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dass sein lieber Firmian endlich einmal einen höchsten Glück- und Pol- und Ruhstern am Himmel über sich bekommen, welcher ihm nun die Blütezeit seiner so dünngesäeten Blumen lind erwärme und bestrahle.

Durch seinen eiligen Doppel-Genuss gewann er der Sonne den Vorsprung ab und kam wieder vor das sonnenrote Schloss, dessen Fenster der prächtige Abend in Feuer vergoldete. Natalie stand aussen auf dem Balkon wie eine überglänzte Seele, die der Sonne nachfliegen will, und hing mit ihren grossen Augen an der leuchtenden, erschütterten Welt-Rotunda voll Kirchengesang und an der Sonne, die wie ein Engel aus diesem Tempel niederflog, und am erleuchteten heiligen grab der Nacht, in das die Erde sinken wollte. –

Noch unter dem Gitter des Balkons, auf den ihn Natalie winkte, gab ihm Heinrich seinen Stock: "Heb ihn aufich habe andere Sachen zu tragenwillst du mich haben, so pfeif!" – Der gute Heinrich trug physisch und moralisch hinter einer zottigen Bären-Brust das schönste Menschen-Herz. Glücklicher Firmian, ungeachtet deiner Bedrängnisse! Wenn du jetzt durch die Glastüre auf den eisernen Fussboden hinaustrittst: so sieht dich die Sonne an und sinkt noch einmal, und die Erde deckt ihr grosses Auge, wie das einer sterbenden Göttin, zu! – Dann rauchen die Berge um dich wie Altäreaus den Wäldern rufen die Chöredie Schleier des Tages, die Schatten, flattern um die entzündeten, durchsichtigen Gipfel auf und liegen über den bunten Schmucknadeln aus Blumen, und das Glanzgold der Abendröte wirft ein Mattgold nach Osten und fället mit Rosenfarben an die schwebende Brust der erschütterten Lerche, der erhöhten Abendglocke der natur! – Glücklicher Mensch! wenn ein herrlicher Geist von weitem über die Erde und ihren Frühling fliegt, und wenn unter ihm sich tausend schöne Abende in einen brennenden zusammenziehen: so ist er nur elysisch wie der, der um dich verglimmt.

Als die Flammen der Fenster verfalbten, und der Mond noch schwer hinter der Erde emporstieg: gingen beide stumm und voll ins helldunkle Zimmer hinab. Firmian öffnete das Fortepiano und wiederholte auf den Tönen seinen Abend, die zitternden saiten wurden die feurigen Zungen seiner gedrängten Brust; die Blumenasche seiner Jugend wurde aufgeweht, und unter ihr grünten wieder einige junge Minuten nach. Aber da die Töne Nataliens gehaltenes geschwollenes Herz, dessen Stiche nur verquollen, nicht genesen waren, mit warmem Lebenbalsam überflossen: so ging es sanft und wie zerteilet auseinander, und alle seine schweren Tränen, die darin geglühet hatten, flossen daraus ohne Mass, und es wurde schwach, aber leicht. Firmian, der es sah, dass sie noch einmal durch das Opfertor ins Opfermesser gehe, endigte die Opfermusik und suchte sie von diesem Altar wegzuführen. – Da lag der Mond plötzlich mit seinem ersten Streif, wie mit einem Schwanenflügel, auf der wächsernen Traube. Er bat sie, in den stillen, nebligen Nachsommer des Tages, in den Mondabend, hinauszugehen: sie gab ihm den Arm, ohne ja zu sagen.

Welche flimmernde Welt! Durch Zweige und durch Quellen und über Berge und über Wälder flossen blitzend die zerschmolzenen Silberadern, die der Mond aus den Nachtschlacken ausgeschieden hatte, sein Silberblick flog über die zersprungene Woge und über das rege, glatte Apfelblatt und legte sich fest um weisse Marmorsäulen an und um gleissende Birkenstämme! Sie standen still, eh' sie in das magische Tal wie in eine mit Nacht und Licht spielende Zauberhöhle stiegen, worin alle Lebenquellen, die am Tage Düfte und Stimmen und Lieder und durchsichtige Flügel und gefiederte emporgeworfen hatten, zusammengefallen einen tiefen, stillen Golf anfüllten; sie schaueten nach dem Sophienberg, dessen Gipfel die Last der Zeit breit drückte, und auf dem, statt der Alpenspitze, der Koloss eines Nebels aufstand; sie blickten über die blassgrüne, unter den fernern, stillern Sonnen schlummernde Welt und an den Silberstaub der Sterne, der vor dem heraufrollenden Mond weit weg in ferne Tiefen versprangund dann sahen sie sich voll frommer Freundschaft an, wie nur zwei unschuldige, frohe, erstgeschaffene Engel es vor Freude können, und Firmian sagte: "Sind Sie so glücklich wie ich?" – Sie antwortete, indem sie unwillkürlich nicht seine Hand, sondern seinen Arm drückte: "Nein, das bin ich nichtdenn auf eine solche Nacht müsste kein Tag kommen, sondern etwas viel Schöneres, etwas viel Reicheres, was das durstige Herz befriedigt und das blutende verschliesst." – "Und was ist das?" fragt' er. "Der Tod!" sagte sie leise. Sie hob ihre strömenden Augen auf zu ihm und wiederholte: "Edler Freund, nicht wahr, für mich der Tod?" – "Nein", sagte Firmian, "höchstens für mich." Sie setzte schnell dazu, um den zerstörenden Augenblick zu unterbrechen: "Wollen wir hinunter an die Stelle, wo wir uns zum erstenmale sahen, und wo ich zwei Tage zu früh schon Ihre Freundin war und es war doch nicht zu frühwollen wir?"

Er gehorchte ihr; aber seine Seele schwamm noch im vorigen Gedanken, und indem sie einem langen, gesenkten Kiesweg nachsanken, den die Schatten des Laubenganges betropften, und über dessen weisses, nur von Schatten wie Steinen geflecktes Bette das Licht des Mondes hinüberrieselte, so sagt' er: "Ja, in dieser Stunde, wo der Tod und der Himmel ihre Brüder schicken124, da darf schon eine Seele wie Ihre an das Sterben denken