte", sagt' er, "und wenn ich droben eine Querpfeife oder ein Waldhorn ausfinde: so stell' ich mich heraus und musiziere über das Tal herein und blase den Frühling an." –
Als er verschwand, war seinem Freund, als verschwände seine Jugendzeit. Auf einmal sah er hoch über den taumelnden Maikäfern und verwehten Nachtschmetterlingen und ihren pfeilschnellen Jägern, den Fledermäusen, im Himmel ein breites, einem zerstückten Wölkchen ähnliches Gefolge von Zugvögeln durch das Blaue schweben, die zu unserem Frühling wiederkamen. Hier stürzten sich alle Erinnerungen an seine stube im Marktflecken, an sein Abendblatt und an die Stunde, wo er es unter einer ähnlichen Wiederkunft früherer Zugvögel mit dem Glauben geschlossen hatte, sein Leben bald zu schliessen, diese Erinnerungen stürzten mit allen ihren Tränen an sein geöffnetes Herz – und brachten ihm den Glauben seines Todes wieder – und diesen wollt' er seiner Freundin geben. Die breite Nacht lag vor ihm, wie eine grosse Leiche auf der Welt; aber vor dem Wehen aus Morgen zuckten ihre Schattenglieder unter den beschienenen Zweigen – und vor der Sonne richtet sie sich auf als ein verschlingender Nebel, als ein umgreifendes Gewölke, und die Menschen sagen: es ist der Tag. In Firmians Seele standen zwei überflorte Gedanken, wie Schreck-Larven, und stritten miteinander; der eine sagte: er stirbt am Schlage, und er sieht sie ohnehin nicht mehr – und der andere sagte: er stellet sich gestorben, und dann darf er sie nicht mehr sehen. – Er ergriff, von Vergangenheit und Gegenwart erdrückt, Nataliens Hand und sagte: "Sie dürfen mir heute die höchste Rührung vergeben – ich sehe Sie nie mehr wieder, Sie waren die edelste Ihres Geschlechts, die ich gefunden, aber wir begegnen uns nie mehr – Bald müssen Sie hören, dass ich gestorben bin oder mein Name verschwunden ist, auf welche Art es auch sei; aber mein Herz bleibt noch für Sie, für dich.... O dass ich doch die Gegenwart mit ihrer Gebirgkette von Totenhügeln hinter mir hätte und – die Zukunft jetzt vor mir mit allen ihren offnen Grabhöhlen, und dass ich heute so an der letzten Höhle stände und dich noch ansähe und dann selig hinunterstürzte."
Natalie antwortete nichts. Auf einmal stockte ihr gang, ihr Arm zuckte, ihr Atem quälte sich, sie hielt an und sagte mit zitternder stimme und mit einem ganz bleichen Angesicht: "Bleiben Sie auf dieser Stelle – lassen Sie mich nur eine Minute lang auf die Rasenbank dort allein sitzen – ach! ich bin so hastig!" –