geben; zumal da er nicht anders konnte, indem der Vormund bis Sonnabends ausser Landes, d.h. aus der Stadt gefahren war. "Ich kann dir gar nicht sagen, alter Leibgeber", sagte Siebenkäs, "wie ich den jubel meiner Frau darüber schon voraus durchschmecke. Wahrlich ihr zu Gefallen möchte' ich ordentlich dreissigtausend Taler haben. Die Gute lebte bisher nur von Haube zu Haube; aber wie wird sie sich am Sonntage auf einmal als eine gemachte Frau begrüssen, wenn sie hundert HaushaltEntwürfe ausführen kann, die sie (merk' ich recht gut) schon im kopf herum trägt. – Und dann mit dem Silber, Alter, soll gleich nach der Vesperpredigt meine Silber-Hochzeit angehen – für eine guten halben Gulden Bier soll in allen Stuben verteilet werden. – Höre! warum soll die Taube oder der Spatz meines Hymens nicht so viel Bier auf die Leute spritzen, als der zweiköpfige Adler in Frankfurt Wein bei der Krönung ausspeiet?" Leibgeber versetzte: "Darum nicht, weil seine Fänge eine ganz andere Kelter sind und der saure Wein, eigentlich die Beerhülsen, nur das Gewölle, das kein Adler behalten mag."
Es würde mir nichts helfen – weil doch hundert Kuhschnappler im Reichs-Anzeiger mich berichtigen würden –, wenn ich hier lügen (wie ichs wohl wünschte) und berichten wollte, die beiden Advokaten hätten die kurze Woche ihres Beisammenseins mit jenem Anstand und Ernste verbracht, welcher, so wie dem Menschen überhaupt so anständig, noch besonders ihm als Gelehrten die achtung der gemeinsten Seelen zusichert, geschweige kuhschnappelischer.
Leider muss ich aus einem andern Tone singen. Leibgeber zeigte im Marktflecken Kuhschnappel so wie in allen Reichs und Landstädten nichts weniger als wahren Ernst. Auch im Flecken war es sein erstes, sich in den Klub einzuführen als fremder Künstler, um sich in einen Kanapee-Winkel zu legen und ohne geringsten Wort- und Silbenwechsel öffentlich vor der Erholung (so hiess der Klub) einzuschlafen. So halt' er es, sagt' er, gern in allen Städten, die mit Klubs, Kasinen, Harmonien, Museen versehen wären; denn nachts ordentlich vernünftig zu schlafen in der menschenleeren Bettstelle sei wenigstens er selten imstande, bei den lauten Gedankenschlägereien in seinem kopf und bei den entzündeten Pulverschlangen von Bilderprozessionen, die mit einem Toben durcheinander schössen, dass man sein eigenes Ich kaum höre und sehe. Sitz' er hingegen in einem Klubkanapee zurückgelehnt: so falle alles weg und Waffenstillstand der Gedanken stelle sich ein; das herrliche Durcheinandersprechen der Gesellschaft, das politische und andere Sprech-Pickenick trefflicher, recht zu ihrer Zeit gesprochenen Wörter, von denen er bald nur eine ultima, bald nur eine antepenultima vernehme, dies läute schon einigen Schlummer ein. Geh' es aber noch gründlicher zu, werde mit wahrer Strenge ein Satz durchgefochten und von allen Seiten aufs schärfste untersucht durch einen Schrei-Kehraus: so entschlaf' er so fest wie eine Blume, die der Sturm bewegt und nicht erweckt; und sein Quecksilber sei völlig fixiert.
Ein paar Städte, die ich kenne, müssen sich gewiss noch eines Mannes, der als Fremder immer in ihren Erholungen und Harmonien geschlafen, erinnern und noch an die heiter umblickenden Augen denken, womit er stets vom Kanapee aufstand und den Hut nahm, als wollt' er sagen: habt Dank für meine Auffrischung!
Indes Leibgebern sehe' ich in Kuhschnappel jedes Schlafen und Wachen nach, da er bald wieder in alle Welt geht; aber es kann mir nie gleichgültig sein, dass mein eigner Held, der sich da mit der Frau grade ansetzt und dessen Streiche ich darauf samt den andern Streichen, die er dafür empfängt, zu malen bekomme, sich geradeso aufführt, als heiss' er Leibgeber, was doch der Fall längst nicht mehr ist, da er schon seinem Vormunde angezeigt, dass er seinen Namen gegen den Siebenkäs umgetauscht. War es z.B. – um nur eins zu rügen – nicht auf wahre Possenspiele angelegt, dass, als die Kurrende (die arme Schülerschaft der Alumnen) vor den besten geistlichen Häusern ihnen gegenüber den herkömmlichen Bettel- und Gassengesang anstimmen und durchfugieren wollte, erstlich Leibgeber seinen Saufinder (ohne einen grossen Hund konnte' er nicht leben) in einer geschmackvollen Kindbetterin-Haube aus dem Fenster schauen liess? Und war es zweitens etwas Gesetzteres, dass Siebenkäs im Angesichte der Singschule hastig in Zitronen einbiss und dadurch die Speicheldrüsen der ganzen Schule aufschloss? Der Erfolg lehrte es genug: die Sänger konnten die Lippen vor dem gehaubten Saufinder so wenig zu ordentlichem Singen zusammenziehen, als einer, der lachen will, zu pfeifen vermag. Und wurden nicht nur durch die aufgesperrten Drüsen alle Singwerkzeuge unter wasser gesetzt, und jeder Ton musste mühsam genug durch Speichel waten? Ja war diese ganze, ordentlich lächerliche Störung sämtlicher Strassensänger nicht eben die Absicht beider Advokaten?
Freilich kommt Siebenkäs fast noch halb voll akademischer Freiheiten zurück und nimmt sich daher etwa einige heraus. Auch sehe' ich die kleine Überfülle der akademischen Jugend für den Fettkörper an, welchen nach Réaumur, Bonnet und Cuvier die Raupe während ihrer Verpuppung zur Nahrung des Schmetterlings verbraucht; von der Freiheit des Jünglings muss die des Mannes zehren; und ein gebogner Musensohn kann nichts anders werden als ein kriechender Beamter auf vieren.
Indes verbrachten die beiden Freunde die nächsten Tage nicht ganz ausser der Ordnung bloss mit Schreiben von Besuchkarten. Mit diesen, worauf natürlich nichts stand als: "Es empfiehlt sich und seine Frau, eine geborne