: "Ich weiss nur nicht recht, was Ihr Herr Onkel in Kuhschnappel dazu sagen wird; er scheint mir auf meine Gesinnungen gegen Sie einen viel grösseren Wert zu legen als Sie hier; ja er hält unser Verhältnis für Ihr Glück so notwendig als ich für meines."
Diese Bürde fiel zu hart auf einen vom Schicksal ohnehin tief zerritzten rücken. Natalie schloss eilig das Kästchen zu und setzte sich und stützte ihr taumelndes Haupt auf den bebenden Arm und vergoss glühende Tränen, die die Hand umsonst bedeckte. Denn der Vorwurf der Armut fähret aus einem sonst geliebten mund wie glühendes Eisen ins Herz und trocknet es mit Flammen aus. Rosa, dessen gelöschte Rachsucht der durstigen Liebe wich, und der in selbsüchtiger Rührung hoffte, sie sei auch in einer über ein zertrenntes Band, dieser warf sich vor sie auf die Knie und sagte: "Es sei alles vergessen! Worüber entzweien wir uns denn? Ihre köstlichen Tränen löschen alles aus, und ich mische die meinigen reichlich darein."
"Oh!" sagte sie sehr stolz und stand auf und liess ihn knien, "ich weine über gar nichts, was Sie angeht. Ich bin arm, aber ich bleibe arm. Mein Herr, nach dem niedrigen Vorwurfe, den Sie mir gemacht haben, können Sie unmöglich dableiben und mich weinen sehen, sondern Sie müssen fortgehen." –
Er zog demnach ab, und zwar – wenn man als billiger Mann seine Rückfracht von Körben aller Art und von Maulkörben dazu nachwiegt – wirklich aufgerichtet und aufgeweckt genug. Besonders sticht seine Heiterkeit (wenn ich ihn loben soll) dadurch hervor, dass er sie an einem Nachmittage behalten und mit heimgenommen, wo er mit zwei seiner feinsten und längsten Hebel nicht das Kleinste in Nataliens Herz und Herzohren zu bewegen vermocht. Der eine Hebel war der alte, bei Lenetten angesetzte, in den Spiralund Schneckenlinien kleiner Annäherungen und Gefälligkeiten und Anspielungen sich wie ein Korkzieher einzuschrauben; aber Natalie war nicht weich und locker genug für ein solches Eindringen. Von dem andern Hebel hätte man etwas erwarten sollen – der aber noch weniger angegriffen und hatte solcher darin bestanden, dass er wie ein alter Krieger seine Narben aufdeckte, um sie zu Wunden zu verjüngen; er entblösste nämlich sein leidendes, von so mancher Fehlliebe verwundetes und durchbohrtes Herz, das wie ein durchlöcherter Taler als Votivgeld an mancher Heiligen gehangen; seine Seele warf sich in allerlei Hoftrauer der Schmerzen, in ganze und halbe, hoffend, im Trauerschwarz wie eine Witib zauberischer zu glänzen. Aber die Freundin eines Leibgebers konnten nur männliche Schmerzen erweichen, weibische hingegen nur verhärten.
Indes liess er, wie schon angedeutet, die Braut Natalie zwar ohne alle Rührung über ihr Selberopfern, doch auch ohne sonderlichen Ingrimm über ihr Weigern sitzen – zum Henker fahre sie, dachte' er bloss, und er könne sich kaum selig genug preisen, dass er so leicht der unabsehlich-langen Verdrüsslichkeit entgangen, ein dergleichen Wesen jahraus jahrein ausstehen und verehren zu müssen in einer verdammt langen Ehe; – hingegen über alle massen entzündete sich seine Leber gegen Leibgeber und vollends gegen Siebenkäs – den er für den eigentlichen Ehescheider hielt –, und er setzte in der Gallenblase einige Steine an und in den Augen einiges Gallen-Gelb, alles in bezug auf den Advokaten, der ihm nicht genug zu hassen war.
Wir kehren zum Samstag zurück. Natalie verdankte ihre Heiterkeit und Kälte zwar ihrer Herzens-Stärke, doch auch etwas den beiden Pferden und beiden Kränzeljungfern oder Rosen-Mädchen, womit Rosa auf die Eremitage gefahren war. Die weibliche Eifersucht wird immer einige Tage älter als die weibliche Liebe; auch weiss ich keinen Vorzug, keine Schwäche, keine Sünde, keine Tugend, keine Weiblichkeit, keine Männlichkeit in einem Mädchen, die nicht dessen Eifersucht mehr entflammen als entkräften hälfe.
Nicht nur Siebenkäs, sogar Leibgeber war diesen Nachmittag, um gleichsam ihre nackte, von ihrem warmen Gefieder entblösste, frierende Seele mit seinem Atem zu erwärmen, ernstaft und warm, anstatt dass er sonst seine Prämien und Rügen in Ironien umkleidete. Vielleicht macht' ihn auch ihr schmeichelhafter Gehorsam zahmer. Firmian hatte ausser diesen Gründen noch die wärmern, dass morgen die Britin kam und diese Gartenlust verdarb oder verbot – dass er, mit den Stichwunden einer verlornen Liebe vertrauter, ein unendliches Mitleiden mit ihren hatte und gern den Verlust ihres Herzblutes mit dem seinigen erleichtert oder ersetzet hätte – und dass er, in nackten, unscheinbaren Zimmern aufgewachsen, für die glänzenden, vollen um ihn eine Empfindung hatte, die er natürlicherweise auf die Mietbewohnerin und Klausnerin derselben übertrug.
Gerade die Dienerin, die uns in dieser Woche schon einmal in die hände gelaufen ist, kam herein mit Augen voll Tränen und stammelte: sie gehe zum hl. Beichtstuhle, und wenn sie ihr etwas zuleide getan hätte etc. – "Mir?" sagte Natalie mit liebenden Augen. "Aber im Namen Ihrer herrschaft (der Britin) kann ich Ihr vergeben", und ging mit ihr hinaus und küsste sie, wie ein Genius, ungesehen. – Wie schön steht einer Seele, die sich vorher kraftvoll gegen den Unterdrücker aufrichtete, das Vergeben an und das Herabneigen und Niederbücken zu einem Bedrängten! –
Leibgeber nahm einen Band von "Tristram" aus der Bibliotek der Engländerin und legte sich damit hinaus unter den nächsten Baum; er wollte seinem Freunde das Anismarzipan und Honiggewirke eines solchen verplauderten Nachmittags, das für ihn schon Hausmannkost war, ungeteilt zuwenden. Auch hatte' ihn, wenn