, als dass seine Scheu mit der Zeit abnahm, und dass er sich zuletzt, wenn sie gerade sich nicht umsah, kein Bedenken machte, die Bandschleife ihres Kopfes dreist zwischen die Finger zu nehmen, ohne dass sie es merkte. Kleine Vorschulen zu diesem Wagstück mochten es sein, dass er vorher die besten Dinge, die oft durch ihre hände gegangen waren, in seine zu fassen versuchte; sogar die englische Schere, ein abgeschraubtes Nähkissen und einen Bleistift-Halter.
Auf dasselbe wollt' er sich auch bei einer wächsernen Weintraube einlassen, von der er glaubte, sie bestehe, wie eine auf Butterbüchsen, aus Stein. Er fasste sie daher in seine Faust wie in eine Kelter auf und pletschte zwei oder drei Beeren entzwei. Er reichte Bittschriften und Gnadenmittel und Indulgenzen ein, als ob er den Porzellan-Turm in Nanking hätte fallen und zerspringen lassen. Sie sagte lächelnd: "Es ist nichts verloren. Unter den Freuden gibts solcher Beeren noch genug, die eine schöne reife Hülle haben und ohne allen berauschenden Most sind und ebenso leicht entzwei gehen."
Er fürchtete sich, dass dieser erhabne vielfarbige Regenbogen seiner Freude zusammenbreche in einen Abendtau und heruntersinke mit der Sonne draussen; und er erschrak, da er Leibgebern auf dem blühenden Rasen nicht mehr lesen sah. Die Erde draussen verklärte sich zu einem Sonnenlande – jeder Baum war eine festere, reichere Freudenblume – das Tal schien wie ein zusammengerücktes Weltgebäude zu klingen von der tiefen brausenden Sphärenmusik. Gleichwohl hatte' er nicht den Mut, dieser Venus zu einem Durchgang durch die Sonne, d.h. durch die übersonnte Fantaisie den Arm zu reichen; das Schicksal des Venners und die Nachlese umherirrender Garten-Gäste machte ihn blöde und stumm.
Plötzlich klopfte Heinrich mit seinem achatenen Stockknopf ans Fenster und schrie: "'nüber zum Essen! Der Stockknopf ist die Wiener Laterne123. Wir kommen doch heute vor Mitternacht nicht heim." (Er hatte nämlich in dem Gastöfchen daneben für sich und ihn ein Abendessen sieden lassen.) – Auf einmal rief er nach: "Da fragt eben ein schönes Kind nach dir!" – Siebenkäs eilte heraus, und dasselbe liebliche kleine Mädchen, dem er nach dem grossen Festabende in der Eremitage auf dem begeisterten Flügellaufe durch das Dorf Johannis seine Blumen in die hände gedrückt, stand mit einem Kränzchen da und fragte: "Wo ist denn Seine Frau, die mich vorgestern aus dem wasser herausgezogen? ich soll ihr ein paar schöne Blumen verehren von meinem Herrn Paten; und nächstens kommt meine Mutter bald und bedankt sich recht schön; sie liegt aber noch im Bette, denn sie ist gar zu krank." –
Natalie, die es oben gehört, kam herunter und sagte errötend: "Liebe Kleine, war ichs denn nicht? – Gib mir nur dein Sträusschen her." – Die Kleine küsste, sie erkennend, ihr die Hand, dann ihren Rocksaum und endlich den Mund; und wollte die Kussrunde wieder anfangen, als Natalie den Strauss aufblätterte und unter seinen lebendigen Vergissmeinnicht und weissen und roten Rosen auch drei seidne Nachbilder derselben antraf. Auf Nataliens Frage der Befremdung, woher sie die teuere Blumen habe, antwortete die Kleine: "wenn Sie mir aber vorher ein paar Kreuzer schenkt"; und setzte, da sie solche bekommen, hinzu: "von meinem Hrn. Paten, der ist gar sehr vornehm", und lief die Gesträuche hinunter.
Allen war der Strauss ein wahres türkisches Selamoder Blumenrätsel. Des Kindes schnelle Trauung Nataliens mit Siebenkäs erklärte Leibgeber an sich leicht aus dem Umstande, dass der Advokat auf dem Wasserbecken-Ufer neben ihr gestanden und ihr die helfende Hand gereicht, und dass die Leute aus Irrtum über die körperliche Ähnlichkeit dafür gehalten, anstatt Leibgeber sei niemand mit ihr so oft bisher spazieren gegangen als der Advokat.
Allein Siebenkäs dachte mehr an den Maschinenmeister Rosa, der die Flickszene seines Lebens gern in jedes weibliche Spiel einflickte, und die Ähnlichkeit der welschen Blumen mit denen, die der Venner einmal in Kuhschnappel für Lenetten ausgelöset, war ihm auffallend; aber wie hätt' er die frohe Zeit und selber die Freude über die Votiv-Blumen des geretteten Kindes mit seinem Erraten trüben können? – Natalie bestand freundlich auf Teilung der Blumen-Erbschaft, da jedes etwas getan und sie beide wenigstens die Retterin gerettet. Sich behielt sie die weisse Seiden-Rose vor; Leibgebern trug sie die rote an – der sie aber ausschlug und dafür eine vernünftige natürliche verlangte und solche sofort in den Mund steckte – und dem Advokaten reichte sie das seidne Vergissmeinnicht und noch ein paar lebendige duftende dazu, gleichsam als Seelen der Kunstblumen. Er empfing sie mit Seligkeit und sagte, die weichen lebendigen würden nie für ihn verwelken. Darauf nahm Natalie nur einen kurzen Zwischen-Abschied von beiden; aber Firmian konnte seinem Freunde nicht genug danken für alle seine Anstalten zum Verlängern einer Gnadenzeit, die mit einem neuen Himmel und einer neuen Erde sein altes abgelebtes Leben einfasste.
Kein König in Spanien kann, obgleich die Reichsgesetze für ihn Schüsseln füllen und auftragen, so wenig aus nicht mehr als sechsen nehmen, als Firmian aus einer genoss. Trinken aber mocht' er – wie uns glaubwürdige Geschichtschreiber melden etwas, und Wein ohnehin, und in der Eile dazu; denn für Leibgeber konnte' er überhaupt heute nicht selig genug sein, weil eben letzter, an und für sich sonst nicht leicht von Herzen und Gefühlen ergriffen, eine desto unaussprechlichere Freude darüber empfand,