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, und unter der Hülle war alles ohne Regung. – Übermorgen kommt meine geliebte Freundin. – Und morgen meine Freunde: ich hoffe. Und dann scheid' ich von euch allen.

N.A."

Dieser Sonnabend nimmt das ganze künftige Kapitel ein, und ich kann mir einen kleinen Begriff von des Lesers Begierde darnach machen aus meiner eignen; um so mehr, da ich das künftige Kapitel (wenn nicht geschrieben, doch) schon gelesen habe; er aber nicht.

Vierzehntes Kapitel

Verabschiedung eines LiebhabersFantaisiedas

Kind mit dem Straussedas Eden der Nacht und der

Engel am Tor des Paradieses

Weder das tiefere Himmelblau, das am Sonnabend so dunkel und einfärbig war als sonst im Winter oder in der Nachtnoch die Vorstellung, heute der trauernden Seele unter die Augen zu kommen, die er aus ihrem Paradiese von dem Sodoms-Apfel der Schlange (Rosa) weggetrieben hattenoch Kränklichkeitnoch Bilder seines häuslichen Lebens allein: sondern diese Halbtöne und Molltöne insgesamt setzten in unserem Firmian ein schmelzendes Maestoso zusammen, das zu seinem nachmittägigen Besuch seinen Blicken und Phantasien ebensoviel Weichheit mitgab, als er draussen in den weiblichen anzutreffen erwartete.

Er traf das Gegenteil an: in und um Natalien war

jene höhere, kalte, stille Heiterkeit, deren Gleichnis auf den höchsten Bergen ist, unter denen das Gewölke und der Sturm liegt, und um welche eine dünnere, kühlere Luft, aber auch ein dunkleres Blau und eine bleichere Sonne ruhen.

Ich tadl' es nicht, wenn ihr jetzt der Leser aufmerk

sam unter dem Bericht zuhören will, den sie von ihrem Bruch mit Everard erstatten muss; aber der Bericht könnte um einen preussischen Talerso klein ist ersterherumgeschrieben werden, wenn ich ihn nicht mit meinem vermehrte und ergänzte, den ich aus Rosas eigner Feder abziehe in meine. Der Venner hat nämlich fünf Jahre darauf einen sehr guten Romanwenn dem Lobe der Allgem. deutschen Bibliotek zu glauben istgeschrieben, worein er das ganze Schisma zwischen ihm und ihr, die Trennung von Leib und Seele, künstlich einmauerte: wenigstens will man es aus mehren Winken Nataliens schliessen. Das ist also meine Vauclusens Quelle. Ein geistiger Hämling wie Rosa kann nichts erzeugen, als was er erlebt, und seine poetischen Fötus sind nur seine Adoptiv-Kinder der Wirklichkeit.

Es ging kürzlich so: kaum waren Firmian und Heinrich das vorigemal unter die Bäume hinaus: so holte der Venner seine Rache nach und fragte Natalien empfindlich, wie sie solche bürgerliche oder verarmte Besuche erdulden könne. Natalie, schon durch die Eiligkeit und Kälte des entflohenen Paars ins Feuer gesetzt, liess dieses gegen den gelbseidenen Katecheten in Flammen schlagen. Sie versetzte: "eine solche Frage beleidigt fast" – und tat noch ihre hinzu (denn zum Verstellen oder Auskundschaften war sie zu warm und zu stolz): "Sie haben ja selber oft Herrn Siebenkäs besucht." – "eigentlich (sagte der Eitle) nur seine Frau; er war bloss Vorwand." – "So?" sagte sie, und dehnte die Silbe so lang aus wie ihren zornigen blick. Meiern, erstaunt über diese allem vorigen Briefwechsel widersprechende Behandlung, die er den Zwillingduzbrüdern aufrechnete, und dem jetzt seine körperliche Schönheit, sein Reichtum und ihre Dürftigkeit und Abhängigkeit von Blaise und sein Ehemanns-Näherrecht den grössten Mut einflösste, dieser kühne Leue machte sich aus dem nichts, was sich kein anderer erdreistet hätte, aus der erzürnten Aphrodite nämlich, um sie mit seinen Ernennungen zu Cicisbeaten und überhaupt mit seiner Perspektive in hundert für ihn offne Gynäzeen und Witwensitze zu demütigener sagte ihr, sag' ich, geradezu: "Es ist so leicht, falsche Göttinnen anzubeten und ihre Kirchentüren zu öffnen, dass ich froh bin, durch Ihre babylonische Gefangenschaft zur wahren weiblichen Gotteit auf immer zurückgeführet worden zu sein."

Ihr ganzes zerquetschtes Herz stöhnte: "Alles, ach alles ist wahrer ist nicht rechtschaffenund ich bin nun so unglücklich!" Aber sie schwieg äusserlich und ging erzürnt an den Fenstern herum. Ihr Geist, der auf der weiblichen Ritterbank sass, den es immer nach ungemeinen, heroischen, opfernden Taten gelüstete, und an dem eine Vorliebe zum gesuchten Grossen das einzige Kleinliche war, schlug jetzt, da der Venner auf einmal seine Prahlerei durch einen plötzlichen Übersprung in einen leichten scherzenden Ton vergüten wollte und ihr einen Spaziergang in den schönen Park als einen bessern Ort zum Versöhnen vorschlug122 ein Ton, der auch bei dem kleinen Kriege mit Mädchen mehr richtet und schlichtet als ein feierlicherihr edler Geist schlug nun seine reinen weissen Flügel auf und entfloh auf immer aus dem schmutzigen Herzen dieses gebognen, silberschuppigen Hechtes, und sie trat nahe an ihn und sagte ihm glühend, aber ohne einen nassen blick: "Hr. v. Meiern! nun ist es entschieden. Wir sind auf ewig getrennt. Wir haben uns nie gekannt, und ich kenne Sie nicht mehr. Morgen wechseln wir unsere Briefe aus." Er hätte sich im Besitze dieser starken Seele durch einen feierlichern Ton um mehre Tage, vielleicht Wochen behauptet.

Sie sperrte, ohne ihn weiter anzusehen, ein Kästchen auf und schlichtete Briefe zusammen. Er sagte 100 Dinge, um ihr zu schmeicheln und zu gefallen: sie antwortete nicht einmal. Sein Inneres geiferte, weil er alles den beiden Advokaten schuld gab. Endlich wollt' er die Taubstumme in seiner zornigsten Ungeduld zugleich demütigen und bekehren, indem er sagte