aber ohne Ohren und Augen; das Reden über den Vorfall schürte ihre Köpfe wie Ballonöfen voll, und Leibgeber blies aus FamasTrompete a posteriori mit lauter satirischen Injurien jede Baireuterin an, die er in den Lustgängen spazieren gehen sah. Er tat dar: Weiber wären die schlimmsten Fahrzeuge, in die ein Mann sich in die offne See des Lebens wagen könnte, und zwar Sklavenschiffe und Bucentauros (wenn nicht Weberschiffe, mit denen der Teufel seine Jagdtücher und Prellgarne abwebt), und das um so mehr, da sie eben wie andere Kriegschiffe häufig gewaschen, überall mit einem giftigen Kupfer-Anstrich gegen aussen versehen würden und eben solches überfirnisstes Tauwerk (Bänder) führten. Heinrich war mit der (höchst unwahrscheinlichen) Erwartung gekommen, dass Natalie seinen Freund als Augen- und Ohrenzeugen über Rosas kanonische Impedimente (kirchliche Ehehindernisse) protokollarisch vernehmen werde; – und dieses Misslingen nagte ihn so sehr.
Aber eben, als sich Firmian über des Venners lispelnde, ineinanderrieselnde, um die Zungenspitze kräuselnde Aussprache ohne Ausdruck aufhielt, so rief Heinrich: "Dort läuft ja die Drecklilie119!" Es war der Venner, gleichsam ein in seinem Verkaufnetz schnalzender Marktecht. Als der Specht – denn der Naturforscher nennt alles Geflügel mit buntem Gefieder Spechte – näher vor ihnen vorüberflog, sahen sie sein Gesicht von Erbosung glimmen. Wahrscheinlich war der Leim zwischen ihm und Natalien aufgegangen und abgelaufen. –
Die zwei Freunde verweilten noch ein wenig in den Schattengängen, um ihr zu begegnen. Endlich aber nahmen sie ihren Rückweg zur Stadt, auf dem sie einer Dienerin Nataliens nachkamen, die Leibgebern folgendes Schreiben nach Baireut zu überbringen hatte:
"Sie und Ihr Freund hatten leider recht – und nun ist alles vorbei. – Lassen Sie mich einige Zeit einsam auf den Ruinen meiner kleinen Zukunft ruhen und denken. Leute mit verwundeter zugenähter Lippe dürfen nicht reden; und mir blutet nicht der Mund, sondern das Herz, und dies über Ihr Geschlecht. Ach, ich erröte über alle die Briefe, die ich bisher leider mit Vergnügen und Irren geschrieben; und fast sollt' ich es kaum. Haben Sie doch selber gesagt, man müsse sich schuldloser Freuden so wenig schämen als schwarzer Beeren, wenn sie auch nach dem Genusse einen dunkeln Anstrich auf dem mund nachliessen. Aber ich dank' Ihnen in jedem Falle von Herzen. Da ich einmal entzaubert werden musste, so war es unendlich sanft, dass es nicht durch den bösen Zauberer selber geschehen, sondern durch Sie und durch Ihren so redlichen Freund, den Sie mir recht grüssen sollen von mir.
Ihre
A. Natalie"
Heinrich hatte gar auf eine Einladkarte aufgesehen, da (sagt' er) ihr ausgeleertes Herz eine kalte Lücke fühlen müsse, wie ein Finger, dem der Nagel zu scharf beschnitten worden. Aber Firmian, den die Ehe geschulet, und dem sie über die Weiber Barometerskalen und Zifferblätter gegeben hatte, war der klugen Meinung: eine Frau müsse in der Stunde, worin sie aus blossen moralischen Gründen einen Liebhaber verabschiedet habe, gegen den, der sie mit jenen dazu überredet hätte, und wär' es ihr zweiter, ein wenig zu kalt sein. Und aus demselben grund (das muss noch von mir dazu) wird sie gegen den zweiten sogleich nach der Kälte die Wärme übertreiben.
"arme Natalie! Mögen die Blüten und die Blumen der englische Taft-Verband für die Schnitte in deinem Herzen werden und der milde Äter des Frühlings die Milchkur für deine engatmende Brust!" wünschte Firmian unaufhörlich in seiner Seele und fühlte es so schmerzlich, dass eine Unschuldige so geprüft und gestraft werde wie eine Schuldige und dass sie die reinigende Luft ihres Lebens anstatt von gesunden Blumen sich von giftigen holen musste120.
Den Tag darauf machte Siebenkäs weiter nichts als einen Brief, worunter er sich Leibgeber unterzeichnete, und worin er dem Grafen von Vaduz berichtete, dass er krank sei und so graugelb aussehe wie ein Schweizerkäse. Heinrich hatte' ihm keine Ruhe gelassen: "Der Graf", sagt' er, "hat an mir einen blühenden und weissglühenden Inspektor gewohnt. So aber, wenn er es schriftlich hat, findet er sich ins Wirkliche und glaubt, du bist ich. – Zum Glück sind wir beide sonst Männer, die sich in keinem Mautamt aufzuknöpfen brauchen121, und die nichts unter der Weste führen als ihre Näbel."
Am Donnerstag stand Siebenkäs unter dem Tore des Gastofes und sah den Venner in einem Kurhabit mit einem belorbeerten Parade-Kopf und mit einem ganzen Bahrdtischen Weinberg auf dem Gesicht zwischen zwei Frauenzimmern nach der Eremitage fahren. Als er es hinauftrug ins Zimmer, fluchte und schwur Leibgeber: "Der Spitzbube ist keine wert, als die statt des Kopfes eine Schädelstätte und statt des Herzens eine gorge de Paris hat oder (die Richtung ist nur anders) einen cul de Paris." – Er wollte durchaus heute Natalien besuchen und benachrichtigen; aber Firmian zog ihn gewaltsam zurück.
Freitags schrieb sie selber so an Heinrich:
"Ich widerrufe kühn meinen Widerruf und bitte Sie und Ihren Freund, morgen, wo der Sonnabend die schöne Fantaisie entvölkert, diese eben deswegen lieber zu besuchen als den Sonntag darauf. Ich halte die natur und die Freundschaft in meinen Armen; und mehr fassen sie nicht. – Mir träumte die vorige Nacht, Sie sähen beide aus einem Sarge heraus, und ein weisser, über Sie flatternder Schmetterling würde immer breiter, bis seine Flügel so gross würden wie weisse Leichenschleier, und dann deckt' er Sie beide dicht zu